Oublier Cheyenne (2005)

Oublier Cheyenne (2005)

  1. ,
  2. 86 Minuten

Filmkritik: Nachwehen einer Beziehung

Ein Kuschelmudel
Ein Kuschelmudel © Studio / Produzent

Sonia (Aurélia Petit) und Cheyenne (Mila Dekker) waren bis vor kurzem ein Paar. Dass ihre Beziehung in die Brüche gegangen ist, hat vor allem einen sozialen Hintergrund: Cheyenne hat ihren Job als Journalistin verloren, während Sonja weiterhin als Chemielehrerin arbeitet. Cheyennes Antwort auf ihre Arbeitslosigkeit war und bleibt eine Absage an die Gesellschaft - sie will sich nicht von Sonja durchfüttern lassen, sie will keine Rechnungen mehr bezahlen und sie will vor allem jetzt einfach mal weg. Deshalb ist sie aufs Land verreist und hat ihre Spuren verwischt.

Sonia versucht nun, mit der hinterlassenen Lücke zu leben, doch es gelingt ihr nur streckenweise. Sie entschliesst sich nach langem Zögern, sich auf die Suche nach Cheyenne zu machen.

Wer einen Bogen um Oublier Cheyenne macht - was schwierig ist, denn der Film steht ja nirgends im Weg - macht einen Fehler. Ein französischer Problemfilm über eine Liebesbeziehung mit politischer Färbung, gedreht von zwei Lesben ohne Geld - darauf warten natürlich keine Fanboys schon wochenlang vor dem Startdatum.

Aber Oublier Cheyenne ist eine grossartige Entdeckung. Was die Filmemacherin Valérie Minetto mit einer Digitalkamera zustande gebracht hat - die Arme wusste beim Q&A mit dem Publikum in Edinburgh noch nicht einmal, um welches Modell es sich handelte - ist herausragend. Ein souveräner Umgang mit dem Breitleinwandformat und ein überaus sorgfältiger Umgang mit natürlichem und künstlichem Licht, mit Kerzenschein und mit Discobeleuchtung, macht den Film gleich von Beginn weg zu einem Ort, an dem man sich gerne niederlässt.

Schnell fällt auch auf: diese Dialoge sind extrem gut geschrieben, verspielt, pointiert und lebensnah, intelligent aber nie selbstverliebt. Wobei diese verschwundene Cheyenne natürlich schon ein narzisstisches Ding ist - sie verreist dann einfach mal und lässt eine sehnsüchtige Partnerin hinter sich. Sonia hingegen ist die Altruistin in Person - sie gibt immer und überall und kann sich nicht nehmen, was sie braucht: die selbstsichere Cheyenne an ihrer Seite.

Sonia wird gespielt von Aurélia Petit, die man übrigens auch in einer Nebenrolle in Science of Sleep sehen kann. Sie gibt diesen komplexen Charakter natürlich und charmant wieder, ihre Figur scheint regelrecht von innen zu leuchten, auch wenn diese Flamme kurz vor dem Versiegen steht.

Auch die politische Dimension des Films ist auf eine ansprechende Art und Weise gestaltet - es wird über soziale Armut und über willentliche und unwillentliche Ausgrenzung berichtet, aber in einem ausgewogenen Ton, der sich nicht auf eine simple Anklage an den Staat oder die Gesellschaft beschränkt, weil es immer und überall Alternativen, Hoffnung und eine Zukunft gibt.

"Du hast kein Telefon mehr, meine Briefe erreichen Dich nicht, mir bleibt nur noch die Telepathie, um mit Dir zu kommunizieren", sagt Sonia am Anfang des Films. Und eine telepathische Kraft ist es auch, die man diesem Film attestieren kann. Er spielt mit Gedanken, die wohl alle schon einmal in der einen oder anderen Form hatten, aber er tut es nie auf eine besserwisserische Weise. Dass die beiden Liebenden in der Geschichte zwei Frauen sind, muss zum Beispiel gar nicht weiter thematisisert werden - das ist einfach so, und auch wenn es nicht selbstverständlich ist, geht es hier vielmehr um die Sehnsucht nach einem anderen Menschen schlechthin als ums Anderssein. Solche einfachen, aber wirkungsvollen Liebesfilme kann auch das männliche Schwulenkino noch viele gebrauchen.

/ juz