Je ne suis pas là pour être aimé (2005)

Je ne suis pas là pour être aimé (2005)

Man muss mich nicht lieben
  1. ,
  2. 93 Minuten

Filmkritik: Kannst mich gern haben

Gere hatte J-Lo. *grummel*
Gere hatte J-Lo. *grummel*

Wenn der 51jährige Jean-Claude (Patrick Chesnais) an der Wohnungstüre klingelt, dann ist dies nur selten ein Grund zur Freude. Jean-Claude ist Gerichtsvollzieher, und sein Job besteht darin, Leuten auf die Pelle zu rücken, die ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen wollen, oder - wie meist - sie nicht mehr bezahlen können. Als Vermittler von Hiobsbotschaften, als Vorbote der Enteignung ist er unterwegs, stapft Treppen hoch, um sich vorwerfen zu lassen, wie unmenschlich er sei.

Während er regungslos sein verbittertes Gesicht für die Härte des Systems hinhält, sieht es auch in seinem Inneren recht düster aus - den Vater im Altersheim (Georges Wilson) besucht er anscheinend nur, um diverseste Vorwürfe auf sich niederprasseln zu lassen. Und bei aller unnötigen Meckerei hat der Senior in einem Punkt Recht - Jean-Claude hat es verpasst, eine glückliche Familie zu gründen.

Aserejé, ja, dejé, dejebe *sing*
Aserejé, ja, dejé, dejebe *sing*

Von seinem Büro aus kann Jean-Claude ein Tanzstudio beobachten, und das Bedürfnis kommt in ihm hoch, Teil dieser Welt zu werden: Er entschliesst sich für einen Tango-Anfängerkurs und lernt dort die hübsche, aber für ihn ziemlich junge Françoise (Anne Consigny) kennen. Zwischen den beiden - wie sich herausstellt, sind sie die zwei bereits zuvor begegnet - entspinnt sich eine labile Vertrautheit. Was Jean-Claude nicht weiss: Françoise probt die Tanzschritte für ihre anstehende Hochzeit...

Der Regisseur Stéphane Brizé konnte mit seinem zweiten Spielfilm (nach Le bleu des villes) in Frankreich einen recht ansehnlichen Erfolg verbuchen, woraufhin seinem Film nun auch eine internationale Karriere gegönnt ist. Dieser Erfolg lässt auf zweierlei Dinge schliessen. Erstens: Es besteht ein ernst zu nehmender Bedarf an Produktionen, die sich nicht in erster Linie an Teens oder Twens richten, sondern ein älteres Publikum ins Visier nehmen. Und die zweite Lektion: Der berüchtigte französische Problemfilm funktioniert an der Kinokasse durchaus, wenn er denn gut geschrieben und gut gespielt ist.

Je ne suis pas là pour être aimé - eigentlich ein simples Melodrama mit wenig spannenden Wendungen - hat vor allem ein Erfolgsrezept: Charakterisierung. Seine eigentliche Wette mit den Zuschauern geht der Film bereits mit seinem Titel ein - ihr werdet euch jetzt rund 90 Minuten mit einem unattraktiven Wesen beschäftigen müssen, das auf eure Sympathien gern verzichtet. Versucht bloss nicht, diesen Kerl gern zu haben, er wird es euch nicht danken. Und trotzdem soll euch dieser Film gefallen. Um diese Wette zu gewinnen, muss der Film jede kleinste Facette des Hauptcharakters ausleuchten, den weichen Kern in seiner rauen Schale Stück für Stück formen und dem Publikum erschliessbar machen. Dieser Ansatz ist auch für den Hauptdarsteller Patrick Chesnais keine leichte Aufgabe, obwohl ihm die Rolle auf den Leib geschrieben zu sein scheint.

Der Spannungsbogen der Geschichte ist einfach - Jean-Claude wird sich nach und nach öffnen, er wird seinen Gefühlen probeweise freien Lauf lassen, er wird seinen eigenen Frustrationen, die ja nunmehr schon Jahrzehnte dauern, ins Gesicht sehen. Aber wird er zur Hoffnung fähig sein? Und vor allem - wie wird sich seine Beziehung zu Françoise entfalten, die an seiner Schulter zwar Trost und Ablenkung von einem langweiligen Gatten in spe sucht, aber keinesfalls Liebe? Steht dem Griesgram eine nächste grosse Enttäuschung bevor, und wenn ja, wie tief wird er dadurch fallen?

Je ne suis pas là pour être aimé ist ein Einblick in den Alltag eines unscheinbaren, fast unsichtbaren Menschen - fein gezeichnet und mit überraschend viel Humor. Und spätestens nach diesem Film weiss man: Der Polizist, der einem gerade ein Parkbusse unter den Wischer geklemmt hat, ist wohl auch nur eine arme Sau, die gern Tango tanzen würde.

/ juz

Kommentare Total: 3

El Chupanebrey

Hinreissender kleiner Film, der mit einer Einfachheit, die Hollywood nie erreicht, glänzt. Hervorragende Darsteller, eine berührende Story und einiges an lakonischem Humor machen Je ne suis pas là pour être aimé zu einem französischen Meisterstück, welches man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Ausführliche Kritik

[Editiert von El Chupanebrey am 2009-04-11 11:53:15]

rm

Folgende Ähnlichkeit fiel der Kritikerin bei der Konkurrenz auf.

Poster zu "Lost in Translation" vs. Poster zu "Je ne suis pas la pour etre aimé". Mmm...

Ausserdem Shall we Dance. *hust*

juz

Filmkritik: Kannst mich gern haben

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Trailer Französisch, mit deutschen Untertitel, 01:39