Kingdom Hospital (2004)

Kingdom Hospital (2004)

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  2. 608 Minuten

DVD-Review: Tust du mir einen Gefallen, fress ich dich vielleicht nicht

Kopflos?
Kopflos? © Studio / Produzent

Das Kingdom Hospital in Lewiston, Maine wurde auf den Ueberresten der alten Gates Falls Fabrik errichtet. Ende des 19. Jahrhundert schufteten dort Erwachsene und Kinder in 16 Stunden-Schichten, um die Uniformen für die Soldaten im Bürgerkrieg herzustellen. Diese kämpften bezeichnenderweise dafür, dass die Sklaverei in den Südstaaten der USA abgeschafft wurde.... Bei einem schweren Brand 1869 konnten sich die meisten Arbeiter retten, nicht jedoch die Kinder.

Vielleicht sind es ja herumgeisternde, ruhelose Kinderseelen, die für die seltsamen Vorkommnisse im Krankenhaus verantwortlich sind? Das ist nämlich nicht nur von lokalen Erdbeben betroffen, sondern auch Lift 2 fällt immer wieder aus, und ein alter Krankenwagen beunruhigt den Wachmann Otto.

Angsthase?
Angsthase? © Studio / Produzent

Der bekannte Maler Peter Rickman (Jack Coleman) begibt sich zu Anfang der Serie auf seine tägliche Joggingtour. Mit guter Musik im Ohr läuft er durch den verlassenen Wald von Castle Rock. Zur gleichen Zeit kommt ihm ein abgefuckter Typ in seinem Minivan entgegen. Abgelenkt durch seinen Hund, der gerade die Kühltruhe auf der Rückbank plündert, fährt der gute Schlangenlinien... und erwischt Peter frontal. Doch statt sich um den Verletzten zu kümmern, stammelt er ein paar Worte der Entschuldigung und haut ab. Peter merkt nur, dass er schwer verletzt ist, und beginnt zu halluzinieren. Denn plötzlich taucht ein Ameisenbär auf und bietet ihm an: "Tust du mir einen Gefallen, tue ich dir einen Gefallen." Kurzerhand schleift er Peter für alle sichtbar an den Strassenrand, wo er auch tatsächlich von einem vorbeifahrenden Laster bemerkt wird.

Auf der Fahrt zum Krankenhaus erhascht Peter, bevor er ohnmächtig wird, noch einen Blick auf den Ameisenbär, der neben einem bleichen Mädchen mit Glocke in der Hand in einer Ecke des Krankenwagens sitzt. Im Kingom Hospital rettet ihm der smarte Dr. Hook (Andrew McCarthy) mit seinem Team das Leben. Nun liegt Peter eingezwängt in schreckenerregenden Gestellen auf der Intensivstation, und versucht sich, bewacht von seiner Frau, vom Unfall zu erholen.

Lachsack?
Lachsack? © Studio / Produzent

Zur gleichen Zeit wird das Medium Sally Druse (Diane Ladd) im Kingdom eingewiesen. Der resoluten alten Dame ist aufgefallen, dass man im Fahrstuhl 2 das Weinen eines kleinen Mädchens hören kann und sie ist entschlossen, diesem Rätsel auf den Grund zu gehen. Dabei muss sie sich aber vor dem karrieregeilen Dr. Stegman (Bruce Davison) in Acht nehmen, der nicht nur die Beziehung zu einer Kollegin, sondern auch einen katastrophalen Kunstfehler zu verbergen hat. Während die Belegschaft des Spitals mit menschlichen Wirren jeder Spielart beschäftigt ist, führt Sally Druses Weg schnell zu Peter. Welche Verbindung hat er zu dem kleinen Mädchen? Welche Rolle spielt der geheimnisvolle Ameisenbär Antibus? Warum machen Geister das Krankenhaus unsicher?

Was nun folgt, kann man nur als "ER auf LSD" (Zitat aus dem Making-of) bezeichnen. Wer auf bleiche kleine Mädchen mit Glocke, Ameisenbären mit messerscharfen Zähnen, irre Mörder, schrecklich freundliche Spitalleiter, sadistische tote Aerzte, kopflose Körper und Sex in der Leichenhalle steht, nur hereinspaziert! Suchen Sie Mr. Johnny B. Goode. Verirren Sie sich in den unterirdischen Gängen vom Kingdom Hospital. Wir versprechen Ihnen 15 Stunden spannende Unterhaltung, ein Wiedersehen mit Jesus und den dazugehörigen Wundern, viel Gänsehaut und noch mehr Verwirrung.

Kingdom Hospital basiert auf der Serie Geister des Dänen Lars von Trier. Stephen King hatte die Serie zufällig entdeckt und wollte sie veramerikanisieren. Das ist ihm gelungen. Ich habe leider die Originalserie nicht zu Ende gesehen, Kingdom Hospital ist aber nach meinem Eindruck sehr nahe daran geblieben.

Für mich recht ungewöhnlich, hatte ich die Serie in zwei Tagen fertig geguckt. Ich war einfach zu gespannt, wie die ganze Geschichte ausgeht, wie eins zum anderen zusammenpasst. Leider hat mich das Ende etwas enttäuscht. Für meinen Geschmack ist die Hauptstory zu konventionell. Ausserdem werden einige Aspekte nicht erklärt. Was soll zum Beispiel dieser kopflose Körper, der dauernd durch die Gänge des alten Kingdom Hospitals irrt? Und was sollte diese ganze Jesus-Episode? Die Hightlights sind sicher die skurillen Figuren und Episoden. Oder habt ihr in Emergency Room schon mal erlebt, dass das Aerzteteam während einer OP zu singen und tanzen beginnt? Wer jetzt also den totalen Horrorschocker erwartet, wird nicht auf seine Kosten kommen. So erschreckend wie Sadako aus Ringu ist das Glocken-Mädchen lange nicht. Ich würde die Serie unter "Drama mit mystischen Elementen" einordnen. Eher bizarr als beängstigend.

Nichtdestotrotz hat die Serie grossen Spass gemacht. "ER auf LSD" ist keine Untertreibung. Mr. King hat auch nicht mit kleinen Hinweisen gespart. Immer mal wieder lesen Leute in seinen Büchern oder in den Nachrichten wird die Situation beschrieben, "als wäre sie einer Geschichte von Stephen King entsprungen". Wahrscheinlich ist für King-Experten noch mehr zu entdecken. Soviel sei aber noch verraten: Der Meister himself hat ein kleines Cameo. Der Cast ist sehr gut ausgewählt worden. Bruce Davison spielt den schleimigen Dr. Stegmen so intensiv, dass ich am liebsten den Fernseher aus dem Fenster geworfen hätte. Und Andrew McCarthy muss den Vergleich mit George Clooney nicht fürchten, er macht eine gute Figur als heldenhafter, aber menschlicher Arzt.

Interessantes Detail für alle King-Fans (und auch für mich): Der Unfall, den Peter Rickman am Anfang der Serie erleidet, ist eine ziemlich genaue Beschreibung dessen, was Mr. King 1999 passiert ist. Nachzulesen auch in seinem -besonders für Schreiberlinge- spannenden Buch "Das Leben und das Schreiben".

Wer nach 15 Stunden noch nicht genug hat, kann sich die Serie nochmal mit den Audiokommentaren (englisch) ansehen. Oder auf der vierten DVD ein paar Extras angucken. Im Making-of "Inside the Walls" erzählt Mr. King unter anderem, wie es zur Produktion von Kingdom Hospital kam. Der ehemalige Atemtherapeut und Autor/Produzent der Serie, Richard Dooling, half ihm beim Drehbuch mit dem medizinischen Kauderwelch, über das die Schauspieler in "Patients & Doctors" stöhnen. In "Designing Kingdom Hospital" erfährt man einiges über die Sets und Kostüme, und in "The Magic of Antubis" wird munter über die Arbeit der Computeranimation berichtet. Uebrigens eine seltene Sache, dass in einer Fernsehserie dieser Aufwand betrieben wird.

Falls mal jemand nicht weiss, womit er die Zeit am Wochenende totschlagen soll: Kingdom Hospital und danach Geister gucken. Wenn ihr danach nicht reif für die Klapse seid, habt ihr meinen Respekt :-)

/ nwe

Kommentare Total: 2

Markus

Ganz interessant das Teil. Witzige Idee mit 'Antibus' (Name und Gestalt)

Aber der Schluss war ja mehr als nur Schwachsinn:

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Oh nein. Die alte Mühle brennt. Kommt wir zeichnen einen Feuerlöscher an die Wand. Oh der Feuerlöscher wird ja real. Judihui, wir haben das Feuer gelöscht. 😴😴

nwe

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