Mr. and Mrs. Iyer (2002)

Mr. and Mrs. Iyer (2002)

Oder: Liebe unter Ausgangssperre

Kille kille, Du nimmst eh die Pille.

Kille kille, Du nimmst eh die Pille.

Im indischen Himalaya macht sich die junge Mutter Meenakshi Iyer (Konkona Sen-Sharma) mit ihrem einjährigen Sohn Santanam per Bus auf die lange Reise zu ihrem Ehemann nach Kalkutta. Meenakshis Eltern bitten den Landschaftsfotografen Raja Chowdhury (Rahul Bose), sich ein bisschen um die junge Frau zu kümmern, wenn's drunter und drüber geht mit dem Baby im Bus. Raja hilft gerne, und die beiden kommen sich so schnell näher.

Ihr Reisebus wird in einem Gebiet, wo wegen Unruhen zwischen Moslems und Hindus eine dreitägige Ausgangssperre herrscht, an der Weiterfahrt gehindert. Fundamentalistische Hindus stürmen den Bus und töten ein altes Moslempaar. Raja, der auch Moslem ist, entgeht dem sicheren Tod, weil Meenakshi ihn als Mr. Iyer ausgibt. Auf der Weiterreise bilden die beiden nun eine Zweckgemeinschaft, in der die gegenseitige Zuneigung trotz aller gesellschaftlicher Hindernisse immer grösser wird. Am Ende der Reise wartet aber der richtige Mr. Iyer...


Film-Rating

Wir Schweizer erzählen immer so stolz vom friedlichen, jahrhundertelangen Zusammenleben der vier Kulturen mit ihren eigenen Sprachen in unserem Land, obwohl wir genau wissen, dass das Gemeinschaftsgefühl manchmal schon an der Kantonsgrenze halt macht, wenn nicht noch früher. Nun, Indien hat dreizehn offizielle Sprachen und ist zudem noch viel grösser als die kleine Schweiz. Das macht das Zusammenleben nicht leichter. Die Inder prahlen statt mit der ältesten Demokratie der Welt mit der grössten und dabei wird oft übersehen, dass der Konflikt zwischen Hindus und Moslem auf dem Subkontient auch innerhalb des Landesgrenzen schwillt.

Vor diesem Hintergrund spielt Mr. and Ms. Iyer das Werk aus dem Jahre 2002 der renomierten Regisseurin Apama Sen. Es ist ein indischer Low-Budget Film und deshalb gut geeignet für den Einstig ins indische Kino. Im Gegensatz zu den Bollywood-Musical-Marathons dauert dieser Film "nur" zwei Stunden und niemand singt. Dafür gibt es ungewöhnt dramatische Bilder als die Fundamentalisten den Bus stürmen. Gewalt findet aber abseits der Leinwand statt. Die Kamera ist nicht dabei oder es wird in Zeitungen, die im Film gelesen werden, auf andere Krisenherde in Israel oder Belfast verwiesen.

Der Bus repräsentiert Indien im kleinen: die reichen Teenies, das arme alte Ehepaar, die betrunkenen Gambler, die frischvermählten Turteltauben kämen auf so engen Raum sonst nicht zusammen. Auch die tamilische Brahmanin Meenakshi hätte sich unter normalen Umständen wohl nie auf den Moslem Raja eingelassen. Sie denkt zunächst, er sei ein Bengale und reagiert geschockt auf seinen muslimischen Hintergrund. Obwohl sie eine promovierte Physikerin ist, hat sie bedenken, dass sie von seiner Wasserflasche getrunken hat, nachdem ihr Raja so nett geholfen hat. Auch später weigert sie sich, mit ihm zu speisen, weil sie nicht weiss, aus welcher Kaste der Zubereiter der Poulet-Mahlzeit stammt. Ausserdem ist sie aus religiösen Gründen ein Hardcore-Vegi. Mit solchen Kleinigkeiten wird auf den Konflikt im grossen hingewiesen.

Raja und Meenakshi müssen sich auf Englisch unterhalten. Er kann kein Tamil und sie kein Bengali. Aber die Liebe kennt ja bekanntlich keine Sprache. Konkona Sen-Sharma, die Tochter der Regisseurin, musste sich für diese Rolle extra den tamilischen Akkzent aneignen. (Sie tut dies gemäss fachkundigeren Netizens hervorragend). Auch sonst ist es eine Freude, dem Spiel ihrer Augen zuzusehen, wie aus der etwas unsicheren Alleinreisenden eine forsche Frau wird, die weiss, was sie will. Mit Rahul Bose zusammen bildet sie ein perfektes Paar, dessen Zusammenspiel in der Szene, wo sie ihre Hochzeitsreise erfinden müssen, um sie den nervig gespielten Teenies erzählen zu können, ihren Höhepunkt findet.

Der Film ist nicht perfekt. Von der technischen Machart her manchmal ein bisschen klapprig wie der Bus, in dem er spielt. Und die Botschaft ist ein einfaches "Warum haben wir uns nicht einfach alle lieb!". Aber daran ist ja grundsätzlich nicht viel ausszusetzen. Wenn neben all der Politik und Kultur auch ein Blick auf die schönen Landschaften Indiens geboten werden sind Mr. and Ms. Iyer, die besten Reisebegleiter für eine intelligente Kinoreise auf den Subkontinent.


OutNow.CH:

Bewertung: 5.0

 

03.09.2004 / rm

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Bewertung: 5.0 (7 Bewertungen)

 

 

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