Das weisse Rauschen (2001)

Das weisse Rauschen (2001)

  1. 109 Minuten

DVD-Review: Die Realität ist ein Hirngespinst

Mit 21 Jahren fängt für Lukas (Daniel Brühl) das Leben in der Grossstadt an. Er zieht zur grossen Schwester Kati (Anabelle Lachatte) in die WG nach Köln und stürzt sich ins Nachtleben. Die neue Unabhängigkeit bringt Parties, Drogen und bald auch die erste interessante Frau, mit der sich Lukas für einen Abend im Kino verabredet. Weil nicht der Film läuft, den sich Lukas ausgesucht hat, versaut er das Rendez-Vous mit einem Wutanfall am Kassenhäuschen. Sein Date sucht derweil das Weite.

Ich glaub' ich hör was.
Ich glaub' ich hör was. © Studio / Produzent

Lukas ist auch sonst nicht ganz normal. Er verirrt sich gerne in grossen Gebäuden wie Bahnhöfen oder Unis und nach einem Drogentrip in der Natur beginnt er plötzlich Stimmen zu hören. Überdeutlich und laut macht man sich über ihn lustig. Nur das Rauschen der Dusche lässt sie verstummen. Er vermutet seine Mitbewohner dahinter und geht auf einen davon los. Später springt er aus dem Fenster. Paranoide Schizophrenie, lautet die Diagnose der Ärzte. Nun beginnt für Lukas der Kampf gegen das Chaos in seinem Kopf...

Psychiatriefilme sind so eine Sache. Regisseur Hans Weingartner verflucht sie als realitätsverfremdendes Mittel zur Oscargewinnung. Entweder sind Schizos in Filmen verkannte Genies oder finstere Massenmörder. Er führte zusammen mit seinen Fans einen persönlichen Feldzug gegen A Beautiful Mind, der zeitgleich wie der Film, worum es hier geht, in die Kinos kam. Weingartner rebelliert aber nicht nur gegen Psychiatriefilme, sondern auch gegen den "industriellen Spielfilmdreh", wie er es nennt, bei dem weniger als 20% der Zeit übrig bleibt für die kreative Arbeit. Der Rest verbringt man gemäss dem Voralberger mit dem Schreiben von Dispos, Kostümen, Proben und der Ausleuchtung von Szenen.

Das Resultat dieser Rebellion ist seine Abschlussarbeit an der Kunsthochschule für Medien in Köln: Das Weisse Rauschen, ein mit drei Digitalkameras, unter chaotischen Zuständen gedrehter Spielfilm. Sieben Leute umfasste die Crew und man machte während Wochen alles zusammen: wohnen, schlafen, essen, saufen, pilze fressen - und drehen. Bis die Schauspieler selber nicht mehr wussten, wer sie waren oder spielten. Filmemachen wie in der Industrie, wurde so verhindert. Damit kein Psychiatriefilm draus wurde, liess Weingartner, ein ehemaliger Student Cognitive Science (Hirnforschung), seine Arbeit wissenschaftlich betreuen. Herausgekommen ist dabei ein unterhaltsamer Film über Probleme junger Menschen. Dann aber auch eine authentische Darstellung der Krankheit Schizophrenie. Mit guten Darstellern wie dem dauerpubertierende Daniel Brühl und gewöhnungsbedürftigen Bildern und Tönen. Wie es sich für zwanghaft rebellische Menschen wie Weingartner gehört, darf aber auch ein bisschen Psychogesülze und die klischeebesetzte Hippie-Karawane, die nach Spanien fährt, nicht fehlen.

Weingartners Drang, der Welt etwas mitzuteilen, ist nicht nur im Information Overflow auf der offiziellen Website zum Film zu spüren. (Als Beispiel muss hier der Link zum Making-of herhalten, das fast interessanter ist als der Film selber). Auch die DVD quillt über mit Zusatzmaterial: Ein cooler Teaser, ein sphärischer Videoclip, Fotos so zahlreich, dass sie nach Themen gruppiert werden müssen, Hilfe für Betroffene, Interviews mit den Darstellern und Specials worin auch E-Mail Adressen der Beteiligten eingeblendet werden. Drehimpression zeigen wie viel Spass man am Set hatte und zeugen von den Preisverleihungen, an denen der Hauptdarsteller geehrt wurde. Im Audiokommentar schildern Matthias Schellenberg und Hans Weinberg oft nur das eh schon sichtbare, trotzdem gibt es ein paar witzige Anekdoten zu hören.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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