Boogie Nights (1997)

Boogie Nights (1997)

  1. 155 Minuten

DVD-Review: Bumms-Fallera

SUVA-Model?
SUVA-Model? © Studio / Produzent

In den 70-er Jahren war die Filmindustrie auf dem Weg zu neuen Ufern. Die Regisseure wollten künstlerische Filme machen. Anspruchsvolle und interessante Geschichten, unterlegt mit cooler Musik und damit die Zuschauer bei Laune halten. In der Porno-Branche vor allem. Da sollten die Kinogäste sitzen bleiben und nicht nach dem ersten Abspritzen das Kino wieder verlassen. So lautet auf alle Fälle der Traum vom Filmproduzenten Jack Horner (Burt Reynolds). Und für diesen Traum arbeitet er hart.

Im Nachtklub von Maurice (Luis Guzman), der schon lange mal in einer von Horners Produktionen mitmachen möchte, lernt der Regisseur einen jungen Mann kennen, dessen Hosenwölbung ihn beeindruckt. Ja hat der Junge denn eine Socke in die Hose gestopft und wurde er von Mutter Natur mit einem imposanten Vorteil ausgestattet? Horner lässt seinen Jungstar Rollergirl (Heather Graham) sich an Eddie (Mark Wahlberg) ranmachen und der Wirklichkeit ins Auge zu sehen. Denn der Vorteil von Eddie ist 32 Zentimeter und in der Branche eine Revolution.

Der Moment der Wahrheit
Der Moment der Wahrheit © Studio / Produzent

Eddie beisst an. Die Versprechungen einer besseren und vor allem finanziell einträglichen Zukunft lassen den Jungen aus seinen zwei Jobs in der Waschanlage und dem Nachtklub aus- und ins Geschäft mit der Spritzgarantie einsteigen. Seine erste Partnerin ist Amber Waves (Julianne Moore), die aufgrund ihres Tuns ihren Sohn gerichtlich verloren hat. Ebenso trifft Eddie, der sich nun, genretypisch cool, "Dirk Diggler" nennt, auf Reed (John C. Reilly), der sein bester Kumpel wird. Der Schritt vom Verlierer zum Star scheint dem Mann mit dem grossen Lümmel bestens gelungen zu sein. Seine Filme werden erfolgreich, er selber räumt bei Award-Verleihungen mächtig ab und Kohle kommt auch ins Haus. Alles paletti?

Hair-Mission Impossible?
Hair-Mission Impossible? © Studio / Produzent

Die 70-er gehen dem Ende entgegen und die 80-er erobern das Weltbild. Und damit eine Revolution im Filmbusiness. Videotapes ist das Zauberwort, mit dem sich die Produzenten, Macher und Stars der verschiedenen Genres herumschlagen müssen. Die einen erfolgreicher, die anderen weniger. Und Eddie gehört zu den Zweiten. Seine Filme sind zwar noch immer passabel, jedoch verfällt er langsam den ihm immer wieder angebotenen Drogen, dem Alkohol und darunter leider vor allem seine Standfestigkeit. Und genau das ist im Pornomilieu nicht gerne gesehen.

Der Absturz einer ganzen Gruppe ist unaufhaltsam. Eddie versucht weiterhin verzweifelt mit seinem Schniedel Kohle zu machen, Amber will ihren Sohn wieder zurück haben, Rollergirl holt die Schule nach und Buck (Don Cheadle) versucht seinen Traum von der eigenen Familie zu leben. Sie alle müssen feststellen, dass ihre Talente kaum dafür reichen, ausserhalb der Szenen Fuss zu fassen. Eine Rückkehr zu Jack Horner ist unausweichlich. Doch der stellt bereits die nächste Generation der Sex-Stars vor.

Paul Thomas Anderson, ist das nicht der, der immer so komische Filme macht? So Zeugs, wo man während des Filmes nah am wegdösen ist, aber schlussendlich doch die Augen nicht vom Bildschirm wegkriegt? Punch Drunk Love oder Magnolia sind auch von dem? Richtig! Genau das ist Paul Thomas Anderson, dessen Filme man nicht einfach so zwischen Rasenmähen und Hängematte guckt, sondern auf die man sich einlassen muss. Dann (und nur dann) kriegt man meistens imposante, realistische und deswegen interessante Geschichten geboten. Diese hier geht in die Branche des Pornofilms, ohne dass man gross Möpse oder Lümmel sieht. Somit dürfen alle Spanner erstmal die Finger von Boogie Nights lassen. Denn der ist soviel mehr als nur Hau-Ruck und Erlösung auf Kommando. Es ist eine Studie einer Zeit, in der man scheinbar soviel machen durfte und in der es trotzdem vor Gefahren nur so wimmelte.

Mark Wahlberg ist natürlich als Unterhosenmodel bekannt, das sich auch in diversen Filmen einsetzen liess. Aber erst mit Boogie Nights wurde seine Karriere (deren Tendenz inzwischen wieder extrem absteigend ist) gestartet. Und nach Ansicht und Kenntnis diverser seiner Filme ist die Meinung, dass er mit der Darstellung des Dirk Diggler die beste Leistung seiner Karriere abgegeben hat, untermauert worden. Nie mehr konnte sich der Mann vom Planet of the Apes oder aus The Italian Job so gut in Szene setzen, wie hier. Die Rolle des anfänglich schüchternen, dann sich selbst überschätzenden Pornostars mit imposantem Liebesstab, ist ihm auf den Leib geschneidert.

Neben ihm tummeln sich auf dem Set bekannte Namen, von denen Zwei (Burt Reynolds und Julianne Moore) sogar für einen Oscar nominiert wurden. Die beiden gestandenen Akteure lassen keinen Zweifel aufkommen, dass sie auch aus den kleineren Rollen das Maximum rausholen können. Ebenso überzeugt John C. Reilly als Side-Kick des Stars, William H. Macy als Assistent dessen Frau es immer wieder öffentlich mit allen möglichen Typen treibt und ihn somit in den Wahnsinn treibt und natürlich 2006-Oscargewinner Philip Seymour Hoffman als Ton-Mann. Auch Don Cheadle und die erst auf den zweiten Blick erkannten Thomas Jane (The Punisher) und Alred Molina (Spiderman 2, Frida) fügen sich nahtlos in die hervorragende Garde der Akteure ein.

Die Geschichte bezieht sich total auf eine kleine Gruppe aus dem Sex-Milieu, die versucht, auch ausserhalb von Bettlaken, Kameras und Filmklappen ihr Leben auf die Reihe zu kriegen, was nur bedingt gelingt. Während man anfänglich hauptsächlich Zeuge wird, wie man damals einen Erwachsenenfilm produzierte und finanziell unterstützte, zeigt die zweite Hälfte den Abstieg einzelner Figuren und somit nimmt auch der Film an Spannung und Dramatik zu. Zwischendurch gibt es lange, vermeintlich nichts sagende Szenen, die erst im Gesamtbild ihre Berechtigung bestätigen und Boogie Nights zu einem Film machen, der oberflächlich sehr lang und mühsam ist, aber auf den zweiten Blick ein hervorragendes Studium und Abbild einer Zeit darstellt, die nicht viel mit Glamour und Liebe zu tun hat.

Fazit: Boogie Nights ist eine spezielle Sache, die vom Titel und dem Grundgerüst der Geschichte (ein Mann mit grossem Schwanz dreht Pornos) her den Zuschauer auf die falsche Spur lockt. Denn Boogie Nights ist soviel mehr als nur *rumms, bumms* und "Welche Stellung ist die nächste?". Eine Charakterstudie, ein toller Schauspielerfilm und ein Drama der ersten Güte.

Wer auf die Musik der 70's steht, wird an den Extras der DVD helle Freude haben. Denn alle im Film vorkommenden Stücke werden nochmals extra mit den dazugehörigen Szenen aufgezeigt und sind anwählbar. Ausserdem gibt es auf Disc 1 interessante und (vor allem) recht lustige Audiokommentare des Regisseurs und des Hauptdarstellers. Disc 2 beinhaltet eine grosse Menge von geschnittenen Szenen, die nun in voller Pracht und Länge gezeigt werden. Ausserdem gibts ein kurzes Feature über den Mann, der sich immer wieder Rollen in coolen, kultigen und erfolgreichen Filmen schnappt. John C. Reilly. Abschliessend gibts noch ein Musikvideo. Wer sich für Easter-Eggs interessiert, für den hats ebenfalls was. Auf Disc 1 sollte man sich die "Farbbalken" genauer ansehen und auf Disc 2 die geschnittenen Szenen vollständig durchgucken. Da gibts einen Bericht über "Big John Holmes", dessen Vorzüge in Boogie Nights Pate standen.

Dani Maurer [muri]

Muri ist als Methusalem seit 2002 bei OutNow. Er mag (fast) alles von Disney, Animation im Allgemeinen und Monsterfilme. Dazu liebt er Abenteuer aus fremden Welten, Sternenkriege und sogar intelligentes Kino. Nur bei Rom-Coms fängt er zu ächzen an. Wobei, im IMAX guckt er auch die!

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Kommentare Total: 3

El Chupanebrey

Wirklich Wahlbergs beste Rolle! 😊 Ansonsten fand ich den Film recht gelungen, ausser dass er einfach zu lang dauert. 149 Minuten waren mir dann doch etwas zuviel. Aber ansonsten hats mir gefallen, Burt Reynolds, der sogar noch ein Stück weit die emotionale Anbindungsfigur ist.
Solider Film, den man sich aber nicht mehrmals hintereinander ansehen könnte (Nein, nicht wegen den Sexszenen).
4,5

pb

einfach ein absolut herrlicher, wunderbarer blick hinter die pornofilm-kulissen, macher und sternchen! 😊 wahlbergs mit abstand beste rolle.

muri

DVD-Review: Bumms-Fallera
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