Trainspotting (1996)

Trainspotting (1996)

Trainspotting - Neue Helden
  1. 94 Minuten

Filmkritik: Sag Nein zum Leben

Life's fun!
Life's fun! © Studio / Produzent

Mark (Ewan McGregor) ist ein Junkie. Neben Heroin konsumiert der Herumtreiber alles, was er in die Finger bekommt. Hauptsache, er kann aus seinem tristen Dasein flüchten. Unterstützung erhält er von seinen Drogen-Freunden Sick Boy (Jonny Lee Miller) und Spud (Ewen Bremner), bei denen sich ebenfalls alles um den nächsten Schuss dreht. Zusammen sitzen sie entweder in ihrer heruntergekommenen Wohnung oder mit Tommy (Kevin McKidd) und dem unter einem Aggressionsproblem leidenden Begbie (Robert Carlyle) in der örtlichen Kneipe, wo sie sich volllaufen lassen.

One crazy lad
One crazy lad © Studio / Produzent

Von einem Moment auf den anderen ist Mark davon überzeugt, von Heroin loskommen zu wollen. Doch auch wenn seine Freunde ihn nicht davon abhalten, gehören sie nicht zur Sparte Mensch, die für einen Entzug als hilfreich angesehen werden können. Und so bleibt auch Mark weiterhin an der Nadel hängen. Mithilfe einer neuen Bekanntschaft, seiner konservativen Eltern und der Chance seines Lebens - in Form von zwei Kilo seines Lieblingsstoffes - sieht Mark Licht am Horizont und einen Weg, sich endlich von der Droge zu verabschieden.

Ewan McGregor als Junkie ist sensationell und auch sonst ist Trainspotting, dessen Titel sich darauf bezieht, dass das Hobby Züge zu beobachten ebenso wie Heroinkonsum für Aussenstehende nicht nachvollziehbar ist, ein grossartiges Drogendrama: ein Geniestreich, dessen zynisch-witzige Dialoge und Figuren zum Lachen bringen, auch wenn sie es nicht sollten und das Danny Boyle nach über 20 Jahren endlich filmisch fortsetzen wird.

Danny Boyle, der 2009 für Slumdog Millionaire mit dem Oscar als bester Regisseur ausgezeichnet wurde und sieben weitere Goldmännchen abholte, feierte seinen internationalen Durchbruch mit der dreckigen, in Schottland spielenden Drogen-Tragikomödie Trainspotting, die in vielen Kreisen zum Kultfilm avancierte. Zu Recht, denn das auf dem gleichnamigen Roman von Irvine Welsh basierende Werk ist ohne Frage einer der eindrücklichsten britischen Filme der letzten 25 Jahre. Dies liegt einerseits am unverbrauchten Ensemble, das mit Leib und Seele agiert und in jeder Einstellung das Gefühl vermittelt, nicht Schauspieler, sondern echte Menschen zu sein. Ewan McGregor, der sich als Vorbereitung für seine Rolle monatelang in der Glasgower Drogenszene aufgehalten hat und nach eigenen Angaben nahe vor einem Heroin-Selbstversuch stand, gelang mit dem Film ähnlich wie Boyle der Durchbruch und ist heute ein Weltstar.

Dass Heroin und andere harte Drogen das Leben zerstören, wissen wir nicht erst seit Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, und trotzdem lassen uns solche Geschichte immer wieder das Blut in den Adern gefrieren. Der interessante und schockierende Aspekt an Trainspotting oder auch an Aronofskys Requiem For A Dream ist aber weniger der Drogenkonsum an sich, sondern die selbstzerstörerische Darstellung und Haltung der Figuren. Das Leben ist scheisse und ohne Kick geht nichts. Diese tragische Wahrheit verkörpern die Schauspieler mustergültig, und das triste Setting Edinburghs unterstreicht dies. Was Trainspotting aber von anderen ernsten 'Drogenfilmen' unterscheidet, ist der Humor, der britischer nicht sein könnte. Allein Robert Carlyle als Stammgast und Schläger mit Aggressionsproblemen sorgt schon für haufenweise Lacher, die eigentlich gar keine sein dürften. Allgemein sind viele Szenen an sich sehr witzig, der ernsthafte Kontext dazu lässt es aber kaum zu, positive Emotionen zu wecken.

Wer den Film im Original schaut, ist dem schottischem Slang ausgesetzt, was das Verständnis nicht immer einfach macht. Untertitel sind also keine schlechte Idee, vor allem weil die Dialoge das Herzstück des Films ausmachen. Zynisch und direkt wie aus einer Pistole geschossen, wird das spiessbürgerliche Leben kritisiert und der Zuschauer mit grossartig geschriebenen Dialogen konfrontiert. Ein herrliches und gleichzeitig tierisch schmerzhaftes Chaos, in das keine Ordnung einkehrt. Der Schlusspunkt gehört dem Soundtrack, der mit Iggy Pop und Lou Reed Legenden noch einmal aufleben liess. Trainspotting ist ein Film, den man gesehen haben muss, auch wenn er eigentlich zu keiner Zeit schön anzuschauen ist.

Yannick Suter [yan]

Yannick arbeitet seit 2010 als Freelancer für OutNow. Sci-Fi-, Horror- und Mindfuck-Filme sind seine Favorites. Wenig anfangen kann er mit Kostümfilmen und allzu prätentiösen Arthouse-Produktionen. Wer aber etwas über äusserst verstörende Filme erfahren möchte, ist bei ihm an der richtigen Adresse.

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