Uli der Pächter (1955)

Uli der Pächter (1955)

Oder: Never Change a winning team

Starbucks gabs noch nicht

Starbucks gabs noch nicht

Aus Uli (Hannes Schmidhauser), dem ledigen Knecht, ist Uli, der Pächter und Familienvater, geworden. Mit seiner ehrlichen Arbeit kann er reiche Ernten einfahren und er blickt hoffnungsvoll in die Zukunft. Der alte Joggeli (Emil Heggenschwiler) und seine Frau, die Glunggenbäuerin (Hedda Koppé), profitieren vom Erfolg ihres Pächters. Aber deren Sohn und der Schwiegersohn lassen nicht locker und wollen auch am finanziellen Segen teilhaben.

v.l.: Ross, Uli, Vreni

v.l.: Ross, Uli, Vreni

Uli wird übermütig und verstrickt sich, von falschen Freunden beraten, in unsaubere Geschäfte. Er verkauft einem Manndli eine Kuh, die keine Milch gibt. Im nachfolgenden Prozess wird er von aller Schuld freigesprochen und das Manndli droht ihm mit Gottes Strafe, die zehnfach über ihn kommen wird. Kurz darauf geht es schnell abwärts mit Uli. Ein Unwetter zerstört die Ernte, und er wird von einer schweren Krankheit ans Bett gefesselt. Können seine wackere Frau Vreneli (Liselotte Pulver) und ein paar gute Freunde das Blatt wenden? Und wer ist der mysteriöse Hagelhans?


DVD-Rating

Der zweite Teil der Geschichte um die Figur des Uli nach Jeremias Gotthelf kam an Weihnachten 1955, nur ein Jahr nach Uli der Knecht, in die Kinos. Damals war das kein Abklatsch des ersten Teils, sondern eines der seltenen Sequels der Filmgeschichte, die das Original übertrafen. Was den ersten Teil schon prägte, die schöne Sprache und die besten Schauspieler, die die Schweiz zu der Zeit zu bieten hatte, verstanden sich in Teil 2 von selbst. Dazu kam, dass die Frauen ins Zentrum der Geschichte gerückt wurden. Eigentlich sind Vreni und die Glunggenbäurin die Hauptfiguren. Uli siecht in der zweiten Hälfte nur noch rum. Und das tapfere Vreni leidet noch mehr. Und doch schaut das schwache Geschlecht, dass die Welt nicht aus den Fugen gerät. Und das ist doch ziemlich cool für eine Film der in den Fünzigern gedreht wurde. Das Anelisi sieht übrigens immer noch aus wie die Berliner Techno-Königin Marusha. Ich bin mir sicher, wenn der Film farbig wäre, hätte sie grüne Augenbrauen. So nebenbei gibt es sogar noch eine Schweizer Version eines Court Room Dramas. Der Film ist zurecht kult.

Die DVD zu Uli der Pächter gehört schon zum zweiten Schub, die Praesens-Film als Marke "Schweizer Filmklassiker" in den Handel bringt. Hinter den graphisch leicht misslungenen Hüllen verbirgt sich jeweils unterschiedliche Qualität, die den hohen Preis, der gegen 50.- Fr. geht, nicht immer gerechtfertigt.

Uli der Knecht und Uli der Pächter Filme bieten auf DVD eine beeindruckende Bildqualität. Für SF DRS wurde das Original 35mm-Negativ der Cinematheque Suisse in Zusammenarbeit mit memoriAV aufwändig gerettet, eine neue Kopie gezogen und diese dann digitalisiert. Gleichzeitig wurden auch Sprachfassungen in Deutsch, Französisch und Italienisch hergestellt. Die Originalschauspieler haben für die hochdeutsche Fassung selber synchronisiert. Da beide Filme für die Deutschlandpremiere aber um rund 10 Minuten geschnitten wurden fehlen gewissen Dialogstellen. Wählt man im Menu die hochdeutsche Fassung werden diese Szene auf Mundart mit deutscher Untertitelung eingefügt. Der Vergleich der beiden Fassungen ist vor allem deshalb interessant, um herauszufinden, welche Stellen damals als zu schweizerisch galten und dem deutschen Markt nicht zugemutet werden sollten. Die Untertitel an sich, die nur auf Deutsch und Deutsch für Gehörlose angeboten werden, beschreiben nur das Wesentliche des Dialoges.

Auch diese Scheibe gehört wie die des Vorgängerfilms zu den bestausgestatteten DVDs für einen Schweizer Film. In bezug auf die Fülle des Materials nur vergleichbar mit der DVD zu Florian Froschmayers Exklusiv. Die Schrifttafeln über Darsteller, Stab und technischen Angaben und die Entstehung des Films sind informativ. Noch interessanter sind die historischen Dokumente: Begeisterte Telegramme von Kinobesitzern aus der ganzen Schweiz, ein Schreiben vom Zürcher Stadtpräsidenten und Dr. Wander, dem Erfinder der Ovomaltine, Inseratevorschläge und und und. Neben den Trailer in hochdeutsch - der Film hiess in Deutschland "Und ewig ruft die Heimat" - gibt es weiteres Bildmaterial. Ein neu aufgenommenes Gespräch zwischen Liselotte Pulver und Stephanie Glaser zeigt die beiden von der heitersten Seite. Sie blättern im Originaldrehbuch und schwelgen während einer knappen halben Stunde in Erinnerungen. Pulver hatte dank echten Liebeskummer keine Probleme beim Tränen vergiessen vor der Kamera. Und wer einmal ein Flugzeug hört auf der Tonspur, hat sich übrigens nicht verhört. Es gab einen Verehrer von Pulver, der als Militärpilot öfter mal über das Drehgebiet flog, um einen Blick auf seine Liebste zu erhalten. Im Interview zu seinem 70. Geburtstag, das Hannes Schmidhauser dem Schweizer Fernsehen 1996 gab, zeigt er sich von der verbitterten Seite. Die Schweiz brauche keine Künstler, hat er manchmal das Gefühl und vom "Kindergarten mit der Schweizer Illustrierten" ist da die Rede. Wochenschaubilder von Charlie Chaplins Besuch auf dem Set runden das Bildmaterial bei den Extras blendend ab. Wer will, kann auch hier die Vorlage von Jeremias Gotthelf, den Roman "Uli der Pächter", als pdf-Dokument lesen.


OutNow.CH:

Bewertung: 5.0

 

11.08.2004 / rm

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