Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926)

Die Abenteuer des Prinzen Achmed (1926)

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  2. 65 Minuten

Filmkritik: Schattenspielertricks

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Vamos a la playa!
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In der Stadt des Kalifen wird ein grosses Geburtstagsfest für den Herrscher gefeiert. Ein mächtiger afrikanischer Zauberer nimmt ebenfalls am Fest teil und zeigt stolz sein fliegendes Zauberpferd, das er zuvor durch Magie erschaffen hat. Der Kalif möchte das Pferd unbedingt haben und lässt dem Zauberer dafür freie Wahl aus seinen unermesslichen Schätzen. Doch der Zauberer wählt nicht Gold oder Edelsteine, sondern Dinarsade, die Tochter des Kalifen. Ihr Bruder Achmed will das nicht zulassen, doch der Zauberer kann ihn dazu überreden, auf das Zauberpferd aufzusteigen. Dieses steigt sogleich immer höher in die Lüfte und trägt den Prinzen davon, da er nicht weiss, wie er mit dem Pferd umkehren oder landen kann.

Als Achmed endlich den Sinkmechanismus entdeckt hat, ist er bereits fern seiner Heimat auf der Zauberinsel Wak-Wak. Dort trifft er auf die wunderschöne Herrscherin Pari Banu, die jede Nacht mit ihren Gefährtinnen im Vogelkleid auf eine Insel fliegt, um dort im Zaubersee zu baden. Achmed entwendet dieses Vogelkleid und fliegt mit Pari Banu auf seinem Pferd nach China. Doch auch der Zauberer hat es inzwischen auf Pari Banu abgesehen und folgt den beiden, um Achmed ein für alle Mal loszuwerden.

Lotte Reinigers Silhouettenfilm ist ein Klassiker des Animationsfilms, der auch heute noch begeistert. Inspiriert von Motiven aus dem Erzählkomplex von Tausendundeiner Nacht, zeigt Die Abenteuer des Prinzen Achmed eine kurzweilige, zauberhafte Abenteuergeschichte, die mit den kolorierten Bildern, der musikalischen Untermalung und den frechen Wendungen zu gefallen weiss. Freilich sind es die detailreich gestalteten Scherenschnittfiguren und deren meisterhaft inszenierten Bewegungen, welche dem Film seinen ganz besonderen zeitlosen Zauber verleihen.

Gemeinhin gilt Disneys Snow White and the Seven Dwarfs aus dem Jahr 1937 als erster abendfüllender Animationsfilm der Filmgeschichte. Wenn man aber nicht nur klassische gezeichnete Trickfilme berücksichtigt, sondern auch andere Formen animierter Filmkunst unter den Begriff «Trickfilm» zusammenfasst, gibt es durchaus noch andere Filme, die weit vor Schneewittchens Trickfilmeinstand Premiere feiern durften. So etwa auch der Scherenschnitt- bzw. Silhouettenfilm Die Abenteuer des Prinzen Achmed der Animationspionierin Lotte Reiniger (1899-1981), der bereits 1926 (!) erschienen war.

Für die Herstellung des Filmes hatte das Team um Lotte Reiniger ganze drei Jahre gebraucht. Während dieser Zeit schnitt Reiniger selbst Unmengen an filigranen Figuren aus schwarzem Karton aus, die dann Frame für Frame auf einer hinterleuchteten Glasplatte im Stop-Motion-Verfahren animiert wurden. Insgesamt wurden so etwa 95'000 Einzelbilder für den Film aufgenommen, und viele Verfahren wurden dabei überhaupt erst entwickelt.

Ohne gesprochene Dialoge und nur mit wenigen eingeblendeten Texttafeln, schafft es Reiniger - die bis ins hohe Alter weitere Scherenschnittfilme kreiert hat - mit ihren detailreich inszenierten Schattenfiguren, eine spannende Story zu erzählen. Obwohl die Geschichte eigentlich doch eher Nebensache ist. Es sind die tollen Bilder, die leuchtend strahlenden Hintergrundfarben und die epische Musik, die das unvergessliche Feeling dieses Klassikers ausmachen.

Dass uns dieses Erlebnis immer noch möglich ist, ist übrigens Zufallsfunden und mühsamen Archivrecherchen zu verdanken: Lange galt die Originalversion des Filmes als verschollen, weshalb jahrzehntelang nur eine Version in Schwarzweiss vorlag. Erst 1999 tauchten eine Kopie mit den kolorierten Hintergrundbildern sowie die Originalpartituren wieder auf, mit deren Hilfe der Film aufwendig restauriert wurde. Musikalisch gibt es den Film übrigens mit drei unterschiedlichen Soundtracks zu geniessen, der auch bei den vielen Reprisen im Kino gerne mit Live-Musik gespielt wird.

Petra Schrackmann [pps]

Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).

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