Martha is Dead (2022)

Martha is Dead (2022)

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PS5-Review: Die Familie kann man sich nicht aussuchen

Martha ist tot. Aber wer ist dafür verantwortlich?
Martha ist tot. Aber wer ist dafür verantwortlich? © Wired Productions

Während im Jahr 1944 der Zweite Weltkrieg tobt und die Alliierten immer näher rücken, ereignet sich auf dem idyllischen Landsitz eines deutschen Generals in der Toskana eine Tragödie anderen Ausmasses.

Martha, die von allen geliebte Tochter des Generals, treibt tot im naheliegenden See. Gefunden hat sie ihre Zwillingsschwester Giulia, die besonders von der Mutter kaum je Liebe erfährt und mehr geduldet als gewünscht ist. Giulia nutzt die Gunst der Stunde und nimmt die Identität ihrer toten Schwester an, um herauszufinden, wer für ihren Tod verantwortlich ist - und um endlich die Liebe ihrer eigenen Eltern spüren zu können.

Zwischen den Wirren des Krieges, einer alten örtlichen Legende um eine geisterhafte Frau und den eigenen Ängsten, begibt sich Giulia auf eine Tätersuche, die Grausiges zutage fördert.

Martha is Dead ist kein Wohlfühl-Game. Und will es auch nicht sein. Zwar ist sich das Spiel manchmal nicht ganz sicher, was es genau sein will, das schadet der dichten Atmosphäre allerdings kaum. Aufgrund technischer Defizite und einigen Design-Schwächen ist dem kleinen Entwicklerteam zwar nicht der ganz grosse Wurf gelungen, eine packende Story macht allerdings vieles wieder wett.

Um die nahe gelegene Insel ranken sich viele Legenden.
Um die nahe gelegene Insel ranken sich viele Legenden. © Wired Productions

In der Ego-Perspektive bewegen wir uns durch das hübsch gestaltete Anwesen, den umliegenden Garten und den nahe gelegenen Wald. Wir untersuchen Gegenstände, lesen Tagebücher, lauschen Radiodurchsagen und fotografieren mit einem ziemlich umfangreichen Fotografie-Minispiel mögliche Hinweise und Beweise, die wir in der häuslichen Dunkelkammer entwickeln. Wer hier Action erwartet, ist fehl am Platz. Martha is Dead legt seinen Fokus aufs Erkunden. Entsprechend gemächlich ist das Gameplay und Erzähltempo.

Dreh- und Angelpunkt bei dieser Art Spiele ist natürlich die Story. Und hier kann Martha is Dead punkten. Wie schon beim ersten Spiel des Studios, The Town of Light, erlebt man auch hier eine emotionale Achterbahn vor einer begrenzten Kulisse. Die Geschichte wirkt stellenweise etwas wirr, aber das ist gewollt, denn so wie Giulia nicht weiss, wie ihr geschieht, empfindet der Spieler ähnlich. Durch verschiedene Entscheidungen können wir ausserdem den Spielverlauf beeinflussen. Verpfeifen wir eine Gruppe Widerstandskämpfer an unseren Vater oder greifen wir ihnen unter die Arme? Die Wahl liegt bei euch.

Das Spiel bietet verschiedene Sprachausgaben. Vater Erich wird überzeugend vom Schauspieler Udo Kier vertont - auf Deutsch, Englisch oder Italienisch.
Das Spiel bietet verschiedene Sprachausgaben. Vater Erich wird überzeugend vom Schauspieler Udo Kier vertont - auf Deutsch, Englisch oder Italienisch. © Wired Productions

Einem Genre lässt sich der Titel schwerlich zuschreiben. Martha is Dead beschreibt sich selbst als Psycho-Thriller. Es vermischt Handlungsfäden, die aus einem WW2-Thriller stammen mit Horror-Elementen, Drama und surrealistischen Elementen. Gelegentlich verirrt sich Martha is Dead jedoch in seiner eigenen Identität. Der Grossteil des Spieles fühlt sich wie ein WW2-Familiendrama an. Die sporadischen Horror-Momente und die Nebengeschichte um die Legende der Weissen Frau wirken dann stellenweise fast fehl am Platz. Während unserem rund 7-stündigen Durchgang hat uns das aber nicht wirklich gestört.

Einige Sequenzen gehen ziemlich ans Eingemachte.
Einige Sequenzen gehen ziemlich ans Eingemachte. © Wired Productions

Martha is Dead fährt atmosphärisch gross auf. Durch eine gelungene Soundkulisse, Telefongespräche, Zeitungsberichte und Radiodurchsagen fühlen wir uns wirklich in die damalige Zeit zurückversetzt. Und durch diese gelungenen Tricks konnten die Entwickler grösstenteils auf NPCs verzichten. So fühlt man sich als Giulia zwar ziemlich einsam, allerdings nie in einer leblosen Welt.

Optisch ist das Spiel kein Überflieger und hat auch oft mit nachladenden Texturen oder Rucklern zu kämpfen. Im Wesentlichen kommt der Titel aber stimmig und hübsch daher. Nicht so gefallen hat uns die Lichtgestaltung unter freiem Himmel. Besonders tagsüber wirkt alles einen Tick zu grell und flach. Da half auch unser Justieren in den Optionen nicht weiter.

Stellenweise unglücklich waren wir auch mit dem Questdesign. In einem Tagebuch werden unsere einzelnen Aufgaben übersichtlich erfasst. Doch obwohl ein optionaler Hinweis-Modus gelegentlich Tipps zur gegenwärtigen Aufgabe gibt, blieben wir da und dort dennoch hängen. Die Folge war planloses Absuchen der Spielumgebung. Da machen sich dann auch die teils langen Laufwege negativ bemerkbar. Wenig hilfreich ist ausserdem, dass schon sehr früh einzelne Aufgaben gefasst werden, die wir aber erst kurz vor Spielende absolvieren können - nur wissen tun wir das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Das Foto-Feature ist umfangreich, wird aber zu selten sinnvoll genutzt.
Das Foto-Feature ist umfangreich, wird aber zu selten sinnvoll genutzt. © Wired Productions

Zudem haben sich die Entwickler in einige Features verliebt, auf die wir in diesem Umfang ruhig hätten verzichten können. Das Fotografieren mit einer alten Kamera macht zwar Spass, das Entwickeln der Bilder ebenso. Wirklich relevant ist das Feature aber nur in wenigen Momenten. Auch ein Morsecode-Rätsel hat bei uns für genervtes Aufstöhnen gesorgt. Einmal ist das ja lustig, aber spätestens beim dritten Mal ist es nur noch umständliche Arbeit.

Noch ein abschliessendes Wort zu der Zensur, mit der die Sony-Fraktion bedacht wurde: Inhalte wurden keine herausgeschnitten. Die beanstandeten Sequenzen sind nach wie vor im Spiel, allerdings nur als nicht spielbare Zwischensequenz. Da Martha is Dead seine Stärke sowieso nicht auf der Gameplay-Ebene ausspielt, fällt das kaum störend ins Gewicht. Ob die Zensur sinnig ist, bleibt allerdings eine andere Frage. Denn weniger harmlos sind die Szenen durch die Entschärfung nicht geworden. Martha is Dead ist und bleibt ziemlich harter Tobak.

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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