Madison (2022)

Madison (2022)

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PS5-Review: Keine Zeit für Selfies

Das Ding hätte besser in der Brockenstube bleiben sollen.
Das Ding hätte besser in der Brockenstube bleiben sollen. © Bloodious Games

Die Familie des 16-jährigen Luca hat eine ziemlich finstere Vergangenheit: Häusliche Gewalt, Selbstmorde, Wahnsinn. Der Teenager findet sich eines Nachts im elterlichen Haus wieder und versucht, den Geheimnissen seiner Eltern und Grosseltern auf die Spur zu kommen. Mit Lucas Geburtstagsgeschenk - einer Polaroid-Kamera - schleichen wir uns in der Ego-Perspektive durch das verlotterte Haus und merken bald, dass hier so einiges ganz und gar nicht stimmt. Treibt hier wirklich ein Geist sein Unwesen? Und was hat die verstorbene Massenmörderin Madison Hale damit zu tun?

«P.T.», Hideo Kojimas spielbarer Trailer zum leider eingestellten Silent Hill-Reboot, hat die Welt der Horrorspiele nachhaltig verändert. Viele Epigonen haben sich daran versucht, das Grauen im heimischen Wohnungssetting zu replizieren. Manche mit mehr, manche mit weniger Erfolg. Auch Madison schlägt in diese Kerbe und soll einen First-Person-Schocker der Extraklasse bieten.

Madison macht technisch verdammt viel richtig und sorgt während seiner rund sechsstündigen Grusel-Kampagne für so manch wohligen Schauer, den selbst hartgesottenen Horrorfans hin und wieder erwischen dürfte. Zwar betritt die Story nicht wirklich Neuland und Hauptcharakter Luca bleibt als weichgekochte Heulsuse in Erinnerung, trotzdem bietet der Titel als angenehm klassischer Rätselspass im Horrorkostüm eine tolle Spukhaus-Erfahrung.

Der Kamerablitz zeigt uns Dinge, die wir gar nicht sehen wollen. Zum Beispiel nackte Schrumpelgeister.
Der Kamerablitz zeigt uns Dinge, die wir gar nicht sehen wollen. Zum Beispiel nackte Schrumpelgeister. © Bloodious Games

Mit Kamera auf Geisterjagd? Das klingt erstmal nach der Project Zero-Reihe. Aber Madison geht einen ganz anderen Weg. Während die Kamera bei der unheimlichen japanischen Geister-Knips-Orgie als Waffe fungiert, wird sie bei Madison mehrheitlich für die zahlreichen Rätsel benutzt.

Denn in erster Linie ist Madison ein Rätselspiel, das - positiv - an alte Resident Evil Teile erinnert. Wir bewegen uns als Teenager Luca durch das verwinkelte Familienanwesen, suchen Schlüssel, tauschen Sicherungen aus, hängen Bilder in der richtigen Reihenfolge an die Wand und erschliessen so neue Wege und Zimmer. Immer zur Hand: Die Fotokamera, mit der wir Verborgenes ablichten, das in der realen Welt nicht zu sehen war. Dieses klassische Spieldesign bringt zwar Backtracking mit sich, gibt den Entwicklern dadurch aber die Möglichkeit, mit dem schaurigen Setting zu spielen. So steht in einem Zimmer plötzlich eine Maria-Statue, die zuvor nicht da war und gibt uns das ständige Gefühl, beobachtet zu werden.

«Luca, räum dein Zimmer auf!»
«Luca, räum dein Zimmer auf!» © Bloodious Games

Den Horror zieht Madison durch die dichte Atmosphäre und dem Gefühl, nie zu wissen, was als nächstes passiert. Zwar bleibt das Spiel mehrheitlich gemächlich und verzichtet auf hektische Fluchtsequenzen vor unbesiegbaren Gegnern, wie sie uns beispielsweise Amnesia: Rebirth oder Outlast immer wieder vorsetzen, ganz sicher fühlt man sich aber trotzdem nicht. Denn vereinzelt gibt es durchaus Erscheinungen, die uns ans Lebendige wollen. Diese sind zwar äusserst spärlich eingesetzt, deshalb aber umso effektiver. Schön auch, dass die Polaroid-Kamera integraler Bestandteil des Gameplays ist und nicht bloss ein nettes Gimmick, wie beispielsweise in Martha is Dead. Ihr Blitzlicht in dunklen Korridoren sorgt zudem für einige der gelungensten Jumpscares der letzten Jahre.

Technisch weiss Madison dank einer gelungenen Optik und herausragendem Sound-Design zu gefallen. Besonders die Geräusche im Haus sorgen dafür, dass wir regelmässig zusammenzucken. Wermutstropfen: Gelegentlich hat das Spiel mit starken Rucklern zu kämpfen und das wackelnde Sichtfeld, dass die Kopfbewegung der laufenden Spielfigur simulieren soll, empfanden wir als störend. Auch mit der Sprachausgabe waren wir nicht vollends zufrieden. Zwar machen die meisten Sprecher ihre Sache gut, leider aber fällt vor allem Hauptdarsteller Luca mit seinem konstant weinerlichen Gejammer negativ auf.

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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Trailer: Blue Knees - Reveal Englisch, 01:25