The Chant (2022)

The Chant (2022)

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PS5-Review: Warum man von Esoterik die Finger lassen sollte

Nein, das ist nicht Charles Mansons Bruder, sondern unser Insel-Guru.
Nein, das ist nicht Charles Mansons Bruder, sondern unser Insel-Guru. © Prime Matter

Jess ist eine junge Frau mit einer bewegten Vergangenheit. Und genau diese Vergangenheit manifestiert sich in ihrem Alltag immer wieder in Form von grausigen Einbildungen und Visionen. Statt sich bei einer Psychiaterin auf die Couch zu legen, nimmt sie den Ratschlag ihrer Freundin Kim an, bei einem Yoga-Retreat auf einer abgelegenen Insel teilzunehmen.

Kaum auf Glory Island angekommen, lernt Jess schnell, dass hinter der idyllischen Fassade der Insel und den fürsorglichen Mienen ihrer meditierenden Mitmenschen ein finsteres Geheimnis steckt. Denn auf der Insel wurde schon vor Jahrzehnten mit einer neuen Form der Spiritualität experimentiert, die nicht nur den Geist, sondern ganz andere Portale öffnet.

The Chant ist ein leicht verdauliches Grusel-Abenteuer, das zwar einiges an Potenzial ungenutzt verstreichen lässt, aber im Grossen und Ganzen dank spannendem Setting Spass macht. Schade nur, überzeugen die Story und die Charaktere nicht vollends, und auch der Horror kommt etwas gar zahm und voraussehbar daher.

Damit würde ich mal zum Dermatologen.
Damit würde ich mal zum Dermatologen. © Prime Matter

The Chant ist das erste Game des Entwicklerstudios Brass Token. Und für ein Erstlingswerk haben die Damen und Herren solide Arbeit geleistet. Zwar erfindet das Spiel das Horror-Rad nicht neu, bietet aber gut verdauliche Kost mit einer Handvoll spannenden Ansätzen. Technisch gibt es wenig zu meckern. Die Optik passt, Synchronisation und Musik sind stimmungsvoll. Steuerung und Menüführung sind ebenfalls ordentlich gelungen.

Einer der grössten Fehler liegt wohl im Storytelling. Schon im Prolog verfeuern die Entwickler einen grossen Teil ihres Settings und zeigen ohne doppelten Boden, was uns später auf der Insel erwarten wird. Ziemlich schade, das nimmt nämlich einen grossen Teil der mystischen Atmosphäre vorweg und zerstört allfällige Überraschungseffekte unnötig früh.

Schade ist auch, dass sehr kurz nach Jess' Ankunft auf der Insel des Grauens die Kacke im Eiltempo durch den Ventilator gepfeffert wird und die Story derart schnell Fahrt aufnimmt, dass man sich kaum in das Setting einfühlen und die Charaktere kennenlernen kann. So bleiben die Figuren mehrheitlich sehr blass und eindimensional. Ihr Schicksal geht uns grösstenteils meilenweit am Allerwertesten vorbei. Im Anbetracht der relativ kurzen Spielzeit von etwas über sechs Stunden ist es aber auch verständlich, dass man zügig zur Sache kommen wollte.

Hast du einen Schwager in Silent Hill?
Hast du einen Schwager in Silent Hill? © Prime Matter

Im Verlauf des Spiels erkunden wir als Jess Stück für Stück verschiedene Bereiche der Insel und decken die Geschichte hinter dem Retreat und der «revolutionären» Therapie auf, die hier angewendet wird - und Leute noch verrückter macht als ohnehin schon. Unterwegs sammeln wir Pflanzen und andere Materialien für ein rudimentäres Crafting-System ein, finden Tagebücher und Filmrollen und begegnen Monstern.

Unsere psychisch dezent instabile Jess muss sich regelmässig gegen diese kreativ designten Gestalten wehren. Statt aber mit einer Schrotflinte und Handgranaten durchs Gehölz zu tingeln, bastelt sich Jess aus Kräutern, Pilzen und Ästen Nahkampfwaffen wie etwa eine Salbeifackel, mit der man die dämonenhaften Gegner vertreiben kann - indem wir den übellaunigen Gesellen den Prügel mit Schmackes um die Rübe knüppeln.

Als Spielerin oder Spieler müssen wir Jess' Zustand stets im Auge behalten. Dieser teilt sich auf drei Faktoren auf. Hält sich Jess zu lange im Dunklen auf oder wird angegriffen, nimmt ihre psychische Gesundheit ab. Ist diese aufgebraucht, kriegt sie eine Panikattacke und kann nur noch fliehen. Dann gibt es noch ihre physische Gesundheit und ihre spirituelle Energie. Letztere wird benötigt, um Spezialattacken auszuführen. Im Laufe des Spiels finden wir nämlich Prismen, die uns eine spezifische Fähigkeit verleihen, beispielsweise eine Druckwelle, mit der man Gegner zurückstossen kann. Grundsätzlich macht das Kampfsystem dank verschiedenen Skills Laune und bietet eine gewisse Abwechslung, die Kämpfe selbst werden aber schnell eintönig.

Ist The Chant gruselig? Eigentlich nicht. Ja, es gibt Monster, ja es gibt Jumpscares und eine Story, die Themen wie Trauma und Trauer aufgreift, aber wirklich zum Fürchten ist das alles nicht. Das liegt auch daran, dass man viele Tropes mittlerweile in zig anderen Spielen schon gesehen hat. Und oft besser. Leicht schreckhafte Naturen finden hier aber möglicherweise einen sanften Einstieg ins Genre.

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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