Paradise Lost (2021)

Paradise Lost (2021)

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PS4-Review: Willkommen im nationalsozialistischen Bruder von Rapture!

Ich bin hier, wer noch?
Ich bin hier, wer noch? © All In! Games

In der Welt von Paradise Lost kannte der Zweite Weltkrieg keinen Sieger. Nach über zwanzig Jahren des Kriegs haben die Deutschen mittels Atomraketen ganz Europa in ein atomares Ödland verwandelt. In dieser Ruinenwelt treffen wir auf den 12-jährigen Szymon, der nach dem Tod seiner Mutter auf eine geheime Bunkeranlage der Nazis stösst. Nur mit einem Foto ausgerüstet, das seine Mutter und einen mysteriösen Mann in den unteren Ebenen des Bunkers zeigt, macht sich Szymon auf die Suche nach Antworten.

Über Funk ist Szymon mit einem Mädchen verbunden, das tief in den Eingeweiden der weitläufigen Anlage gefangen scheint. Mit ihrer Hilfe stösst Szymon immer tiefer in die Ebenen dieses vermeintlichen Utopias vor und lüftet Stück für Stück die Geheimnisse der unterirdischen Stadt und ihrer einstigen Bewohner.

Ein eindrückliches und atmosphärisch dichtes Setting in schöner Optik vermag leider nur teilweise über die Schwächen im Voice-Acting und Gameplay hinwegtäuschen. Paradise Lost hätte mit etwas mehr Feinschliff und Tiefe durchaus grosses Potenzial gehabt. Unterm Strich bleibt ein spannendes Erkundungsspiel, das gerade auf der emotionalen Ebene zu wünschen übrig lässt.

Selbst im Untergrund konnten die Nazis nicht auf ihren Pomp verzichten.
Selbst im Untergrund konnten die Nazis nicht auf ihren Pomp verzichten. © All In! Games

Paradise Lost ist ein klassischer Walking-Simulator. Aus der Sicht von Szymon bewegen wir uns durch die weitläufige und abwechslungsreiche Bunkeranlage. Mittels Notizen, Gegenständen und Sprachaufzeichnungen erfahren wir immer mehr über die Geschehnisse des Bunkers, das Treiben der Deutschen, einen Eroberungsversuch durch Partisanen und das Wirken eines verzweifelten Wissenschaftlers. Rätsel gibt es keine, Interaktionen mit der Umgebung beschränken sich auf das Durchsuchen von Schreibtischen und dergleichen oder das Betätigen von Schaltern.

Die Geschichte rund um das unterirdische Nazi-Paradies beginnt zunächst spannend und mysteriös, versprüht stellenweise sogar BioShock-Flair, verläuft sich am Ende aber in einer eher wirren Auflösung, die zwar in verschiedenen Enden ausgehen kann, im Kern aber gleich bleibt. Möglicherweise hätte die Geschichte besser funktioniert, wenn sich die Entwickler gerade gegen Ende mehr Zeit genommen hätten, tiefer auf die Figuren einzugehen. So hetzt man als Spieler durch den ein oder anderen - recht voraussehbaren - Twist, ohne von der Tragweite emotional betroffen zu sein.

Nein, das wird kein Ausflug nach Mittelerde.
Nein, das wird kein Ausflug nach Mittelerde. © All In! Games

Die grossen Pluspunkte des Spiels sind ganz klar die Optik und die Atmosphäre. Die Umgebungen, sei es ein Bahnhof, eine versunkene Stadt inklusive Einkaufsmeile oder die Gärten, sind alle liebevoll und detailreich gestaltet. Zusammen mit der Musik und dem Sounddesign ergibt sich so ein stimmiges Gesamtbild, das viel Melancholie und Unbehagen auslöst. Auch ist es spannend, die Details dieser Alternativwelt eines Nazi-Reiches in den Sechzigerjahren zu erkunden. Im Gegensatz zu einem Wolfenstein: The New Order kommt Paradise Lost jedoch bierernst daher - und das ist auch gut so.

Weniger gelungen ist dafür die englische Sprachausgabe. Gerade der Sprecher von Hauptfigur Szymon vermittelt oft den Eindruck, seine Zeilen gelangweilt herunterzulesen. Somit wirkt seine emotionale Reise für uns arg unglaubwürdig und verschenkt.

Ein Spiel, das mit äusserst spärlichem Gameplay aufwartet und ausschliesslich auf Erkunden ausgelegt ist, darf in diesem Bereich einfach nichts falsch machen, leider aber begeht Paradise Lost gerade hier einen kapitalen Fehler. Die Laufgeschwindigkeit von Szymon ist derart gemächlich, dass uns in den weitläufigen Gebieten oft die Langeweile überkommt. Eine Sprinttaste hätte weder der Atmosphäre geschadet noch dem Spielfluss. So aber verbringt man einen entscheidenden Teil der rund fünf Stunden Spielzeit damit, sich im Halbschlaf durch die beeindruckende Untergrundwelt zu bewegen.

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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