Mundaun (2021)

Mundaun (2021)

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PS4-Review: Handgezeichneter Grusel aus der Schweiz

Die Idylle trügt. Das Dorf Mundaun wird von seiner eigenen dunklen Vergangenheit eingeholt.
Die Idylle trügt. Das Dorf Mundaun wird von seiner eigenen dunklen Vergangenheit eingeholt. © MWM Interactive

Wir spielen als Curdin Caminada, der durch einen Brief vom mysteriösen Tod seines Grossvaters erfährt. Obwohl ihm schwer davon abgeraten wird, in das Bergdorf Mundaun zu reisen, wagt er den Trip in die Alpen, nur um bald zu merken, dass es im Ort nicht mit rechten Dingen zugeht. Nachts schleichen unheimliche Gestalten um die Hütten, ein alter Mann scheint magische Kräfte zu haben und auf den Hügelkämmen befindet sich ein Gratzug. Da ist ein abgetrennter, sprechender Ziegenkopf noch Curdins kleinste Sorge.

Sechseinhalb Jahre lang hat der Luzerner Entwickler Michel Ziegler an Mundaun gearbeitet, einem Grusel-Adventure, das sich an Schweizer Sagen und dem real existierenden Ort in den Bündner Alpen bedient. Das quasi im Alleingang entwickelte Spiel ist auf zweierlei Ebenen ein Kuriosum - im positiven Sinne.

Mit einer spannenden Geschichte, einem erfrischendem und handgemachten Look und erstaunlich viel Gameplay-Variation bietet Mundaun einen lohnenswerten rund sechsstündigen Gruseltrip in die Schweizer Alpen. Zwar gibt es auf technischer Seite noch einiges nachzubessern, aber im Grossen und Ganzen ist Mundaun eine kleine Offenbarung für alle, die gerne einen Blick abseits des Mainstreams wagen - und für die Schweizer Gameszene generell.

Uns lauern unheimliche Gestalten auf - gemeint ist nicht das Mädchen, sondern der Heumann dahinter.
Uns lauern unheimliche Gestalten auf - gemeint ist nicht das Mädchen, sondern der Heumann dahinter. © MWM Interactive

Sofort ins Auge sticht die ungewöhnliche Präsentation des Titels. Sämtliche Texturen, egal ob Häuser, Pflanzen oder Charaktere, sind von Hand gezeichnet und digital implementiert worden. Dieser in matten Sepiatönen gehaltene Bleistift-Look erzeugt eine ganz eigene Atmosphäre, die perfekt zum Setting der Schweizer Bergwelt des vergangenen Jahrhunderts passt.

Um den Swissness-Faktor noch weiter auf die Spitze zu treiben, sind alle Dialoge in Rätoromanisch gehalten - eine mutige aber lohnenswerte Entscheidung. Aber keine Angst: Untertitel in verschiedenen Sprachen ermöglichen ein klares Verständnis. Untermalt wird das folkloristische Geschehen durch einen stimmigen und düsteren Soundtrack und ein Sound Design, das uns mit entferntem Glockengebimmel, heulendem Wind und raschelndem Heu sofort in die Welt der Hochalpen versetzt.

Mit dem Muvel lässt es sich bequemer die Hänge hoch- und runterfahren.
Mit dem Muvel lässt es sich bequemer die Hänge hoch- und runterfahren. © MWM Interactive

Gameplay-technisch bewegt sich Mundaun auf bekannten Pfaden, überrascht aber dennoch mit einer Vielfalt von Gameplay-Elementen. Wir steuern Curdin in der Ego-Perspektive durch die verschiedenen, zusammenhängenden Gebiete, lösen kleinere Rätsel und decken so Stück für Stück die Hintergründe der mystischen Geschichte auf. Mit dem Muvel, einem Heulader, können wir die Fusswege abkürzen und später steht uns sogar ein Schlitten zur Verfügung, mit dem wir die Berghänge hinunterbrausen können. Aufgelockert wir das Geschehen durch kleinere Rollenspiel-Elemente - Waffenhandbücher helfen uns, besser mit dem Gewehr umzugehen und durch selbstgebrauten Kaffee werden wir mutiger und fallen im Angesicht der Gegner weniger schnell dem Wahnsinn anheim.

Im Inventarmenü lässt sich nicht nur Röteli-Schnaps verstauen, sondern auch ein sprechender Ziegenkopf.
Im Inventarmenü lässt sich nicht nur Röteli-Schnaps verstauen, sondern auch ein sprechender Ziegenkopf. © MWM Interactive

Stichwort «Gegner»: Mundaun bewegt sich eher auf den Pfaden von Amnesia als Resident Evil. Zwar können wir uns später gegen die verschiedenen Gegnertypen zur Wehr setzen, der Fokus liegt aber eher auf dem Verstecken und Umgehen der Sagengestalten.

Die Spieldauer bewegt sich zwischen sechs und acht Stunden pro Durchgang, je nach dem, wie genau man die Umgebung nach versteckten Höhlen und anderen Geheimnissen absucht. Drei verschiedene Enden verleiten zu erneutem Durchspielen. Die Zeit vergeht dabei wie im Flug. Die spannende Geschichte mag für sagengewandte Naturen zwar etwas voraussehbar sein, unterhält aber von Anfang bis Ende durchgehend und hat keinerlei Hänger oder Durststrecken. Lieber kurz und knackig, als lang und langweilig.

Also alles tipptopp im finsteren Gebirge? Leider nicht ganz. Das Spiel hat stellenweise mit Performance-Problemen zu kämpfen und kommt hin und wieder ins Ruckeln, ebenso kam es bei unserem Durchgang zu mehreren kompletten Ton- und Musikaussetzern und an drei Stellen mussten wir den Spielstand neu laden, weil Curdin unrettbar in der Umgebung stecken blieb. Auch die Animationen der Figuren wirken stellenweise etwas steif. Setzt man diese Schnitzer aber in Relation zu den Ressourcen, die dem Entwickler zur Verfügung standen, kann - und soll - man darüber hinwegsehen. Mundaun ist ein eigenwilliges, kleines Juwel, das nicht nur die Schweizer Videogame-Welt zum Leuchten bringt, sondern auch ein Entwickler-Talent präsentiert, von dem noch Grosses zu erwarten ist.

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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