Those Who Remain (2020)

Those Who Remain (2020)

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PS4-Review: Schlecht geklaut statt gut erfunden

Wo bitte geht's nach Silent Hi... äh, Dormont?.
Wo bitte geht's nach Silent Hi... äh, Dormont?. © Wired Productions

Protagonist Edward hat ein Problem: Er hat eine Affäre und wird von seinem schlechten Gewissen geplagt. Deswegen fährt er des Nachts zu einem abgelegenen Motel, um sein heimliches Liebchen zu treffen und die Sache zu beenden. Dumm nur, dass kurz nach seiner Ankunft der Strom ausfällt und er von unzähligen schauerlichen Gestalten umgeben ist, die ihn aus der Dunkelheit mordlüstern anstarren. Edward versucht, das nahe gelegene Holzfäller-Städtchen Dormont zu erreichen und einen Ausweg aus diesem Albtraum zu finden.

Aber auch in der Stadt geschieht Unheimliches. Die Strassen und Häuser sind verlassen, die Menschen verschwunden. Das ganze Übel scheint begonnen zu haben, als ein junges Mädchen im örtlichen Wald auf mysteriöse Art ums Leben gekommen ist.

Those Who Remain fällt erfrischenderweise nicht in die ermüdende Jumpscare-Kategorie, macht dafür jede Menge andere Fehler. Die Entwickler versuchen so stark, den grossen Vorbildern nachzueifern, dass ihrem Spiel eine eigene Identität fehlt. Die schwache Technik und eine hakelige Steuerung begraben dann noch die restlichen gut gemeinten Ambitionen.

Die Enttäuschung ist zum Greifen nah...
Die Enttäuschung ist zum Greifen nah... © Wired Productions

Das Spiel scheucht den verwirrten Edward durch eine Abfolge von unzusammenhängenden Locations. Wir bewegen uns anscheinend durch eine Kleinstadt, aber von ihrem Layout kriegen wir nichts mit. Wir beenden ein Level in einer Feuerzentrale und starten das nächste direkt vor der örtlichen Kirche. Statt nach und nach eine Stadt zu erkunden, fühlt sich der Spielfluss eher an, als würde man durch eine Geisterbahn mit einzelnen Räumen geschleust.

Rein spielerisch lässt sich Those Who Remain am ehesten als Erkundungsspiel einstufen. In der Ego-Sicht bewegen wir uns durch die Abschnitte, stöbern in Schränken, Spinden und Schubladen nach Notizen, Schlüsseln und dergleichen und lösen gelegentlich Rätsel. Manche dieser Rätsel sind ganz nett, andere an den Haaren herbeigezogen. Die Steuerung ist grundsätzlich gut, aber die Interaktion mit Gegenständen ist mehr als mühsam: Der Cursor muss millimetergenau ausgerichtet sein, sonst geht gar nichts. Das wird besonders nervig, wenn man einen Verfolger im Nacken hat und Gegenstände aus dem Weg räumen und Türen öffnen muss.

Klischee-Location Kirche? Check!
Klischee-Location Kirche? Check! © Wired Productions

Die Geschichte selbst dreht sich um die Themen Schuld und Unschuld und lässt dem Spieler an mehreren Stellen die Möglichkeit, über bestimmte Personen zu richten. Soll der feige Polizeichef für seine Missetat in der Hölle schmoren oder kriegt er die Erlösung? Er hat schliesslich einen Mord vertuscht, um seinen Sohn zu schützen. Solche Entscheidungen beeinflussen das Ende vom Spiel. Tatsächlich sind diese Momente nett, denn im Verlauf der einzelnen Levels finden wir verstreute Hinweise der vermeintlichen Missetäter, und meist können wir ihre Schandtaten bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Wer also die Musse hat, sich mehrmals durch das rund sechsstündige Spiel zu ackern, kann so bis zu drei Enden freischalten.

Those Who Remain wurde von einem sehr kleinen Team entwickelt, und dafür gehört Respekt gezollt. Trotzdem kann man nicht ausser Acht lassen, dass sich die Damen und Herren von Camel 101 und Wired Productions mit ihren Ambitionen übernommen haben. Das Spiel soll wie die ganz Grossen des Horrorgenres sein und bedient sich dabei dreist an bekannten Mechaniken und Stilmitteln. Eine Sirene und psychologisch gestaltete Monster? Direkt aus Silent Hill gemopst. Hektische Fluchtsequenzen ohne Möglichkeit zur Gegenwehr hat man aus Outlast übernommen. Sich plötzlich verändernde Umgebungen stammen aus Layers of Fear und in der albtraumhaften Spiegelwelt erwartet man, jeden Moment die Kids aus Stranger Things anzutreffen.

Das Problem an der Sache ist: Those Who Remain erreicht zu keiner Sekunde auch nur annähernd die Klasse der grossen Vorbilder. Da helfen auch ein paar mehr oder weniger gelungene Referenzen an Shining oder Twin Peaks nicht weiter.

Nette Idee, die sich schnell abnutzt: starrende Schemen
Nette Idee, die sich schnell abnutzt: starrende Schemen © Wired Productions

Die einzig halbwegs frische Mechanik ist das Wechselspiel zwischen Licht und Dunkelheit. In der Schwärze der Nacht lauern nämlich reglose Gestalten mit blau schimmernden Augen nur darauf, uns abzumurksen. Mit Lichtschaltern, Scheinwerfern oder einem Feuerzeug lassen sich die Wesen aber vertreiben. Viele der Rätsel drehen sich deswegen auch um das Wechselspiel zwischen Licht und Schatten. Leider nutzt sich diese Mechanik sehr schnell ab und verliert somit ihren Gruselfaktor. Nach einer Spielstunde verkommen die starrenden Schemen zu Begrenzungspfosten des Levelfortschritts.

Das barbusige Ding mit der Stirnleuchte soll ein Monster darstellen.
Das barbusige Ding mit der Stirnleuchte soll ein Monster darstellen. © Wired Productions

Erschwerend hinzu kommt eine veraltete Technik, die eine ganze Generation hinterherhinkt. Die schwache Grafik mit ihrem Plastik-Look und die hölzernen Animationen der Figuren und Monster können leider nicht von ein paar netten Lichteffekten kaschiert werden. Apropos Monster: Die bewegen sich derart albern und ungelenk, dass man sofort jegliche Furcht vor ihnen verliert. Man ist gar versucht, den armen Gestalten aus reinem Mitleid in die Klauen zu rennen, um ihnen wenigstens einmal in ihrem traurigen Dasein ein Erfolgserlebnis zu verschaffen. Generell sind gewisse todernste Momente des Spiels - trotz passabler deutscher und englischer Vertonung - unfreiwillig komisch. Und das ist leider der Sargnagel für jedes Horrorspiel.

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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