Spiritfarer (2020)

Spiritfarer (2020)

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PS4-Review: Eine entspannte Reise ins Jenseits

Es ist nicht immer leicht, Abschied zu nehmen. Die Figuren wachsen einem nämlich schnell ans Herz.
Es ist nicht immer leicht, Abschied zu nehmen. Die Figuren wachsen einem nämlich schnell ans Herz. © Skybound Games

Wo andere Games sich zum Ziel gesetzt haben, möglichst viele Gegner auf möglichst kreativ-unsägliche Art und Weise ihres Lebens zu berauben, geht Spiritfarer einen anderen Weg. Denn hier schlüpfen wir in die Haut der jungen Stella, die als neue Fährmeisterin den Job von Charon übernimmt und die Seelen Verstorbener auf ihrer letzten Reise sicher zur Immerpforte begleitet.

Mit der wasserscheuen Katze Daffodil als treue Begleiterin schippern wir aber nicht etwa in einem muffigen Kanu über den düsteren Fluss der griechischen Unterwelt, sondern segeln mit einem grossen Schiff über die Meere einer offenen, fantasievollen Welt.

Es tut einfach gut, den Geschichten der einzelnen Passagiere zu folgen, sich in der zweidimensionalen und doch erstaunlich tiefgründigen Spielwelt zu verlieren und dabei auch mal über ernstere Themen zu reflektieren. Spiritfarer beweist, dass es nicht schwülstige Tränendrüsen-Momente und mitleidige Orchestermusik braucht, um zu berühren. Denn spätestens, wenn eine uns über die Zeit lieb gewonnene Mitfahrerin sagt, dass sie jetzt «bereit ist» zu gehen, wird einem schwer ums Herz. Und wenn ein Videospiel solche Gefühle erzeugen kann, hat es einfach verdammt vieles richtig gemacht.

Über eine Weltkarte steuern wir unsere Ziele an. Dabei gilt es auch die Tageszeiten zu beachten. Nachts setzt unser Schiff nämlich den Anker.
Über eine Weltkarte steuern wir unsere Ziele an. Dabei gilt es auch die Tageszeiten zu beachten. Nachts setzt unser Schiff nämlich den Anker. © Skybound Games

Spiritfarer ist kein gewöhnliches Game. Das liebevoll gezeichnete Aufbauspiel schafft es mit unterhaltsamem und unaufgeregtem Gameplay, sympathischen Figuren und tiefgründigen Geschichten, den Tod mit anderen Augen zu betrachten. Es präsentiert sich grundsätzlich als Sidescroller-Aufbauspiel. Mit unserem Schiff bereisen wir die Welt, erkunden Inseln, Dörfer und Berge und sammeln dabei Rohstoffe ein. Unterwegs treffen wir auf verschiedene Verstorbene, die wir als Passagiere an Bord nehmen. Für diese lösen wir dann Aufgaben und bereiten sie Stück für Stück für ihre letzte Reise zur Immerpforte vor.

Dabei gelingt dem Spiel der schwierige Spagat zwischen niedlichem Look und emotionaler Reife überraschend gut. Ja, die Figuren sind überzeichnete Tierwesen, aber ihre Geschichten, ihre Sorgen und Ängste sind sehr menschlich und nachvollziehbar. Dabei scheut das Spiel auch nicht davor zurück, durchaus ernste Themen anzusprechen. Optisch macht der Titel trotz vermeintlich simplem Stil echt was her. Technisch läuft alles flüssig und die Animationen sind auch sehr gelungen. Besonders wenn Katzendame Daffodil panisch über die Wasseroberfläche trippelt, kann man sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Sprachausgabe gibt es kaum, dafür deutsche Texte und ein magisch-verträumter Soundtrack.

Schaffe, schaffe, Häusle äääh, Schiffle baue!
Schaffe, schaffe, Häusle äääh, Schiffle baue! © Skybound Games

Jeder der Bewohner auf dem Schiff bringt eigene Perks mit. Während ein gefrässiger Frosch uns regelmässig mit Holzbrettern versorgt, holt eine emsige Igel-Dame auch mal unsere Mahlzeiten aus dem Ofen, bevor sie zu Kohle gebraten werden. Während der Reise verlangen sie zwar hin und wieder unsere Aufmerksamkeit - sei es durch Nahrung oder auch nur eine Umarmung -, dafür belohnen sie die Spieler auch mit neuen Bauplänen für das Schiff oder Erweiterungen der einzelnen Gebäude.

Mit zunehmender Spieldauer erweitern und vergrössern wir unser Schiff. Zum Beispiel bauen wir eine Sägerei, Gemüsegärten und Wohnhäuser darauf, damit alle Arbeit und ein Dach über dem Kopf haben und sich grundsätzlich wohlfühlen. Dafür brauchen wir jeweils Materialien, die wir unterwegs auf Reisen finden, in Shops erbeuten - oder auf dem Schiff herstellen können. Auch für das leibliche Wohl will gesorgt sein. Aus unzähligen Zutaten lassen sich die verschiedensten Gerichte kochen - und die sind auch nötig. Denn eine vegane Hippie-Schlange isst nicht dasselbe wie ein High-Society-Hirsch. Hunger stirbt wohl nie.

Das ganze Spiel hinweg herrscht eine zarte melancholische Atmosphäre.
Das ganze Spiel hinweg herrscht eine zarte melancholische Atmosphäre. © Skybound Games

Entscheidend am Gameplay ist, dass dem Spieler keinerlei Stress auferlegt wird. Weder gibt es Zeitdruck noch sonst einen Zwang. Jeder spielt in dem Tempo, das ihm zusagt. So verkommt das Jonglieren zwischen dem eigenen Entdeckergeist und den unterschiedlichen Bedürfnissen der Bewohner nie zu einer reinen Plackerei. Das mögen einige vielleicht langweilig finden, hat uns aber sehr gut gefallen und passt auch zu der Art Spiel, die Spiritfarer sein möchte - eine entschleunigende Erfahrung. Denn im Nachleben ist Zeit schlicht unbedeutend geworden.

Wer es übrigens noch oldschool mag: Spiritfarer hat es noch zu einem Disc-Release geschafft. Dieser wartet unter anderem noch mit einem Soundtrack und digitalem Artbook auf.

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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Trailer: Physical Edition Announcement Englisch, 01:12