Neversong (2020)

Neversong (2020)

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PS4-Review: You'll never walk alone

Wren
Wren © Serenity Forge

Wren wird von Dr. Smile entführt, noch bevor Neversong beginnt. Aufgrund seiner fragilen Natur fällt Peet vor Angst ins Koma. Als er erwacht, fasst er all seinen Mut zusammen und macht sich auf die Suche nach seiner Freundin.

Zurück im Dorf muss er feststellen, dass sich alles verändert hat. Die Welt ist düster, unangenehm und voll von furchteinflössenden Kreaturen. Alle Erwachsenen sind verschwunden, um nach Wren zu suchen. Zurück bleiben Kinder, die nicht so recht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Die anfängliche Zuversicht wandelt sich zunehmend in Unsicherheit, dann in Angst. Währenddessen kämpt Peet nicht nur gegen in Monster verwandelte Erwachsene sondern auch, und insbesondere, gegen sich selbst.

Neversong erzählt Peets Geschichte auf einfühlsame Weise, ohne auf Pathos oder Floskeln zurückzugreifen. Entwickler Atmos Games schafft es, Spielmechanik, Design und Story in Einklang zu bringen und so eine dichte, schaurig-schöne Atmosphäre zu erschaffen. Das Metroidvania kann aufgrund des geringen Schwierigkeitsgrades zwar nicht mit den besten der Klasse mithalten. Witzig sind die neuen Fähigkeiten, die man im Verlauf des Spiels bekommt, allemal. Ebenfalls erfreulich ist die angemessene Spieldauer von der Grössenordnung eines verregneten Nachmittags. Mehr Brimborium braucht Neversong nicht. Es spielt sich gut, es macht Spass und hat etwas zu sagen.

Bald ist wieder Thanksgiving!
Bald ist wieder Thanksgiving! © Serenity Forge

Neversong will sich zu keiner Zeit mit einem Hollow Knight messen. Stattdessen will das Spiel eine Geschichte über Verlust, Angst und Freundschaft erzählen, dessen Schlüsselelemente dank der Interktion an Gewicht gewinnen. Spielmechanisch ist das Game durchaus kompetent. Es ist die Verknüpfung von Spiel und Story, diese Konzentration auf die Kernkompetenzen, die es aus der Masse an Metroidvanias abhebt. Es muss nicht immer episch und ausufernd sein. Manchmal braucht es einfach einen Neversong.

Hauptfigur Peet (das ist kein Verschreiber) verfügt über das Standardarsenal des Genres. Man kann springen, mit Figuren und Objekten interagieren und Gegner mit einem Baseballschläger schlagen. Das Spiel ist über seine Dauer nicht besonders anspruchsvoll. Dennoch kann die Steuerung einen vermeintlich einfachen Kampf durchkreuzen. Peet läuft nämlich nicht einfach durch ein Level - nein, er hüpft. Erst wenn diese Animation abgeschlossen ist, kann er eine nächste Aktion ausführen wie springen oder schlagen. Dadurch ist pixelgenaues Springen wie auch gut getimtes Schlagen kaum bzw. erst nach einiger Angewöhnungszeit möglich.

Nach und nach können neue Fähigkeiten freigeschaltet werden, mit denen man neue Abschnitte erreichen kann. Keine davon wird Metroidvania-Veteranen aus den Socken hauen, befriedigend ist dieser Game-Loop gleichwohl. Beispielsweise kann der Baseballschläger aufgewertet werden, wodurch man an Bomben kommt. Vertraut mir, im Spieluniversum ergibt das einen Sinn! Weitere Fähigkeiten möchte ich nicht spoilern, denn es ist immer wieder lustig, herauszufinden, wie man das nächste Hindernis überwinden wird.

Apropos Thanksgiving: Da hat jemand zugeschlagen!
Apropos Thanksgiving: Da hat jemand zugeschlagen! © Serenity Forge

Wie es sich fürs Genre gehört, muss man von Zeit zu Zeit kleinere Rätsel lösen, deren mangelnder Anspruch mit Humor wettgemacht wird. Ebenfalls bekämpft man Bosse. Die sind besonders bemerkenswert, nicht etwa wegen der Mechanik oder des Designs - dieses sticht auf seine eigene Art hervor und trägt ein grosses Stück zur Atmosphäre und dem generell schaurigen Ton des Spiels bei. Besonders bemerkenswert sind die Endgegner in erster Linie dank ihrer Einbettung in die Geschichte.

So verkörpert Peet eine besondere Sensibilität, die jeden Menschen auf dem Weg ins Erwachsenenalter treffen kann: wenn sich alles verändert, wenn gesichertes Wissen nicht mehr gilt, oder wenn man ganz einfach einen wichtigen Menschen verliert. Da gilt es, Mut zu fassen. Oder, wie die Entwickler selbst zu Beginn des Spiels bemerken, Hilfe zu suchen. Insofern ist das reduzierte Marketing für Neversong zu bedauern. Ich bin mir sicher, dass das Spiel viele Menschen anspricht und ihnen Verständnis und Trost bringen kann. Dafür muss es auch nicht perfekt sein. Dafür muss es auch nicht gegen Hollow Knight antreten.

Alejandro Garcia [ale]

Alejandro schreibt und redigiert im Games-Bereich seit 2009 für OutNow. Sein Einflussbereich ist die Konsole, wo er Militär-Shooter und Racer mit Erfolg vermeidet. Dafür verschlingt er alles, was FromSoftware ihm vorsetzt.

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Trailer: Launch Englisch, 01:30