Marvel's Avengers (2020)

Marvel's Avengers (2020)

  1. ,
  2. , ,

PS4-Review: Ein Fingerschnippen von der Enttäuschung entfernt

«Hulk smash!» fasst das Gameplay treffend zusammen.
«Hulk smash!» fasst das Gameplay treffend zusammen. © Entwickler / Publisher

Für Avengers-Fangirl Kamala Khan geht ein Traum in Erfüllung. Am A-Day, einer Convention in San Francisco, darf sie endlich ihre grossen Idole persönlich treffen. Dumm nur, dass ein Terroranschlag den Tag ruiniert und die Stadt - und Kamalas Leben - für immer verändern wird.

Fünf Jahre später hat sich die Gesellschaft geändert. Einige Menschen sind zu sogenannten Inhumans mutiert und werden von dem Tech-Konzern A.I.M gejagt. Die Avengers, denen man die Schuld für die Katastrophe in die Schuhe geschoben hat, haben sich aufgelöst und in alle Winde verstreut. Nun liegt es an dem aufgedrehten Teenager, die zerstrittenen Superhelden zu vereinen, ihre Ehre wiederherzustellen und den gemeinsamen Feind in die Knie zu zwingen.

Unterm Strich bleibt Marvel's Avengers ein unterhaltsames Actionspiel mit einer relativ gelungenen Story, aber einem langfristig enttäuschenden, weil belanglosen und wenig motivierenden Online-Part. Marvel-Fans dürften an dem Titel sicher mehr Freude haben als Neulinge, die dem Mega-Franchise bisher aus dem Weg gegangen sind. Eine Katastrophe ist der Titel keineswegs, nur leider auch nicht so gut, wie er sein könnte - und müsste.

Die Story ist relativ voraussehbar, bietet aber viel Fanservice und ein paar nette, emotionale Momente. Somit bildet die Kampagne das eigentliche Highlight des Spiels. Khan ist eine gute Wahl als Identifikationsfigur, die so langsam in ihre Rolle als Avenger hineinwächst. Vor allem, weil der Spieler die Welt der Superhelden mit ihr zusammen erlebt und entdeckt.

Leider ist die junge Dame aber über gut die Hälfte der Story auch eine ziemliche Nervensäge. Das ewige Fanboy-Getue ging für unseren Geschmack weit über ein erträgliches Niveau hinaus. Die konstanten Wow-Momente, die Kamala Khan in ekstasisches Schwärmen versetzen, übertragen sich leider mit zunehmender Spielzeit immer weniger auf den Spieler selbst.

Der Konzern A.I.M. hat macht Jagd auf mutierte Menschen.
Der Konzern A.I.M. hat macht Jagd auf mutierte Menschen. © Entwickler / Publisher

Harsche Kritik am Design der bekannten Figuren hagelte es schon beim ersten Trailer. Kein Robert Downey Jr. als Iron Man? Ja, die Macher haben - ob aus Lizenz- oder Geldgründen ist nicht bekannt - auf die bekannten Filmdarsteller verzichtet und ihren Figuren einen eigenen Look verpasst. Uns hat das nicht gestört. Auch wenn der Titel natürlich diverse Querverweise auf die Filme macht, so orientiert er sich eben doch hauptsächlich an den Comics.

Wir empfanden die Heldentruppe als durchaus komplexe Charaktere mit glaubwürdigen Konflikten. Dazu kommt, dass man Sprecher-Schwergewichte wie Nolan North (Nathan Drake aus Uncharted) oder Troy Baker (Joel aus The Last of Us) verpflichten konnte, die den Figuren mit ihrer Stimme die nötige Tiefe geben. Das Spiel lässt sich auch komplett auf Deutsch spielen, die Vertonung ist aber im besten Fall Mittelmass.

Gameplay-mässig ist Marvel's Avengers ein Loot-Brawler. Man prügelt, ballert und fliegt durch Levelabschnitte, haut Gegner und Umgebungen zu Klump, sammelt neue Ausrüstung und Erfahrungspunkte, um weitere Fähigkeiten für die sechs spielbaren Figuren freizuschalten. Grinden steht also im Vordergrund.

Die verschiedenen Helden steuern sich im Grossen und Ganzen alle gleich - jeder hat einen leichten und schweren Nahkampfangriff, ein Block-Manöver und drei charakterspezifische Fähigkeiten. Unterschiede gibt es natürlich trotzdem. Während Iron Man fliegen kann, sind andere Figuren wie beispielsweise Captain America oder Hulk strikt zu Fuss unterwegs.

Auch Überpatriot Captain America darf nicht fehlen.
Auch Überpatriot Captain America darf nicht fehlen. © Entwickler / Publisher

Der Storymodus geht nach seinem Ende - das nach etwa 15 Stunden erreicht ist - mehr oder weniger nahtlos in den Online-Teil des Spiels über, der als typischer Game-as-a-Service funktionieren soll. Die Betonung liegt auf «soll», denn leider entpuppt sich der Online-Teil als mittelschwere Enttäuschung. Zwar macht es Spass, sich in einem eingespielten Vierer-Team durch die austauschbaren Missionen zu prügeln, aber das ewige und konstante Recycling von Aufgaben und Locations lässt die Freude schnell verpuffen.

Es fehlt auch schlicht die Motivation, um sich durch unzählige gleich aussehende Fabrikräume zu prügeln, Gebiete einzunehmen, Generatoren zu zerhauen oder Gegnergruppen zu plätten. Der Loot bleibt nämlich unsichtbar und verstärkt nur die Werte. Ein cooles, einzigartiges Kostüm für die jeweilige Figur zusammenzustellen, ist also nicht möglich.

Auf grafischer Ebene macht Marvel's Avengers einiges her, gewisse Details sind schön herausgearbeitet, die Helden - mit Ausnahme der stark nach Plastik aussehenden Haare - nett designt. Die Steuerung ist je nach Held besser oder schlechter gelungen. Sprungpassagen sind als Kamala Khan eine lockere Übung, während sie als Hulk zur Geduldsprobe verkommen.

Auch in den Kämpfen geht oft die Übersicht flöten - da nützt auch ein Lock-On-System nicht. Die Musik ist gut, auch wenn sie ohne ein ohrwurmverdächtiges Main Theme auskommen muss - dafür gibt es den ein oder anderen lizenzierten Song aus der Pop- und Rockwelt.

Iron Man macht dank Sprecher Nolan North auch ohne Robert Downey Jr. eine gute Figur.
Iron Man macht dank Sprecher Nolan North auch ohne Robert Downey Jr. eine gute Figur. © Entwickler / Publisher

Leider ist das Spiel auch nach mehreren Patches noch nicht wirklich bugfrei. Während unserer Testphase kam es wiederholt zu Glitches und Rucklern, dazu gab es Kameraprobleme (ganz besonders nervig: wenn die Kamera plötzlich in Bodennähe an den Sohlen der Helden klebt und die ohnehin schon überladenen Kämpfe noch unübersichtlicher macht).

Zudem hatten wir das Problem, dass bei jedem Spielstart die Sprachausgabe auf Deutsch wechselte, obwohl sie auf Englisch eingestellt war. Umwege über das Hauptmenü mit langen Ladezeiten waren bei jedem Spielstart Pflicht.

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. Instagram
  4. Website

Kommentare Total: 2

solanumnigrum

Vor allem ist es doch in der heutigen Zeit so einfach, die "originalen" Schauspieler für die Game-Animation zu nehmen.
Die Charaktere sehen nur in geringster Form so aus wie Evans, Downey Jr. und Co.

Da lob ich mir "Fallen Order" mit Cameron Monaghan und Forest Whitaker. In "Cyberpunk 2077" wirkt Keanu Reeves mit und auch in "Death Stranding" stehen Schauspieler wie Norman Reedus und Mads Mikkelsen extra vor der Linse, um einen realistischeren Spielgenuss zu generieren.

Ich weiss noch nicht ob das was für mich wäre. Allerdings würde es sich wohl wegen dem Storymodus lohnen.

chb

PS4-Review: Ein Fingerschnippen von der Enttäuschung entfernt

Kommentar schreiben