The Dark Pictures Anthology: Little Hope (2020)

The Dark Pictures Anthology: Little Hope (2020)

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PS4-Review: «Jump-Scare: The Game»

Ist dir kalt? Da drüben steht ein Scheiterhaufen.
Ist dir kalt? Da drüben steht ein Scheiterhaufen. © Bandai Namco

Da hat einer seinen Führerschein wohl im Lotto gewonnen! Der Chauffeur eines Schulbusses überfährt bei seiner nächtlichen Tour nicht nur beinahe ein Kind, sondern legt die Karre auch gleich auf die Seite. Als die fünf Mitfahrer - vier Studenten und eine Lehrperson - aufwachen, fehlt vom Chauffeur jede Spur. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als mitten in der Nacht dem nebligen Strassenverlauf zu folgen und im nahe gelegenen Kaff Little Hope um Hilfe zu bitten.

Dumm nur, entpuppt sich der Ort als verlassen und verwahrlost. Hier gibt es weder funktionierende Telefone, noch hilfsbereite Leute. Dafür erfährt die unglückliche Truppe viel über die düstere Vergangenheit der Stadt - als noch kleine Mädchen als Hexen gejagt wurden. Und genau diese Vergangenheit scheint nun ihre toten Finger nach den fünf Helden auszustrecken.

Das Team von Supermassive Games hat sich für den zweiten Teil der «The Dark Pictures Anthology»-Reihe eindeutig von Horrorgrössen wie Silent Hill und Filmen wie The Witch: A New-England Folktale inspirieren lassen. Keine schlechten Vorbilder. Aber schafft es der Titel auch, diesen gerecht zu werden?

The Dark Pictures Anthology: Little Hope ist ein solides Gruselspiel, das vor allem durch seine gebotene Entscheidungsfreiheit zu mehrmaligem Durchspielen verführt. Stabile Technik und eine sehr gute Soundkulisse täuschen leider nicht vollends über das maue Gameplay hinweg. Auch an der Horrorfront enttäuscht der Titel und dürfte wohl nur ungeübte Horror-Enthusiasten zum Schaudern bringen. Für einen einsamen, kalten Winterabend oder eine gesellige Runde mit Freunden reicht es aber allemal.

«Wo lang geht's hier bitte nach Silent Hill?»
«Wo lang geht's hier bitte nach Silent Hill?» © Bandai Namco

Wie schon der Vorgänger The Dark Pictures Anthology: Man of Medan und der geistige Vater - und das noch immer unerreichte - Until Dawn ist auch Little Hope mehr Film als Spiel. Wir steuern die fünfköpfige Gruppe durch ein mehr oder weniger gruseliges Abenteuer, treffen kleine und grosse Entscheidungen und schauen zu, wie wir die armen Leute mit unserer Wahl gerade noch tiefer in die Misere geritten haben. Das macht Spass, ist spielerisch aber wenig anspruchsvoll. Zwar bewegen wir die verschiedenen Figuren mit einer hakeligen und trägen Steuerung abwechselnd durch die düstere Umgebung, der Fokus liegt aber eindeutig auf dem Entdecken von Hinweisen, den zahlreichen Quick Time Events und den Entscheidungen, die wir treffen müssen und die den Storyverlauf und das Ende massgeblich beeinflussen.

Schade nur, bleiben die Figuren leider mehrheitlich blass. Die Dynamik zwischen den einzelnen Charakteren ändern sich zwar stetig - in dem man wütend, hilfsbereit oder ängstlich auf seine Mitmenschen reagiert - wirklich Tiefe gewinnen die fünf Helden trotzdem nicht. Und von grosser Konsequenz sind die Dialogoptionen auch selten. Das hat Until Dawn besser hingekriegt.

Will Poulter verkörpert einen der gestrandeten Teenager.
Will Poulter verkörpert einen der gestrandeten Teenager. © Bandai Namco

Kernstück des Spiels ist eindeutig die Story. Die wird - ohne zu spoilern - hauptsächlich durch eine interessante Auflösung knapp ins Mittelmass gehoben. Anders sieht es bei der Horrorfront aus - und dieser Aspekt ist bei einem Horrorspiel nun mal von entscheidender Bedeutung. The Dark Pictures Anthology: Little Hope versucht, eine «Silent Hill»-ähnliche Stimmung zu erzeugen, inklusive einer abgeranzten Stadt im Nebel, deformierten Monstern und einem religiösen Hexenkult, kommt aber nie an die Atmosphäre der Vorlage heran - trotz hübscher Grafik, soliden Performances (die Hauptfigur wird von Hollywood-Schauspieler Will Poulter verkörpert) und tollem Sound.

Das hat zwei Gründe: Zum einen erleben wir die Stadt Little Hope nie wirklich als verbundenen Schauplatz; wir bewegen uns hauptsächlich auf einer nächtlichen Landstrasse, in Waldabschnitten und hin und wieder in einem einzelnen Gebäude. Hinsichtlich seines Settings verschenkt das Spiel viel Potential. Zum anderen - und das ist das gravierendere Manko - wirken die meisten Schockeffekte einfach nicht. Ebenso verlässt sich das Spiel hauptsächlich auf billige Jump-Scares. Als wäre das nicht schon schlimm genug, sind es immer die selben! Gefühlt im Minutentakt juckt uns ein weiss getünchter Geist an und schreit uns blöde in die Visage. Das mag beim ersten Mal noch halbwegs funktionieren. Spätestens beim achten Mal rollt auch der hinterletzte Schisshase nur noch mit den Augen. Ausserdem sollten «Oh, es war nur eine Katze»-Momente sollten wegen Überverwendung allmählich gerichtlich verboten werden.

«Ach, halt doch endlich deine dumme Fresse.»
«Ach, halt doch endlich deine dumme Fresse.» © Bandai Namco

Punkten kann Little Hope vor allem mit den verschiedenen Spielmodi. Man kann die Horrornacht sowohl alleine, als auch in einem Online- und Offline-Multiplayer spielen. Bei letzterem kriegt jeder Spieler eine Figur zugeteilt und wenn diese am Zug ist, wird der Controller jeweils an den betreffenden Spieler weitergegeben. Das sorgt für angenehm hektische Momente, die in einer geselligen Runde viel Spass und Experimentierfreude bringen können. Vor allem auch, weil ein Durchgang in knapp 4 bis 5 Stunden geschafft ist.

The Dark Pictures Anthology: Little Hope ist besser gelungen als der erste Teil der Reihe. Trotzdem wäre es für die kommenden Episoden - der dritte Teil «House of Ashes» soll im 2021 erscheinen - wünschenswert, wenn sich Supermassive Games von den ausgelutschen Jump Scares entfernen und auch bei den Entscheidungen an der fiesen Unberechenbarkeit eines Until Dawn orientieren würde.

Eines der Highlights: Der allwissende Kurator führt mit fiesem Charme durch die Geschichte.
Eines der Highlights: Der allwissende Kurator führt mit fiesem Charme durch die Geschichte. © Bandai Namco

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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