Cyberpunk 2077 (2020)

Cyberpunk 2077 (2020)

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PS4-Review: Willkommen in Bug City!

Das Design der Spielwelt erinnert stark an Ridley Scotts Film Blade Runner.
Das Design der Spielwelt erinnert stark an Ridley Scotts Film Blade Runner. © Entwickler / Publisher

Seit der Ankündigung von Cyberpunk 2077 sind rund acht Jahre - und eine ganze Konsolengeneration - vergangen. Genug Zeit also, dass die polnischen Entwickler von CD Projekt Red nach The Witcher 3: Wild Hunt das nächste Spiele-Highlight abliefern können? Müsste man meinen. Leider aber sieht die Realität anders aus.

Mittlerweile dürfte jeder halbwegs interessierte Videospieler mitbekommen haben, was für ein Geraffel der Launch des heisserwarteten Ego-Shooter-Rollenspiels Cyberpunk 2077 gewesen ist. Seit Assassin's Creed: Unity, Fallout 76 und No Man's Sky hat kein Release einen derartigen Shitstorm ausgelöst wie CD Projekt Reds in ungeahnte Höhen gehyptes Sci-fi-Abenteuer. Ist der Hass gerechtfertigt, der dem Spiel entgegenweht? Abhängig von der Plattform - ja und nein.

Auf der PlayStation 4 und Xbox One ist Cyberpunk 2077 leider eine grenzwertige Katastrophe, die so nie auf den Markt hätte kommen dürfen. Schade, denn im Kern hat CD Projekt Red ein tolles Spiel entwickelt, das aber erst noch in die Spielbarkeit gepatcht werden muss. Setting, Story und Gameplay überzeugen aber jetzt schon. Für PC-Spieler und Besitzer der PS5 und Xbox Series X|S lohnt sich ein Blick definitiv.

Night City ist ein toller Schauplatz.
Night City ist ein toller Schauplatz. © Entwickler / Publisher

Nachdem wir in aller Ausführlichkeit einen Charakter erstellt haben, bei dem wir von der Gesichtsbehaarung bis zur Form - und Läge - seines Intimorgans alles einstellen können, werden wir auch gleich in die Story geworfen. Als «V» erleben wir zusammen mit Kumpel Jackie in den ersten Stunden die Geschichte zweier Kleinganoven, die sich ihren Weg nach oben suchen - bis ein Auftrag komplett eskaliert und V nicht nur auf den harten Boden der Realität, sondern auch zwischen die Fronten geraten lässt. Als sich dann noch der Öko-Terrorist Johnny Silverhand (verkörpert und vertont von Schauspieler und Fan-Liebling Keanu Reeves) ins Geschehen eingreift, wird es für V erst recht gefährlich.

Die Geschichte mag zu Beginn etwas verworren sein, im Laufe der rund 25-stündigen Kampagne wird man aber unweigerlich in die kriminelle Welt von Night City hineingezogen und fiebert nicht nur mit V, sondern auch den gut geschriebenen Nebenfiguren mit.

Was das Setting angeht, ist den Entwicklern ein Meilenstein gelungen. Night City ist eine pulsierende, neon-geschwängerte, belebte und detailreiche Spielwiese, bevölkert von rivalisierenden Gangs und Mega-Unternehmen. Ob in den engen und verwinkelten Gassen der Slums, den Luxushotels der Reichen und Schönen oder den wüstenartigen Badlands ausserhalb der Stadt: Night City lädt zum Erkunden und Erforschen ein. Ein praktisches Schnellreisesystem ermöglicht die unkomplizierte Teleportation zwischen den einzelnen Gebieten.

Keanu Reeves' Johnny Silverhand ist eines der Aushängestücke des Spiels - zurecht.
Keanu Reeves' Johnny Silverhand ist eines der Aushängestücke des Spiels - zurecht. © Entwickler / Publisher

Gameplay-technisch spielt sich Cyberpunk 2077 als Mischung aus Ego-Shooter und Rollenspiel. Diverse Questreihen treiben die Hauptgeschichte voran, in unzähligen Nebenaufträgen - von Attentatsmissionen bis zu kleinen Mini-Geschichten - werden wir tiefer in die Welt von Night City gezogen. Mit Erfahrungspunkten werten wir unseren Charakter auf und statten ihn mit neuen Fähigkeiten in diversen Skill-Bereichen aus. Ausrüstung finden wir bei gefallenen Gegnern, kaufen sie im Shop oder basteln selbst was zusammen.

Ein vielschichtiges Entscheidungssystem für Dialoge und Handlungen entscheidet nicht nur über den Verlauf der einzelnen Quests, sondern auch über das Spielende selbst. Für Wiederspielwert ist also gesorgt. Missionen können wir wahlweise mit rauchenden Knarren im Anschlag, oder aber mittels eines komplexen Hacking-Systems auf die ruhige und schleichende Tour absolvieren. Die Steuerung lässt sich mit vielerlei Optionen anpassen - und das ist auch nötig. Wir empfanden sowohl das Gunplay wie auch die Fahrzeugsteuerung als eher schwammig und unpräzise.

An der Audiofront weiss der Titel auch zu gefallen. Diverse Radiosender spielen hauptsächlich elektronische Mucke, die zwar gewöhnungsbedürftig ist, aber perfekt zum Setting passt. Auch die Dialoge sind toll vertont - und liegen in einer Vielzahl verschiedener Sprache vor. Löblich! Auch die Geräuschkulisse ist gelungen, die Waffen knallen wuchtig, Wind- und Wettereffekte sorgen für Stimmung. Wer will, kann auch die Stadtbewohner bei ihren alltäglichen Gesprächen belauschen, die mal lustig, mal ernst, aber immer atmosphärisch sind.

Mit seinen Reizen soll man nicht geizen.
Mit seinen Reizen soll man nicht geizen. © Entwickler / Publisher

So, es wird Zeit, den Elefanten im Raum anzusprechen. Cyberpunk 2077 ist auf den Basis-Konsolen - auf denen das Spiel ursprünglich auch angekündigt wurde - technisch eine absolute Zumutung.

Das Spiel hat grosse Framrate-Probleme, friert stellenweise sekundenlang ein oder stürzt komplett ab. Hinzu kommen Grafikfehler, KI-Mängel, Texturfehler, Audioaussetzer und Menüprobleme - die manchmal ebenfalls einen Neustart erzwingen. Allgemein kriegt man den Eindruck, das Spiel werde nur durch viel Klebeband und Gottvertrauen zusammengehalten.

Zum Zeitpunkt unseres Tests wurden zwar schon zwei grössere Patches nachgereicht, eine deutliche Steigerung des Spielerlebnisses haben wir aber noch nicht feststellen können. Dieser unfertige und instabile Zustand machen es leider fast unmöglich, vollends in die gelungene Spielwelt eintauchen zu können.

Mit Chips und Implantaten lässt sich die Spielfigur upgraden.
Mit Chips und Implantaten lässt sich die Spielfigur upgraden. © Entwickler / Publisher

Wichtig ist aber zu sagen, dass die PC-Fassung des Spiels massiv besser läuft - auch nicht bugfrei, aber hier kann man eindeutig das Juwel sehen, das in Cyberpunk 2077 steckt. PC-Spieler und Besitzer einer PS5 und Xbox Series X|S dürfen also gerne noch mindestens zwei Sterne auf die Wertung addieren. Ebenfalls hat CD Projekt Red versprochen, dass die Last-Gen-Versionen bis Februar noch gepatcht werden sollen. Ob das Spiel dann in einem besseren Zustand ist, wird sich erst noch zeigen müssen. Es wäre leider nicht das erste gebrochene Versprechen...

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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