Sniper: Ghost Warrior Contracts (2019)

Sniper: Ghost Warrior Contracts (2019)

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PS4-Review: Weidmannsheil!

Wo geht's denn hier zum Après-Ski?
Wo geht's denn hier zum Après-Ski? © Entwickler / Publisher

Die Entwickler von «CI Games» laden zum vierten Mal zum Schützenfest und dieses Mal wird es frostig! Da hat sich Sibirien gerade erst in einem blutigen Krieg die Unabhängigkeit erkämpft und schon besetzen finstere Militärs und korrupte Politiker die eisigen Weiten der sibirischen Tundra und machen Jagd auf den frisch gewählten Präsidenten des auf einmal nicht mehr ganz so unabhängigen Sibiriens. Während sich die Besatzer Kämpfe mit der Rebellenmiliz liefern, schleichen wir als bezahlter Auftragsscharfschütze durch die verschneite Wildnis. Waldige Täler und weitläufige Militäranlagen bringen allerlei Schurken mit Scharfschützengewehr, Drohne und Tretmine zur Strecke. Und während wir uns fröhlich durch die Prärie morden, decken wir nach und nach ein Komplott auf, das bis zu unserem eigenen Auftraggeber zu reichen scheint.

Als bestens ausgerüsteter Scharfschütze morden wir uns im Auftrag einer dubiosen Agentur durch ein besetztes Sibirien. In fünf grossen und frei begehbaren Levels erledigen wir Terroristen, korrupte Politiker und diabolische Wissenschaftler, lösen optionale Herausforderungen und investieren unser blutig verdientes Geld in neue und verbesserte Ausrüstung. Eigentlich tolle Voraussetzungen, doch leider krankt das Spiel an veralteter Technik, diversen Bugs und einer inkonsequenten KI. Der Titel macht im Gegenteil zu seinen Vorgänger ein paar Dinge besser, aber leider noch lange nicht alles richtig.

Immer mitten in die Fresse rein!
Immer mitten in die Fresse rein! © Entwickler / Publisher

Viel kriegen wir von der Story nicht mit, denn sie erzählt sich nur am Rande durch kurze Missionsbriefings, vereinzelten Dialogfetzen zwischen unserer Hauptfigur und seinem zwielichtigen Auftraggeber oder beim Belauschen von feindlichen Wachposten. Alle Attentatsziele werden in einem Briefing-Video kurz mit ihren hassenswerten Schandtaten vorgestellt und dann zum Abschuss freigegeben. Als Spieler spüren wir diese Bedrohung leider nie wirklich; sie bleibt pure Behauptung. Das stört nur marginal, denn die Stärken des Titels liegen in den durchaus spannenden Attentaten, für die man zwar viel Geduld braucht, aber dafür auch so manchen befriedigenden Kill erwirtschaftet. Die Sprachausgabe des Titels ist in Englisch (inklusive aufgesetztem Russen-Akzent) und schwankt in ihrer Qualität von ganz okay bis hin zu ziemlich doof. Die Texte und Untertitel sind ins Deutsche übersetzt worden.

Das Spiel gliedert sich in fünf grosse Open-World-Levels (dazu kommt ein zusätzlicher, kleiner Tutorial-Abschnitt), die frei begehbar sind. Die Levels bieten verschiedene Settings und Tageszeiten, und damit die nötige Abwechslung. Wegen ihrer Grösse haben die Entwickler an gewissen Orten Schnellreisepunkte platziert, die aber nicht jederzeit ansteuerbar (zum Beispiel, wenn die Gegner in Alarmbereitschaft sind) und manchmal auch etwas ungünstig platziert sind. Jede der fünf Missionen verfügt über verschiedene obligatorische Ziele, die nebst dem Auftragsmord auch Aufgaben wie das Ausschalten einer chemischen Waffe, Sicherstellen von Geheimdokumenten oder die Rettung eines Gefangenen beinhalten. Wie und in welcher Reihenfolge die Aufgaben erfüllt werden, bleiben dabei dem Spieler überlassen. Zusätzlich gibt es in jedem Level eine Handvoll optionale Herausforderungen, die zusätzliches Geld und Fähigkeitspunkte bringen, welche man in neue Ausrüstung oder Fähigkeiten investieren kann.

Mit unserer Maske scannen wir die Umgebung.
Mit unserer Maske scannen wir die Umgebung. © Entwickler / Publisher

Nebst einem Scharfschützengewehr kann unser Sniper ein Sturmgewehr, eine Handfeuerwaffe und kleine Gadgets wie ein ferngesteuertes Geschütz, diverse Granaten, Minen und Adrenalin- und Medipacks auf sich tragen. Die Waffen lassen sich mittels Erweiterungen wie besseren Zielfernrohren, grösseren Magazinen oder Sekundärmunition aufrüsten. Ebenfalls trägt unser Scharfschütze einen High-Tech-Anzug, der unsere Gesundheit regenerieren kann und eine Maske, die über verschiedene Funktionen wie Umgebungsscanner oder Infrarotsicht verfügt und damit das Durchstreifen der Levels und die Planung der Anschläge vereinfacht. Dank vielen freischaltbaren Perks für Anzug, Maske und Ausrüstung und den zusätzlichen, teilweise sehr anspruchsvollen Herausforderungen erhöht sich der Wiederspielwert der einzelnen Level, sofern man denn gewillt ist, die jeweils ein- bis zweistündigen Missionen erneut zu absolvieren. Wer in Sniper: Ghost Warrior Contracts alle Ziele und Herausforderungen meistern will, kann je nach Schwierigkeitsgrad zwischen 15 und 25 Stunden Spielzeit rechnen.

Erfolgreiche Abschüsse werden wie im ähnlich gelagerten - aber in vielen Bereichen überlegenen - Sniper Elite 4 mit einer blutigen Bullet-Cam zelebriert. Man folgt der Kugel in Zeitlupe vom Lauf bis zum platzenden Schädel. Das ist die ersten Male ganz «lustig» anzuschauen, weil sich die Ragdoll-Physik ab und an spassige Kapriolen leistet, nutzt sich aber schnell ab und erreicht zu keinem Zeitpunkt die anatomische Genauigkeit der Konkurrenz. Wer die zunehmend redundanter werdenden Flugbahnen und Schädelplatzer nicht mehr sehen will, kann die Häufigkeit der Bullet-Cam heruntersetzen oder ganz abschalten.

So hübsch wie hier sieht's im Spiel leider selten aus.
So hübsch wie hier sieht's im Spiel leider selten aus. © Entwickler / Publisher

Grafisch bewegt sich das Spiel im Mittelmass. Lichteffekte und Waffendesign sind gelungen, die Texturen sowie die generelle Präsentation fallen aber nicht mehr zeitgemäss aus. Störend sind auch diverse Fehler wie Clipping oder plötzlich verschwindende Gegner und Wegmarker. Gelegentlich blieb unser Supersöldner sogar an einem Baum oder zwischen Felsen hängen oder glitchte gleich ganz durch Levelgrenzen und konnte nur durch Neuladen des letzten Kontrollpunktes gerettet werden. Ärgerlich!

Dem Spiel fehlt es generell deutlich an Feinschliff: Der Cursor der aufrufbaren Übersichtskarte landet jedes Mal irgendwo im Nirgendwo und muss erst per Knopfdruck zur Spielfigur zentriert werden. Abgeschossene Drohnen hinterlassen Blutlachen an den Wänden. In den Menüs sind teilweise Texte abgeschnitten, weil sie nicht in die Textboxen passen und während der Testphase ist das Spiel mehrmals komplett abgestürzt. Die Steuerung am Gewehr geht zwar gut von der Hand, dafür ist sie gerade in der Natur beim Klettern, Schleichen oder Looten ungenau und hat für so manch ausgelösten Alarm gesorgt, weil wir nicht mehr rechtzeitig in Deckung gekommen sind. Das alles dämpft die launige Schleicherei massiv und kann durchaus für Rage-Quits sorgen.

Das Sound-Design - gerade in puncto Waffengeräusche! - ist wuchtig und lassen einem die Macht eines Kaliber-.50-Gewehres durchaus spüren. Die elektronische Hintergrundmusik bleibt grösstenteils unauffällig und gibt es nur in zwei Varianten: langsam für das unentdeckte Schleichen und treibend schnell bei ausgelöstem Alarm. Abwechslung sieht anders aus.

Die KI bewegt sich je nach gewähltem Schwierigkeitsgrad zwischen «halbblind» und «Adlerauge». Im leichten Schwierigkeitsgrad kann man ein paar Meter am Gegner vorbei kriechen und ihn von hinten abmurksen, während sein Berufskollege vier Schritte daneben steht und über die Kochkünste seiner Mutter sinniert, während im höchsten Schwierigkeitsgrad die Gegner einen schon entdecken und das ganze Gebiet in Alarmbereitschaft versetzen, wenn man hundert Meter entfernt nur schon die Nase aus dem hohen Gras reckt. Inkonsequenterweise entdecken die Gegner aber auf allen Schwierigkeitsstufen ihre gefallene Kameraden sehr willkürlich. Manchmal ignorieren sie einen Toten direkt vor ihren Füssen und rufen dann wiederum Verstärkung, obwohl der Kill abseits von allen Kameras und Augen stattgefunden hat.

«Ich vermisse die schönen Alpen.»
«Ich vermisse die schönen Alpen.» © Entwickler / Publisher

Wurde der Spieler entdeckt, bedeutet das noch lange nicht das Game-Over, denn die Gegner rennen ziemlich planlos von Deckung zu Deckung; gerne auch hinter ein Fass - wo sich schon vier gefallene Kameraden stapeln - und hoffen dort, dass ihnen dieses Schicksal erspart bleibt. Wenn sie todesmutig sind, rennen sie gleich direkt auf unseren Scharfschützen zu. Ausgefeilte Taktiken kennen die Herren leider nicht und verkommen damit zu Kanonenfutter. Wer jedoch unentdeckt vorgehen will - und das ist absolut möglich, wenn auch sehr schwer (teils von den Entwicklern so geplant und teils leider auch wegen den oben genannten KI-Problemen) - braucht viel Geduld und Konzentration. Das bewusst langsame Gameplay trägt aber massgeblich zur Spannung des Spielgefühls bei, denn so kann jeder Schuss über Erfolg und Misserfolg entscheiden.

Insgesamt ist Sniper: Ghost Warrior Contracts ein technisch mässiger Stealth-Shooter, der mit hakeliger Steuerung, nervigen Bugs und inkonsequenter Gegner-KI leider weit hinter seinem Potential zurückbleibt. Für ausgehungerte Scharfschützen-Fans einen vorsichtigen Blick wert, denn Spass kann man mit dem Titel durchaus haben, wenn man sich auf die ganzen Schwächen einlassen kann. Alle anderen lassen besser die Finger davon.

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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