Shenmue III (2019)

Shenmue III (2019)

  1. , ,
  2. ,

PS4-Review: Totgeglaubte leben länger

Let them Fight!
Let them Fight!

Als auf der E3 im Jahr 2015 bekannt wurde, dass eine Crowdfunding-Kampagne neues Leben in das längst verloren geglaubte Shenmue 3 eingehaucht hat und sich Sony nun dem Projekt annahm, war der Jubel unter den Fans enorm. Vier Jahre später ist es soweit und Shenmue 3 hat das Licht der Welt erblickt. Für Fans der Shenmue-Reihe eine kaum zu fassende Botschaft.

Der Cliffhanger, der am Ende von Shenmue 2 stand, wird nach sage und schreibe 18 Jahren gelüftet. Das Spiel lässt dabei keine Minute verstreichen und setzt unmittelbar an diesem Cliffhanger an. Unser Held Ryu Hazuki und seine Begleiterin Shenua Ling setzen die Suche nach Ryus Vatermörder und Shenuas vermisstem Papa im beschaulichen Dorf Bailu fort, wo sie bald auf grimmige Gesellen stossen, die nicht nur etwas über das Verschwinden von Shenuas Vater wissen, sondern auch im Zusammenhang mit den mystischen Drachen- und Phönixspiegeln stehen.

Nach 18 langen Jahren kriegen Shenmue-Fans endlich einen Nachfolger, der die Story rund um Ryu Hazuki und dem Mord an seinem Vater weitererzählt. Entwicklerlegende Yu Suzuki beschert uns eine Fortsetzung, die den beiden Vorgängern in beinahe allen Belangen treu geblieben ist - mit allen Vor- und Nachteilen. Shenmue 3 ist ein Spiel für Fans, funktioniert aber auch gut für Neueinsteiger, wenn sie sich mit altbackener, aber charmanter Technik und entschleunigtem Gameplay anfreunden können.

Ein wohliges Gefühl der Rückkehr.
Ein wohliges Gefühl der Rückkehr.

Wer noch nie ein Shenmue gespielt und auch den Remaster der Vorgänger links liegen gelassen hat, braucht nicht zu verzweifeln: Die Entwickler haben dem Spiel nämlich eine rund zehnminütige Videozusammenfassung der bisherigen Story spendiert. Das erleichtert Neulingen den Einstieg in die eigenwillige, aber spielerisch wegweisende Welt, die Spielelegende Yu Suzuki vor 20 Jahren auf die Dreamcast-Konsole losliess. Shenmue 3 setzt nahtlos da an, wo Teil 2 aufgehört hat und lässt uns nach wenigen Minuten frei im Dorf Bailu herumstöbern, das mit zunehmender Spielzeit um weitere, grössere Bereiche ergänzt wird.

So verbringt man den Grossteil der rund 30- bis 40-stündigen Reise durch die chinesische Provinz Guilin damit, NPCs in ausschweifenden Dialogen neue Informationen zu entlocken, in Dojos seine Kampfkünste zu trainieren, sich mit finsteren Schergen zu prügeln oder sich die Zeit diversen mit Nebenbeschäftigungen zu vertreiben und Geld zu verdienen. Geld ist ein zentraler Bestandteil des Spiels. Ryu hat nämlich eine Ausdaueranzeige, die kontinuierlich abnimmt, egal, ob wir gehen, rennen, trainieren oder kämpfen. Damit ihm nicht plötzlich die Puste ausgeht, kann man diverse Nahrungsmittel essen oder stärkende Medizin zu sich nehmen - zu einem gewissen Preis natürlich. Geld verdient man mit kleinen Gefälligkeiten wie Holzhacken oder dem Einlösen von Glücksspiel-Preisen beim örtlichen Pfandleihhaus.

Das Gameplay von Shenmue 3 folgt einem strikten Tagesablauf. Um sieben Uhr steht Ryu auf und pünktlich um neun Uhr abends kehrt er nach Hause zurück, egal, wo er gerade ist oder was er gerade macht. Wie man die Zeit dazwischen nutzt, ob man der Story folgt oder Nebenquests erledigt, bleibt dem Spieler überlassen.

Juhu, Sammelkram!
Juhu, Sammelkram!

Shenmue 3 ist ein spezielles Spiel. Auf rein technischer Ebene gibt es, wenn man die Fanbrille für einen Moment auszieht, einiges zu bemängeln. Die Umgebungsgrafik ist zwar mit viel Liebe zum Detail gestaltet, aber nicht mehr zeitgemäss. Die Figuren bewegen sich fast wie Karikaturen und sehen auch so aus, die Gesichtsanimationen sind steif und in manchen Momenten unfreiwillig komisch. Die einzelnen Musikstücke - zwar Geschmacksache - wiederholen sich oft. Die englische Vertonung wirkt wegen den hölzernen Dialogen gestelzt und unnatürlich (wahlweise kann man auch auf die japanische Sprachausgabe wechseln). Eine deutsche Synchro gibt es nicht, immerhin die Texte wurden aber übersetzt. Die Steuerung ist schwammig und die allgemeine Präsentation wie Menüs, Inventar- und Dialogsystem wirken angestaubt. Das Kampfsystem geht zwar gut von der Hand, verkommt je nach Schwierigkeitsgrad aber zu simplem Button-Mashing.

Und trotz - oder gerade wegen? - diesen unzeitgemässen Aspekten macht Shenmue 3 Spass und zieht den Spieler in seinen Bann. Es wirkt wie ein Spiel, das aus der Zeit gefallen ist. Mit seinem gemächlichen Gameplay versprüht es einen Charme, dem man sich schwer entziehen kann. Man spürt, wieviel Herzblut in das Projekt geflossen ist. In Zeiten von hektischen Multiplayer-Schlachten und polierten Grafikbomben kommt Shenmue 3 wie ein bewusst entschleunigendes, beinahe schon meditatives Erlebnis daher. Manch einer mag bemängeln, dass sich die Reihe in den letzten 18 Jahren kaum vom Fleck bewegt hat, andere finden genau daran Gefallen.

Gesichtsanimationen so alt wie der nette Opa hier.
Gesichtsanimationen so alt wie der nette Opa hier.

Shenmue-Fans und Retro-affine Zocker jubeln im Angesicht der Gameplay-Zeitreise in die Vergangenheit, alle anderen dürften davon vielleicht eher abgeschreckt werden. Neugierige Naturen kriegen aber ein charmantes und mit viel Herzblut designtes Erlebnis, das seinen Wurzeln treu geblieben ist und definitiv im Gedächtnis bleibt.

/ chb