The Outer Worlds (2019)

The Outer Worlds (2019)

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PS4-Review: Das uneheliche Kind von "Fallout" und "Borderlands"

Bitte nicht füttern!
Bitte nicht füttern!

Das Weltall. Unendliche Weiten. Wir befinden uns in einer fernen Zukunft, wo der gierige, menschenverachtende Grosskonzern «Halcyon» das Sagen hat. Dies sind nicht die Abenteuer des Kolonieschiffs «The Hope», weil die alte Schrottmühle mit ihren in Kryokammern schlafenden Kolonialisten nämlich vom Kurs abgekommen ist und nun planlos herumtuckert. Der intergalaktisch gesuchte Verbrecher Phineas Welles kapert das Schiff, reisst unseren von der Nasengrösse bis zum Namen selbst erstellten Charakter erst aus dem Kälteschlaf und befördert ihn dann mit einem kryptischen Auftrag ausgestattet in einer Rettungskapsel auf die nahegelegenen Kolonie Emerald Vale.

Da erschlagen wir nicht nur aus Versehen unseren Kontaktmann, sondern finden uns auch in einer irre bunten und irre gefährlichen Welt wieder, in der unser Kolonieschiff ein seit 70 Jahre verschollener Mythos geworden ist. Und auch sonst entspricht nichts den fröhlich-optimistischen Propaganda-Botschaften von «Halcyon».

Die Schöpfer von Fallout: New Vegas bringen uns mit ihrem neusten Streich eine bunte Mixtur aus ihrem Vorgänger und Borderlands. Die knallige Präsentation, das bewährte Gameplay und der zynische Humor bilden die Highlights dieses ansonsten eher innovationsarmen Weltraumabenteuers. Die zahlreichen Schiessereien in der Ego-Perspektive machen Spass, das Begleitersystem und der dezente Rollenspieleinschlag bringen Abwechslung rein. Ein Ausflug in die Kolonien lohnt sich, auch wenn man das Gefühl hat, alles schon einmal gesehen zu haben.

Willkommen im Spassparadies der Kolonien!
Willkommen im Spassparadies der Kolonien!

Kaum gelandet, steuern wir nun unseren Charakter in der Ego-Sicht durch verschiedene Gebiete, lösen Quests für diverse schrille NPCs, ballern Plünderer und die örtliche Fauna mit verschiedenen modifizierbaren Waffen und einem an das V.A.T.S.-System aus Fallout erinnernden Zeitlupen-Modus über den Haufen. Die sauer verdienten Erfahrungspunkte investieren wir dann in verschiedene Fähigkeiten und Attribute. Wahlweise können wir auch Begleiter rekrutieren, die jeweils eigene Fähigkeiten mitbringen, welche unsere Defizite wunderbar austarieren können. Sind wir zwar tolle Nahkämpfer, aber komplette Luschen, wenn es darum geht, Schlösser zu knacken? Dann nehmen wir einen Begleiter mit, der eben diese Fähigkeit besitzt. So verkommen unsere Helfer nicht zu blossen Kugelfängern, sondern sind wertvolle Verbündete. Wir selbst haben in Dialogoptionen die Wahl, ob wir heldenhaft, neutral oder wie ein kompletter Volldepp antworten, was immer wieder zu witzigen Situationen führen und nebenbei auch ganze Questreihen beeinflussen kann.

Generell ist der zynische Humor des Spiels allgegenwärtig und definitiv eines der Highlights. Die Quests sind hingegen ziemliche Standardware, hole dies, töte das, sammle jenes. Unser Verhalten hat einen direkten Einfluss auf unsere Beliebtheit bei den verschiedenen Fraktionen. In den Kolonien herrscht nämlich dicke Luft. Jede Fraktion geht sich gegenseitig an die Gurgel und wir können mit unserem Handeln entscheiden, wen wir bevorzugen - und wer uns dafür im Gegenzug nicht gleich die Rübe wegballert. Die Hauptstory ist solide, dümpelt aber streckenweise vor sich hin. In Nebenquests kümmern wir uns um die Sorgen von mal mehr, mal weniger normaler Bewohner und kriegen so kleine Mini-Geschichten erzählt, die für die Hauptstory zwar kaum relevant sind, aber zur Atmosphäre beitragen.

Friedlicher Abendverkauf in der Stadt
Friedlicher Abendverkauf in der Stadt

Als zentraler Ausgangspunkt der Abenteuer dient unser Raumschiff «Unreliable» - der Name ist Programm -, das stark an Joss Whedons Sci-Fi-Kultserie Firefly erinnert - für Fans der Serie gibt es noch andere tolle Easter Eggs zu entdecken. Das Schiff kann zwar nicht direkt gesteuert werden, dient aber als Schnellreise-Portal zwischen den Kolonien, Inventarkiste und Sammelpunkt für unsere verschiedenen Begleiter. Wir bereisen im Verlauf der Handlung immer mehr Planeten, die in kleinere und grössere Open-World-Gebiete aufgeteilt sind. Wer alles erkunden und alle Botengänge erledigen will, sollte etwa 30 Stunden einplanen.

Das Design der Spielwelt ist sehr gelungen, die Umgebungen sind abwechslungsreich. Der zynische Humor, die durchgeknallten Figuren und die bunte Grafik erinnern oft an die Borderlands-Reihe. Technisch läuft das Spiel flüssig und erstaunlich fehlerfrei - im Open World-Bereich fast schon eine Seltenheit. Einzig die Charakteranimationen, besonders die Gesichter, wirken steif und überzeugen trotz guter englischer Synchronisation nicht immer. Wer des Englischen nicht mächtig ist, wird viele Untertitel lesen müssen, denn eine deutsche Synchronisation bietet das Spiel nicht. Das Inventarmanagement ist relativ übersichtlich, aber dank der schieren Loot-Menge schnell überfüllt. In den Menüs passen wir nicht nur unsere eigene Ausrüstung an, sondern auch die unserer Begleiter, prüfen im Tagebuch den Questfortschritt, orientieren uns an der Übersichtskarte oder vergeben freigeschaltete Fähigkeitspunkte für Attribute wie Rüstung, Heilung, Nahkampf oder Fernkampf. Der Rollenspiel-Aspekt ist überschaubar, aber ausreichend.

Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein - stimmt!
Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein - stimmt!

The Outer Worlds ist ein spassiger, selbstreferenzieller Trip durch eine knallige Sci-Fi-Welt. Leider bedient sich das Spiel eine Spur zu sehr an altbekannten Gameplay-Mechaniken aus anderen Genrevertretern und wirkt dadurch nicht wirklich erfrischend oder innovativ. Was bleibt, ist ein guter und stellenweise sehr witziger Shooter mit moderatem RPG-Einschlag. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

/ chb