Green Hell (2019)

Green Hell (2019)

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PS4-Review: Wo ist Bear Grylls, wenn man ihn braucht?

Sieht hübsch aus, aber wenige Minuten später waren wir tot.
Sieht hübsch aus, aber wenige Minuten später waren wir tot. © Creepy Jar

Man kennt es: Der Sommer steht vor der Türe, die Reiselust lockt in den warmen Süden. Das haben sich auch Jake und Mia gedacht, als sie sich in den brasilianischen Regenwald aufmachten, um einen verschollenen Ureinwohner-Stamm zu erforschen. Das Forscher-Ehepaar muss allerdings schnell feststellen, dass ihr Erkundungstrip eine semi-gute Idee war. Denn Mia will alleine Kontakt zu den Ureinwohnern aufnehmen - und funkt Jake bald panisch um Hilfe an. Kurz darauf bricht der Kontakt ab.

Bald schon findet sich Jake allein im gefährlichen Dschungel wieder, wo feindliche Stämme nur eine von vielen Möglichkeiten bilden, auf grausame Art ins Gras zu beissen. Egel, Knochenbrüche, giftige Pilze, wilde Tiere, Hunger und Infektionen sind nur einige der Gefahren, mit denen Jake sich herumschlagen muss, während er seine Frau und einen Ausweg aus der grünen Hölle sucht.

Green Hell verschreibt sich dem Survival-Genre mit Leib und Seele. Wer hier Land sehen will, braucht nicht nur Geduld in Sachen Gameplay und Steuerung, sondern auch den Willen, Dinge auf eigene Faust auszuprobieren. Ein variabler Schwierigkeitsgrad erleichtert den Überlebenstrip zwar, aber selbst dann ist noch jede Menge Trial & Error gefragt. Ach ja, und: Du wirst verrecken. Oft.

Gameplay-mässig bedient sich Green Hell ähnlichen Mechaniken wie andere Genre-Vertreter wie beispielsweise Ark: Survival Evolved oder The Forest. Man erkundet die Umgebung nach Lust und Laune, sammelt Rohstoffe wie Holz, Steine und Pflanzen, um sich daraus Werkzeuge oder Unterstände zu zimmern, verpflegt sich mit Nüssen, Fischen und anderem Getier, das der Dschungel sich entreissen lässt und versucht, möglichst lange am Leben zu bleiben.

Nach einem Tutorial, das nur das Nötigste erklärt, findet man sich auch als Spieler schnell allein gelassen in der grossen weiten Urwaldwelt. Ein Tagebuch hilft uns dabei, die Übersicht über unsere Aufgaben und Rezepte und Bauanleitungen zu halten, wirklich an der Hand nimmt uns der Titel aber bewusst nicht.

Nicht gerade das Ritz, aber für Urwaldverhältnisse ganz annehmbar.
Nicht gerade das Ritz, aber für Urwaldverhältnisse ganz annehmbar. © Creepy Jar

Das mag einige Spieler*innen abschrecken. Denn um beispielsweise speichern zu können, müssen wir in den einzelnen Open-World-Abschnitten erst einen Unterstand bauen. Aber ohne Werkzeug geht das nicht. Hunger und Durst hat unser armer Forscher aber auch. Bevor wir verhungern, fressen wir lieber einen unbekannten Pilz. Vielleicht hilft der ja. Nein, tut er nicht. Ausgekotzt und vollgeschissen segnet Jake das Zeitliche. Game over. Alles nochmal von vorne.

Green Hell hat eine steile Lernkurve und eignet sich kaum für Gelegenheitsspieler. Das Spiel fordert von Spieler*innen viel Initiative, Zeit und Wagemut ab. Dafür wird man aber auch mit Erfolgserlebnissen belohnt, mögen sie noch so klein sein, wie beispielsweise ein selbstgebasteltes Steinmesser. Wie fürs Genre üblich, artet der Titel an gewissen Stellen aber fast zu Arbeit aus - wie halt auch der Überlebenskampf im richtigen Leben.

Im Tagebuch sammelt man Rezepte, Bauanleitungen und Hinweise zur Flora und Fauna.
Im Tagebuch sammelt man Rezepte, Bauanleitungen und Hinweise zur Flora und Fauna. © Creepy Jar

Kreativ gelöst sind die Menüs. Statt durch graue Menü-Listen zu klicken, sehen wir unsere gesammelten Vorräte in unserem Rucksack und können sie von hier aus direkt verwenden. Unsere Smartwatch dient nicht nur als Kompass, sondern zeigt auch die Bedürfnisse unseres Protagonisten nach Nahrung und Wasser an.

Zu bemängeln gibt es einiges in Sachen Steuerung. Gerade beim Crafting, wo man die Einzelteile seines Bauvorhabens - egal ob Lagerfeuer oder Palmendachvilla - Stück für Stück platzieren muss, bräuchte es höchste Präzision seitens der Steuerung. Und gerade die fällt leider etwas schwammig aus, was ordentlich am Nervenkostüm zehren kann. Auch die Kampfsteuerung gegen Jaguare und Stammeskrieger ist schwerfällig und träge. Oft ist Flucht die bessere Alternative.

Auch auf der technischen Seite läuft nicht alles flüssig. Hin und wieder kommt es zu Rucklern und Bildreissen, die Pop-up-Distanz ist kurz und die Animationen wirken oft unbeholfen. Optisch macht der Titel jedoch was her, die Urwaldumgebungen wirken dicht und lebendig, die Licht- und Wassereffekte sind hübsch anzuschauen. Eine Grafik-Bombe ist Green Hell zwar nicht, aber die Atmosphäre kommt rüber. Gefallen hat uns auch die Sound-Kulisse. Gerade mit Kopfhörern kriegt man die volle Urwald-Dröhnung. Insekten schwirren einem um die Ohren, in der Ferne donnert ein rauschender Wasserfall in die Tiefe und fauchende Leguane huschen durchs Unterholz.

Äusserst löblich ist der verstellbare Schwierigkeitsgrad. Dieser lässt sich nämlich in vielseitigen Bereichen einstellen. Keine Lust auf Kämpfe? Ein Knopfdruck und verschwunden sind biestige Raubtiere und feindliche Stammesbewohner. Keinen Bock auf Hunger und Durst? Lässt sich ebenfalls ausschalten. Zahlreiche Optionen ermöglichen es uns, den Survival-Trip nach eigenen Wünschen schwerer oder leichter zu gestalten. Das ermöglicht es auch dem unbeholfensten Survivalisten, durch das Spiel zu kommen - vorausgesetzt, man bringt die nötige Geduld mit. Denn nebst dem Story-Modus, der rund 15-20 Stunden dauert, kann der Titel auch in einem Freien Spiel bis zur Unendlichkeit - oder dem nächsten Tod - gespielt werden.

Chris Bucher [chb]

Chris ist ein Luzerner Filmemacher, Journalist und leidenschaftlicher Gamer. Er mag alles, was mit Horror zu tun hat. Seine Devise lautet: Je morbider, desto besser. Für OutNow schreibt er seit 2019 regelmässig Reviews. Er hat eine Schwäche für alte Dinosaurierfilme.

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