Days Gone (2019)

Days Gone (2019)

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PS4-Review: Die Reise in die Vergangenheit

Zombies und Rock'n'Roll
Zombies und Rock'n'Roll

Days Gone ist ein Open-World-Spiel mit Zombies und Motorrädern. Hinter dieser simplen Fassade steckt jedoch eine überraschend menschliche Story: Ihr übernehmt die Rolle von Deacon St. John, Mitglied der wohl kleinsten Motorradgang, die die Welt je gesehen hat. Diese besteht neben ihm noch aus Boozer. Boozeman, wie Deacon ihn nennt, ist ein Kumpel aus vergangenen Zeiten, bevor die Pandemie Menschen in sogenannte "Freaker" verwandelte. Damals hatte Deacon noch eine Freundin namens Sarah. Die zwei wurden jedoch getrennt, als beim Ausbruch der Seuche die ganze Stadt in Panik ausbrach. Seither streift Deacon mit Boozer durch die Wälder von Oregon und konzentriert sich aufs Überleben. Sarah hat er seither nicht mehr gesehen.

Days Gone ringt dem Medium keine neue Facette ab. Da werden altbekannte Spielelemente geboten, die man so in Dutzenden anderen Open Worlds in ähnlicher Form oder besser gesehen hat. Einige Momente bieten Nervenkitzel und heben den Titel von Bend Studio über das spielerische Mittelmass. Dennoch scheint das Spiel älter, als es in Wirklichkeit ist. In Zeiten, in denen selbst Ubisoft seine Open-World-Formel weiterentwickelt, wirkt Days Gone stellenweise wie ein Relikt aus den Anfängen der Konsolengeneration.

Die Geschichte zeigt zu Beginn grosse Ambitionen. Die Videosequenzen wie auch das Voice-Acting wurden aufwändig produziert, und der gesamte Ton der Erzählung zeigt, dass sie sich sehr ernst nimmt. Hier wird versucht, eine persönliche Geschichte zu erzählen, während die Welt um einen herum untergeht. Das erinnert stark an The Last of Us, ohne jedoch die Eleganz und Tiefe des Titels von Naughty Dog zu erreichen. Trotz allem vermag uns die Geschichte von Deacon St. John zu packen.

Zumindest ein Stückweit. Das Problem ist - wie in vielen Open-World-Spielen - der Erzählrhythmus. Offene Welten haben aufgrund ihrer offenen Spielstruktur ohnehin damit zu kämpfen, Dringlichkeit und Spannung aufzubauen. Hinzu kommt der Trend zu überlangen Kampagnen, der die Erzählung über viele, viele Stunden streckt. Deacon kämpft, neben Freakern, auch gegen eine viel zu lange Spieldauer, und so verliert sich seine Geschichte in Belanglosigkeiten und Kurieraufträgen.

Böser Bube mit Knarre
Böser Bube mit Knarre

Trotz dieser Überlänge hat das Spiel Schwierigkeiten, seine Figuren glaubwürdig in Szene zu setzen. Deek ist nicht auf Anhieb sympathisch. Seine teilweise übertriebenen Reaktionen wirken oft deplatziert. Wenn er nach einem Stealth-Kill im Tourette-Wahn vor sich hinflucht, kämpft das World-Building mit unbeabsichtigter Komik. Die Entwickler möchten hier wohl das kaltblütige Abschlachten von menschlichen Gegnern rechtfertigen. Demnach bestehen Raider, Ripper und andere Gruppierungen aus Mördern und Vergewaltigern, die nichts anderes als den Tod verdienen. Das Spiel etabliert dies jedoch nicht ausreichend.

Spielerisch greift Days Gone aus der altbekannten Wunderkiste des Open-World-Genres. Nebentätigkeiten bestehen aus feindlichen Camps, die ausgelöscht werden wollen, Freaker-Nestern zum Abfackeln und Tieren, die als Fleisch- und Pelzlieferanten gejagt werden müssen - alles schön angereichert mit einer Prise Crafting. Die Hauptmissionen sind deutlich abwechslungsreicher, und hier ist auch die Gefahr einer Ablenkung hoch. Auf dem Weg zu einer Mission kommen wir immer wieder in Versuchung, davon abzuweichen und das Haus oder die Scheune dort hinten genauer unter die Lupe zu nehmen. Dann reihen sich plötzlich zufällige Geschehnisse aneinander, die uns unser Ziel vergessen lassen.

Der Grund, weshalb das so gut funktioniert, ist das systemische Gameplay. Dabei können jederzeit haarsträubende Situationen auftreten. Während wir im Spieltest beispielsweise ein Camp infiltrierten, kam uns unerhofft ein Wolf zu Hilfe in dem er eine Wache attackierte. Nachdem er unseren Gegner zerfleischt hatte, griff der Wolf jedoch Deacon an und riss uns damit aus der Deckung. Aus dem Nichts entstand so ein wilder Kampf gegen das Tier und eine erbitterte Schiesserei gegen das Camp.

Jahre später endlich aufgetaucht: Oceanic 815
Jahre später endlich aufgetaucht: Oceanic 815

Um die Aufträge zu erfüllen, stehen uns eine ganze Reihe an Werkzeugen zur Verfügung, wobei Stealth alles übertrumpft. Das liegt vor allem an der erratischen Bewegung der Freaker. Das bessert sich etwas, sobald man "Fokus" bekommt, die hiesige Form der klassischen "Bullet Time", doch wirklich gut fühlt sich das Schiessen sich nie an. Schleichen ist deutlich effektiver, zumal wir so weniger Gefahr laufen, dass uns eine Freaker-Horde überrascht. Diese reagiert bereits auf minimale Geräusche, weshalb die Anspannung konstant hoch bleibt und wir uns nur langsam und vorsichtig voranarbeiten.

Die Progression von Deacon erfolgt auf fünf (!) verschiedenen Spuren. Die Basiswerte für Gesundheit, Ausdauer und Fokus erhöhen wir mittels Nero-Spritzen in den verteilten Laborstationen. Mit dem Erledigen von Missionen bekommt wir ausserdem Skillpunkte, die wir für Fähigkeiten wie längere Kombos, härtere Melee-Schläge etc. einsetzen können. Weitere Progression findet in den befreundeten Camps statt. Diese spezialisieren sich im Wesentlichen auf Bike- oder Waffen-Upgrades. Für Aufträge bekommt man je nachdem, wer uns den Auftrag erteilt hat, Camp-spezifische Währung und Camp-spezifisches Vertrauen, die nur in diesem Camp einsetzbar sind. Das Vertrauen schaltet die Upgrade-Stufen frei, und mit der Camp-Währung erwirbt man das Upgrade oder die Waffe. Die fünfte Progressionsart findet sich in den gegnerischen Camps. Nachdem das Camp ausradiert wurde, können wir einen Bunker aufsuchen, in dem sich Karten und Crafting-Rezepte befinden.

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Delilah, bist du's?

Letztlich funktioniert dieses wilde Sammelsurium an spielerischen und erzählerischen Elementen erstaunlich gut. Days Gone spielt sich flott und lässt nie Langeweile aufkommen. Die Systeme greifen gut ineinander, und alle paar Missionen wartet ein Story-Schnipsel auf, der wieder für etwas Motivation sorgt. Wer mal wieder Bock auf Zombies hat, wem Red Dead Redemption 2 zu wenig verspielt war, der kann sich Days Gone sicherlich mal zutun. Angesichts der Konkurrenz im ersten Halbjahr 2019 (Sekiro, Devil May Cry 5, Metro Exodus...), fällt Sonys Exklusivtitel jedoch deutlich ab.

/ ale