The Dark Pictures Anthology: Man of Medan (2019)

The Dark Pictures Anthology: Man of Medan (2019)

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PS4-Review: Wenig Game, viel Kino

Zahnärzte hassen sie!
Zahnärzte hassen sie!

Während der Westen aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs seine Zukunft türmt, legt ein amerikanisches Kriegsschiff Kurs an direkt ins Verderben. Ein Unwetter befreit ein grünliches Gas aus einem Stapel Kisten. Dieser Dunst verteilt sich, raubt den Verstand der Soldaten und kurz darauf auch ihr Leben. Nach der Rückblende stellt sich der Kurator vor, der die Geschichte von fünf Draufgängern protokollieren wird.

Alex segelt hinaus auf die Südpazifik und will nach Kriegsrelikten tauchen. Mit an Bord sind sein kleiner Bruder sowie seine Freundin Julia und deren Bruder, das Grossmaul Conrad. Als Capitain hat die Truppe Fliss angeheuert, die von der waghalsigen Tauchaktion noch nichts weiss. Das Pärchen Alex und Julia entdeckt in der Tiefe ein Fliegerwrack und birgt aus den Ruinen eine Schatzkarte. Die Nacht bricht ein und drei Fischer kidnappen die Crew. Um die «Manchurian Gold» aufzuspüren, enthüllen sie das verschollene Kriegsschiff Ourang Medan. Doch hinter der «Manchurian Gold» steckt ein tödliches Geheimnis und die Schatzsuche mündet in eine geistesgestörte Odyssee.

Man of Medan spielt sich wie Until Dawn für Minimalisten: mit einem hübschen, neuen Gewand eingekleidet, für Partynächte konzipiert und fürs Wiedervergessen inszeniert. Wer Until Dawn rühmte, wird auch Man of Medan schätzen. Zudem dürfen kitschhungrige Horrorjünger und Filmenthusiasten sowie frischgebackene Pärchen den Anker auswerfen. Alle anderen gehen vergebens Ausguck nach fesselnden Charakteren oder prunkvollem Plot. Alles, was einen interaktiven Horrorfilm ausmachen sollte, bekommt der Spieler nur gekappt serviert. Wie ein geübter Taucher, der nur schnorcheln darf und somit auf den Tiefenrausch verzichten muss.

Das Entwicklerstudio «Supermassive Game» hat Wellen geschlagen mit dem hollywoodreifen Until Dawn. Das bleibt keine Jungfernfahrt. Die britischen Entwickler stellen die «Dark Pictures Anthology» vor. Im Sechs-Monate-Zyklus erscheinen insgesamt acht Minigeschichten inspiriert vom klassischen Horrorkosmos. Angefangen beim Archetyp Geisterschiff, schlüpft der Spieler in die Rolle von fünf Figuren. Er entscheidet über Leben und Tod und schreibt seine eigene Story. Das Konzept hat Until Dawn perfektioniert, Man of Medan leider wieder aufgeknotet. Ein interaktiver Film mit hübschen Modellen ist noch nicht alles. Unter dem Deck überfluten Schwächen dieses Survival-Horor-Games.

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Brad spoilert mit seiner Gruselgeschichte "The Lighthouse"

Die Prämisse bleibt gleich: der Schmetterlingseffekt. Ein Flügelschlag in Brasilien könnte einen Tornado in Texas auslösen. Jede noch so kleine Entscheidung bestimmt das Schicksal der Figur. Man of Medan glänzt mit dieser Freiheit. Wir dürfen Gott spielen. Die Entscheidungen sind clever verknüpft und oft nicht sofort durchschaubar. Trotzdem sind die Dialoghappen nicht total zufällig dechiffrierbar. Sie sind fair ausbalanciert. Und wer einen Tipp braucht, darf Gemälde studieren und einen Blick in die Zukunft erhaschen.

Dialoge sind gewürzt mit Hinweisen. Antwortet man fürsorglich oder draufgängerisch, unsicher oder mutig? Manchmal ist Schweigen Gold wert. Diese Dynamik beeinflusst direkt die Beziehung zu den restlichen Freunden sowie den moralischen Kompass. Dieser wiederum steuert, ob man überlebt oder ins Seegras beissen wird. Viel zu oft erwischt man sich dabei, den Kompass zu studieren oder die Beziehungsbalken zu vergleichen. Im Regiestuhl sitzend die Dramaturgie selbst steuern zu dürfen, das macht Man of Medan aus.

Sneak Peek: der neue Tauchsimulator
Sneak Peek: der neue Tauchsimulator

Doch was nützt der beste Regisseur, wenn die Geschichte vor sich hin plätschert? Vor allem enttäuscht diese mit fragwürdigem Plottwist und manövriert in eine ungewollte Richtung. Literaturkritiker würden die Schreiber von Supermassive Games berechtigt als faul abstempeln. Öfters wirkt die Story auch wild zusammengewürfelt. Die Szenen wechseln unwillkürlich. Lässt man sich anfangs noch Zeit, eine bedrohliche Kulisse aufzubauen, die Figuren zu verkuppeln, mündet die zweite Hälfte in ein einziges Chaos mit unnötigen Jumpscares.

Auch die Figuren sind zum «Fische füttern». Mit keiner kann man mitfiebern, eindimensional sind sie gezeichnet ohne Ecken und Kanten. Bei Until Dawn durfte man noch miterleben, wie sie sich entwickeln, über sich hinauswachsen und man schloss viele ins Herz. Man of Medan zieht einen zum Sadisten auf. Wenn ein Charakter abkratzt, kümmert uns das nicht. Bis eine Figur aber ausscheidet, muss man einige Fehltritte erzwingen. Da war Until Dawn noch böser, noch unberechenbarer.

You dead?
You dead?

Alleine hält sich der Spielspass in Grenzen. Der Druckausgleich geschieht erst Koop. Das Game kann man online bestreiten oder offline. Beim Filmabend-Modus wechseln zwei bis fünf Spieler den Controller ab. Gerade in dieser chaotischen Zusammensetzung lässt sich der Schmetterlingseffekt am besten beobachten. Mit Freunden schöpft Man of Medan das grösste Potenzial, auch wenn nach knapp vier Stunden die Kredits rollen. Von einem würdigen Nachfolger zu Until Dawn ist Man of Medan leider noch seemeilenweit entfernt.

/ ali