Edna & Harvey: Harvey's New Eyes (2011)

Edna & Harvey: Harvey's New Eyes (2011)

Harveys neue Augen

PC-Review: Lilli und das Psycho-Stoffhäschen

Die kleine Lilli mit dem verstörenden Schicksal
Die kleine Lilli mit dem verstörenden Schicksal © Entwickler / Publisher

Harveys neue Augen stellt die Fortsetzung von [publisher="Daedalic"]Daedalics[/publisher] Überraschungshit Edna bricht aus dar. Bei Harvey handelt es sich natürlich um Ednas ehemaligen imaginären Freund in Form eines blauen Stoffhasen. Diesmal schlüpft der Spieler jedoch in die Rolle der kleinen Klosterschülerin Lilli, eines süssen Mädchens mit blonden Zöpfen und rosa Schleife im Haar. Doch hinter der Fassade von Unschuld und Gehorsamkeit verbirgt sich ein ähnlich verstörendes Schicksal wie bei ihrer Zimmergenossin Edna, in der sie ihre einzige Freundin sieht.

Harveys neue Augen ist ein nettes Adventuregame mit tonnenweise schwarzem Humor, einer durchaus anschaulichen Präsentation in 2D-Cartoon-Optik und zeitgemässer Steuerung. Das Rätseldesign ist einigermassen fair, erfordert aber hier und da einen Blick über den Tellerrand und eine gewisse Naivität. Die Story ist ziemlich durchgeknallt und anfangs spannend, jedoch mit vielen Logiklöchern versehen. Gerade das abrupte Ende vermittelt dem Spieler den Eindruck, die Zeit bis dahin nur mit zusammenhanglosem Tun verbracht zu haben.

Story

Das besondere Element im Spiel stellen die Psychoblockaden dar, mit denen sich Lilli - demnach auch der Spieler - ab dem zweiten Kapitel herumschlagen muss. So kann sie beispielsweise nicht mit Feuer spielen, mit spitzen Gegenständen hantieren, Alkohol trinken, sich an gefährliche Orte begeben oder wütend werden und muss immer befolgen, was Erwachsene ihr sagen. Im Laufe des Spiels kann man sich mit Hilfe von Harvey immer wieder in Selbsthypnose versetzen, um in einer alternativen Wahrnehmung gegen die dämonischen Formen des Plüschhasen anzutreten, welche die einzelnen Blockaden darstellen.

Lilli findet sich zurecht - trotz heftiger Gegenwehr
Lilli findet sich zurecht - trotz heftiger Gegenwehr © Entwickler / Publisher

Wenn Lilli also etwa verboten wird, mit Feuer zu spielen, sie aber eine brennende Fakel braucht, um eine geheime Tür zu öffnen, muss sie versuchen, diese Regel zu brechen. Dafür versetzt sie sich in einen Trance-Zustand und bekämpft in ihrem Kopf die entsprechende Barriere. Diese Traumwelten sind wunderbar absurde Orte, an denen ganz eigene Regeln herrschen. Lilli muss zunächst die Figur finden, welche für das Verbot verantwortlich ist und sie dann mit einer abstrakten Logik dazu zwingen, sich selbst zu widersprechen. Denn manchmal ist es schliesslich auch gut, wenn man die Regeln der Erwachsenen bricht. Das ist zwar eine nette Idee, um das Psychotherapie-Thema besser zu Geltung zu bringen, bietet aber spielerisch keine wirklichen Pluspunkte. Da man die Blockadeaufhebungen nach Bedarf einfach umschalten kann, wirkt das Ganze eher überflüssig und mit der Zeit lästig.

Gameplay

Das Spiel ist in drei Kapitel aufgeteilt. Den Anfang macht die Klosterschule, danach folgt eine Etappe im Dorf und dessen Umfeld, bis man dann zum grossen Showdown antritt in Dr. Marcels - Ednas Peniger im Vorgänger - Irrenanstalt, von der sie ausgebrochen ist. Den grössten Unterschied zu Edna bricht aus stellt aber die vergleichsweise einfache Steuerung dar, die wie viele moderne Adventures nur Kontext-spezifische Interaktionen zulässt. Man kann zwar versuchen, alles Mögliche zu kombinieren und erntet dafür einen entsprechenden, meist spöttischen Kommentar. Aber das ist auch schon alles, was noch eine gewisse Ähnlichkeit zum Vorgänger hat, der mit seinem Retrointerface auch völlig schwachsinnige Kombinationsmöglichkeiten bot. Dadurch ist die Handhabung zwar einfacher und schlüssiger, macht aber weniger Spass, da man kaum noch bewusst unsinnige Dinge ausprobieren kann.

Scheint unübersichtlich, man findet aber schnell das, wonach man sucht.
Scheint unübersichtlich, man findet aber schnell das, wonach man sucht. © Entwickler / Publisher

Dank übersichtlicher Szenarien, Schnellausgangsfunktion und Hotspotanzeige gibt es kaum lange Lauf- und Suchzeiten. Auch Rätsel in Form von Minispielen, die ggf. übersprungen werden können, sind vorhanden. Dabei handelt es sich meist um Denkpuzzles, bei denen bestimmte Elemente über gegebene Hinweise in Bezug zueinander gesetzt werden müssen. Sie treten an die Stelle von typischen Maschinenrätseln, mit denen sie auch am ehesten vergleichbar sind. Zu jedem dieser Minispiele kann man sich auch einen Tutorialtext anzeigen lassen, wenn man sie nicht komplett überspringen will und auf dem Schlauch steht. Eine richtige Lösungshilfe gibt es jedoch weder für Minispiele noch für die restlichen Rätsel im Spiel. Bis auf wenige Ausnahmen ist das aber auch kaum vonnöten, da die Lösungen zum Teil recht naheliegend sind, durch das meist übersichtliche Inventar leicht mit Ausprobieren herausgefunden werden können, oder bereits vom Erzähler angedeutet werden. Eine niedrige Hemmschwelle und widersinnige Dinge auszuprobieren, hilft erheblich beim Vorankommen, benötigt aber häufig ein wenig Zeit.

Technik

Optisch ist das Spiel stark am Vorgänger angelehnt und fällt durch die knallige 2D-Cartoongrafik auf, die deutlich an niedlichen Kinderzeichnungen orientiert ist. Die tolle Aufbereitung für HD lässt jedoch keinen Zweifel an der Professionalität, mit der das Ganze umgesetzt wurde. Auch ansonsten bietet sich ein rundes Bild. Die Sprecher sind gut aufgelegt und wiedergeben die Figuren sehr gut. Einzig der Erzähler, gesprochen von Schauspieler Götz Otto, wirkt unterm Strich ein wenig gezwungen und überfordert. Musikalisch und in Sachen Soundkulisse bekommt man einen Mix geboten, der gut zur Stimmung der einzelnen Szenen passt.

Die Umgebung im Cartoon-Style wurde liebevoll gestaltet.
Die Umgebung im Cartoon-Style wurde liebevoll gestaltet. © Entwickler / Publisher

Während auf technische Kopierschutz-Massnahmen verzichtet wurde, hat Daedalic den interaktiven Kopierschutz im Spiel bei uralten Klassikern wie Monkey Island abgeschaut. Mithilfe einer beigelegten Pappscheibe lassen sich verschiedene Kombinationen von Gesichtern erstellen, die zu Beginn des Spiels abgefragt werden. Durch die Kombinationen erscheinen in kleinen Fenstern wiederum unterschiedliche Datumswerte, die dann eingegeben werden müssen. Das ist eine durchaus spassige Idee, aber obwohl diese Abfrage nur alle 24 Stunden einmal erscheint, fängt der Kopierschutz dann doch irgendwie an, lästig zu werden.

/ lul