58. Internationale Filmfestspiele Berlin 2008
Das Tagebuch
Gedanken zum Anlass. Die OutNow.CH-Delegation ganz privat. Diesmal "Various Artists".
Sonntag, 17. Februar - Schlussbericht

Alles vorbei
Festivals sind für Journalisten eine ambivalente Angelegenheit. Einerseits sind sie stressig und schlagen auf die Gesundheit, jedoch vermisst man sie, sobald sie vorüber sind. Nun ist auch die Berlinale wieder zu Ende, dieses zu dichtester Konsistenz zusammengebrachte Sammelsurium internationaler Filme. Vorbei ist es mit drei Filmvorführungen pro Tag, mit der verkürzten Reichweite zu den Stars, mit dem goldenen Sternenregen, dem man immer zu Beginn der Vorstellung auf der Leinwand präsentiert bekam.
Bevor jedoch der Potsdamer Platz zurück zur architektonisch verunglückten Realität zurückfand, wurden am Samstag die Bären verliehen. Den goldenen für den besten Film hat – wieder einmal – ein Aussenseiter gewonnen. Trope De Elite von José Padilha hatten nur wenige auf der Rechnung stehen. Der Regisseur war dementsprechend überglücklich und erklärte, dass dieser Preis für den brasilianischen Film im Allgemeinen sei, und nicht nur für ihn. Leider fehlt uns Europäern bei diesem Dank ein ganzes Stück Hintergrund, denn ausser Favela-Filme kommt eben nichts Weiteres aus dem grössten Land Südamerikas in unsere Kinos.
Im gleichen Atemzug mit dem Sieger darf man auch den Verlierer nennen. Der Singular ist hier Absicht, denn There Will Be Blood war haushoher Favorit. Paul Thomas Anderson muss sich trotzdem nicht vor Gram unter Tage verstecken: Er erhielt den Regie-Bären, sein Sounddesigner, Radiohead-Gitarrist Jonny Greenwood, wurde für die beste künstlerische Leistung ausgezeichnet. Und in einer Woche kann der Film auch noch ein paar Goldmännchen gewinnen. Wie sagte es Daniel Day-Lewis so wunderbar lakonisch. "Ob wir die Oscars gewinnen? Natürlich, wir werden sie alle gewinnen, und sogar die, für die wir nicht nominiert sind."
Bei den Darstellern gingen die Auszeichnungen verdientermassen an Reza Najie und Sally Hawkins. Gegensätzlicher hätten beide Rollen nicht sein können: Während Najie in Avaze Gonjeshk-ha einen vergrämten Mann im Sinneswandel spielt, ist Hawkins als Poppy in Happy-Go-Lucky unglaubliche 118 Minuten gut gelaunt. In der heutigen Welt scheint das richtig schwer, ja nahezu realitätsfremd.
Diskutiert wurde natürlich viel an der diesjährigen Berlinale. Glücklich wurden die Kritiker keineswegs mit dem Wettbewerb, aber das ist kein neues Thema. Die Programmation hätte wohl gut daran getan, There Will Be Blood nicht gleich am Anfang zu zeigen. Als Meisterwerk durchs Band abgefeiert, riss der Film einen schier unüberbrückbaren Graben zwischen sich und die nachfolgenden Werke, den erst Happy-Go-Lucky und KABEI wieder füllen konnten. Dabei tat einem das untere Ende der Niveautabelle fast schon leid. Die heroische Tilda Swinton spielte in Julia fantastisch, und trotzdem ist der Film Schrott. Gardens Of The Night wollte eigentlich das schlimme Thema Kinderprostitution verurteilen, ästhetisiert es aber ungeschickterweise noch. Das seelenlose Kindersoldatendrama Feuerherz löste vor der Premiere eine Kontroverse aus, weil dessen Tatsachenlage nicht schlüssig beweisbar war: Doch selbst die scharfe Thematik des Films konnte dessen Schwächen nicht kaschieren.
Überstrahlt hat Madonna ihren Film Filth And Wisdom bei weitem. Weil es die erste Regiearbeit der Popdiva war, wollte ihn jeder sehen. Gut fand ihn keiner, aber jemanden wie Madonna auf dem Festival zu haben, ist ein wahrer Glücksfall. Da konnten nur die Rolling Stones mithalten, die zusammen mit Martin Scorsese Shine A Light präsentierten. Ein geglückter Konzertfilm, der ein Musikphänomen in Stein geschlagen hat.
Die Berlinale ist also nicht mehr, jedenfalls für dieses Jahr. Die kommende Ausgabe wird sich redlich bemühen müssen, die Starpower von 2008 zu überbieten. Aber Festivaldirektor Dieter Kosslick wird das schon "rocken".
Goldener Bär für den besten Film:
Tropa De Elite von José Padilha
Grosser Preis der Jury – Silberner Bär
Standard Operating Procedure von Errol Morris
Silberner Bär für die beste Regie
Paul Thomas Anderson für There Will Be Blood
Silberner Bär für die beste Darstellerin
Sally Hawkins in Happy-Go-Lucky
Silberner Bär für den besten Darsteller
Reza Najie in Avaze Gonjeshk-ha
Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leistung (Musik)
Jonny Greenwood in There Will Be Blood
Silberner Bär für das beste Drehbuch
Wang Xiaoshuai für Zuo You
Alfred-Bauer-Preis
Lake Tahoe von Fernando Eimbcke
Dienstag, 12. Februar - Pressezentralistisches Gedankengut

Wie die Presseschar die Texte in die Heimat beamt
Die Outnow-Delegation verkleinert sich erneut,und im Gegensatz zu gestern ist der Tatandrang heute ein wenig abgeschwächt, vielleicht auch dadurch, dass verschiede Delegationsmitglieder gestern bis in die späte Nacht Filme geschaut haben. Oder liegt es am Wetter, das nach einigen Tagen Sonnenschein doch noch in Hochnebel übergegangen ist? Der heutige Ärger: Wieso musste bei den letzten drei Filmen immer noch im letzten Moment ein 2-Meter-Hüne sich gleich vor mich setzen?
Auch Promis scheinen heute nicht in übertrieben grosser Stückzahl auf dem roten Teppich zu erscheinen. Auf jeden Fall haben sich die Fotografen deutlich weniger gedrängt, um einen neuen, kaum originellen Schnappschuss der lächelnd vorbeiziehenden Stars und Starlets zu bekommen.
Hingegen steigt langsam die Spannung, welcher Film denn den begehrten Bären gewinnen könnte. Die Journalisten jedenfalls beginnen sich gegenseitig abzufragen, wie sich ihre Berufskollegen denn so positionieren. Oder geht es auch um wenig subtile Anmache, da gewisse Journalisten merken, dass gar nicht mehr so viel Zeit bleibt, um sich vor dem Ende der Projektionen näherzukommen?
Schliesslich noch eine kleine Beschreibung des Treibens im Bunker-mässigen Pressezentrum: Eine kleine Anzahl relativ junger Leute, die abgekapselt in ihrer eigenen Gedankensphäre Artikel in die Laptops eintippen. Die interpersonnelle Kommunikation ist auf dem Nullpunkt, der Stress den Journalisten deutlich spürbar, und lediglich das andauernde Tastendrücken durchdringt den sonst ausschliesslich durch die laute Belüftung geprägten Ton im Raum. Da auch noch die Wände und Tische grau sind, ist es eigentlich nicht ganz verwunderlich, dass die meisten Journalisten mittlerweile vorzugsweise in umliegenden Cafés und Bars ihr Können unter Beweis stellen.
Montag, 11. Februar - Monothematisches aus Brasilien

Wie man Pressekonferenzen zu Schulungen umfunktioniert
Ein weiterer ganz interessanter Tag in Berlin. Gleich zu Beginn eine Überschwemmung im Badezimmer - man kann sich darüber streiten, ob der suboptimale Duschvorhang oder das fehlende Können des Protagonisten die Hauptursache dafür ist. Danach wird eindrücklich unter Beweis gestellt, dass die Delegation nach wie vor äusserst motiviert ist, so dass sie beinahe in corpore zum ersten Film am frühen Morgen im Berlinale-Palast erscheint. Ob das am immer noch wunderbar sonnigen, ja schon beinahe frühlinghaften Wetter liegt?
Danach wird es ruhiger, und es bleibt also Zeit dafür, um ein paar interessante Diskussionen mit anderen Journalisten zu führen. Gefolgt vom alltäglichen Ritual des Beklagens über die unzuverlässigen Internetverbindungen im Pressezentrum und in den umliegenden Gebäuden, danach werden eilig ein paar kleine Sandwiches und andere ungesunde Leckereien reingedrückt, und schliesslich beginnt man sich dann mal selbstkritisch zu überlegen, ob es denn überhaupt möglich ist, sich alle vier für den Tag eingeplanten Filme auch reinzuziehen, zu verarbeiten und dann interessante Artikel daraus zu machen...
Die Pressekonferenz zu Tropa de elite gleicht teilweise einer Präsentation statistischer Daten zur katastrophalen Gewaltsituation in Rio, um den vielleicht ein wenig gar als naiv eingeschätzten westlichen Journalisten auch pseudo-wissenschaftlich aufzuzeigen, dass das zuvor gesehene Filmmaterial durchaus einer weit verbreiteten Realität entspricht. Danach erstaunt vielleicht die Tatsache, dass der brasilianische Regisseur die Kollaboration mit Gangstern in Favelas zwar anprangert, jedoch klar zu verstehen gibt, dass auch sein Film ohne "Zusammenarbeit" mit Kriminellen in den betreffenden Favelas gar nicht möglich gewesen wäre... Und die brasilianischen Berichterstatter regen sich darüber auf, dass sämtliche dieses Jahr in Berlin gezeigten Filme aus Brasilien ausschliesslich mit Favela-Problematiken befassen. Als ob die dortige Filmindustrie keine anderen Themenbereiche abdecken würde! So als ob alle internationalen Schweizer Filme über Schwamendingen wären...
Die heutige Lachnummer? Die völlig unprofessionnel realisierte deutsche Übersetzung des Films The Song of Sparrows, der im Übrigen ausgezeichnet ist. Wirklich kaum ein Satz war sprachlich korrekt formuliert! Hat der unfreiwillige Humor, der dabei auf das Publikum einwirkte, die eigentlich beabsichtigte Botschaft vielleicht doch noch ein wenig verfälscht. Und ob das der anwesende Regisseur und der Hauptdarsteller während der Projektion gemerkt haben?
Beim abendlichen Debriefing kommt einstimmig heraus, dass die heute gesehenen Filme alle qualitativ hochstehend sind. Vor allem diejenigen, die sich ursprünglich alle gegenseitig abschieben wollten... Beim anstehenden Schlummertrunk wird dann mit Schrecken festgestellt, dass nur noch alkoholfreies Bier im Kühlschrank steht!
Donnerstag, 07. Februar - Bauer sucht Feind

Wo die Musik spielt
Zehn Tage Film, Film, Film. Dafür nimmt man sich doch gerne Urlaub. Mit perfekter Vororganisation (Eigenlob, haha!) reisen die zwei und später sogar vier und fünf Outnower in die deutsche Hauptstadt. Das stylische Retro-Apartment ist wie gewohnt gemütlich und perfekt gelegen. Drei Stationen vom Potsdamer Platz und direkt an den Hackeschen Höfen - was will man mehr?
Morgens früh am ersten Tag wagen wir uns dann auch schon ins Getümmel. Das Abholen der Presseausweise geht wie gewohnt zackig vonstatten, und zufrieden begeben wir uns ins Pressezentrum, um das nötige Zubehör zu ergattern und die sonstigen Details abzuklären. Ernüchternd stellen wir
fest, dass die sonst so belebte T-Com Launch mit der hübschen Hostesse gähnend leer ist. Das hat seinen Grund. Die T-Com hat sich offensichtlich als Sponsor zurückgezogen und Internet kostet nun satte 30 Euro. Na gut, dann wird das mal zähneknirschend bezahlt.
Mittags geht's dann bereits mit dem ersten Film los, Shine A Light, ein Konzertzusammenschnitt der wohl bekanntesten Rockband der Welt, den Rolling Stones. Die vier Herren haben sich sogar in die Hauptstadt gewagt, und so ist die Pressekonferenz proppenvoll, weil jeder Journi ein Auge auf die Stars werfen will.
Abends wird das Festival dann offiziell von Katrin "Ehrensenf" Bauerfeind als Moderatorin eröffnet, bei der sich die Promis und Stars gegenseitig gratulieren und hochleben lassen. Um eins kommt jedoch keiner herum, dem ein Mikrofon ins Gesicht gestreckt wird und zwei Sätze Kommentar abverlangt werden: Die heurige Berlinale sei ja ein "Musikfilmfestival". Aha!
Und es stimmt natürlich, die Rolling Stones eröffnen quasi das Festival, Patty Smith hat auch ne Doku in der Panorama-Kategorie, und irgendein Film ist über eine irakische Heavy Metal Band. Krass, das sind ja schon drei Filme von über 400. Ah, und Madonna natürlich. Wobei in deren Debut als Regisseurin geht es ja gar nicht um Musik. Vielleicht doch kein Musikfilmfestival?
Wir sind jedenfalls alle gespannt, was uns das Festival an Filmen bieten wird. Genug sind es ja. Und der über 300-seitige Katalog mit allen Filmbeschrieben wird schon heftig studiert.
