Schwarze Schafe (2006)
Interview mit Olivier Rihs

Olivier Rihs
Oliver Rihs kommt 1971 in Männedorf zur Welt. Nach dem Vorkurs an der HGKZ absolviert er eine Ausbildung als Grafiker. Nach drei Jahren als selbstständiger Grafiker und als Assistent bei Werbefilm-Produktionen beginnt eine intensive Auseinandersetzung mit Film-Theorie. Mit 25 beendet er seine Grafiker-Karriere und arbeitet als Sozialarbeiter für alte Menschen. Parallel dazu realisiert er seine ersten Video-Arbeiten in Eigenregie. Drei Jahre später folgt der Kurzfilm "Lilien", der an verschiedenen Festivals gezeigt wird und in Locarno den Preis für den besten Kurzfilm gewinnt. 2001 realisiert er in einer schweizerisch-spanischen Koproduktion seinen ersten Langfilm: Brombeerchen.
Oliver Rihs lebt seit einigen Jahren in Berlin. Für OutNow.CH kam er jedoch nach Zürich und nahm sich - trotz dem schönen Wetter - eine ganze Stunde Zeit.
OutNow.CH (ON): Schwarze Schafe ist eine schwarze Komödie mit einem manchmal derben Humor. Hast du den Film für ein junges Publikum gemacht?
Olivier Rihs (OR): Ich habe mir nie vorgenommen, den Film auf eine bestimmte Altersgruppe zuzuschneiden. Wir hatten Vorstellungen, wo die Mehrheit des Publikums graumeliert war und dachten bloss: "Das kann nicht gut gehen". Doch der Film kam auch bei dieser Altersgruppe gut an. Es sind weniger die 18jährigen. Natürlich auch, weil der Film in Deutschland FSK-18 ist. Wahrscheinlich die erste deutsche Komödie, die erst ab 18 ist. (lacht) In der Schweiz ist er ja ab 16. Ich habe den Film einmal einem 18jährigen gezeigt, den ich kenne, und fand dann selber, jünger sollte das Publikum eigentlich nicht sein. Denn einige Sachen sind ihm schon ziemlich eingefahren.
ON: OutNow.CH ist ja eigentlich eine "junge" Website. Die Kritik von Schwarze Schafe ist dennoch extrem schlecht. Möchtest du ein Statement dazu abgeben?
OR: Ja, also die Kritik wurde nach Edinburgh geschrieben, und ich bin ziemlich erschrocken, als ich das las, denn der Autor schreibt, wie beklommen das Publikum dagesessen habe. Und in etwa drei Magazinen in England lese ich von derselben Pressevorführung, wie grossartig die Stimmung gewesen sei, und dass es noch nie so ein Gelächter gegeben habe in einer PV. Daran merke ich einfach, dass der Autor seine subjektive Sicht auf die Stimmung des ganzen Publikums überstülpt. Und das nervt mich. Ich finde, eine harte Kritik zu bekommen, kann ab und zu ganz gut tun. Ich habe das bei meinem ersten Film so erlebt, den Wolfram Knorr (Filmkritiker der "Weltwoche", Anm. d. Red.) ziemlich zerrissen hat. Das fand ich jedoch interessant und ich setzte mich auch gerne damit auseinander. Aber dumm geschriebene schlechte Kritiken finde ich ärgerlich, Kritiker, die nicht wirklich reflektieren. Euer Autor hängt die Kritik ja vor allem daran auf, dass wir nur provozieren wollten - was einfach Bullshit ist, denn für mich ist das sogar ein ziemlich moralischer Film. Einer, der mit Trash arbeitet und Grenzen sprengt, aber eine sehr klare moralische Message hat.
ON: An den Filmtagen in Hof (D) und auch in Solothurn hast du die Leute vor Filmbeginn vor deinem Film "gewarnt". Wie ist das, wenn du die Welt vor deinem Werk "warnen" musst?
OR: ...das habe ich dann mit der Zeit aufgegeben. Was ich den Leuten an einem Festival aber gerne mitgebe, ist: Hey, ihr geht in eine schwarze Komödie, es wird eine Achterbahnfahrt! Aber ich kokettiere gerne damit. Es ist weniger "Hilfe, ich will euch gewarnt haben", sondern es ist für mich auch ein Witz, eigentlich.
ON: Also hattest du nie Angst vor dem Release von Schwarze Schafe?
OR: Nein, schon lange nicht mehr. Wir hatten am Anfang ein bisschen Schiss davor, was die türkische Community in Berlin davon hält, wenn wir drei türkische Jungs mit erigiertem Penis zeigen. (schmunzelt) Weil das wahrscheinlich noch nie gezeigt wurde. Ich meine, das sind doch Türken, das ist Muslim-Kultur. Oder ich dachte auch mal, hoffentlich fühlt sich nicht irgendein satanistischer Zirkel von uns verarscht! Unterdessen glaube ich, das wird völlig unproblematisch, weil es Comedy ist. Und die meisten verstehen sicher auch, dass es überhaupt nicht zynisch ist. Es ist ein sehr liebevoller Umgang mit... tragischen Subjekten.
ON: Wie viel Überlegung steckt denn hinter solchen Tabubrüchen? Habt ihr euch mal hingesetzt und darüber diskutiert, oder dachtet ihr von Anfang an: "Ach komm! Das zeigen wir!"
OR: Doch, da wurde schon diskutiert. Dass der Film so provokativ und teils sogar subversiv geworden ist, war eigentlich gar nicht geplant. Wir wollten eigentlich einfach einen Loser-City-Berlin-Film machen. Aber dadurch, dass ich den anderen Autoren gesagt habe: "Ich kann euch nicht bezahlen, aber ich werde drehen, was ihr schreibt", hatten alle das Bedürfnis, die Grenzen der Political Correctness, die du sonst beim Schreiben immer einhalten musst, einmal zu sprengen. Das ist mehr eine Reaktion auf das angepasste, geförderte Kino, das wir normalerweise haben. Einige Szenen waren abgeschwächt geplant, doch beim Drehen wurde mir klar, doch, da müssen wir drauf, auf das "Füdli" der Grossmutter zum Beispiel, und das muss so sein. Das soll aber auch befreiend wirken. Für viele Zuschauer hat es auch etwas Befreiendes. Mal wieder über etwas zu lachen, über das man dem Empfinden nach eigentlich nicht lachen darf.
ON: Wie wurde Schwarze Schafe denn geschrieben? Es werden ja sechs Autoren erwähnt, fünf Stories sind im Film.
OR: Ich habe am Anfang die Charaktere vorgegeben, habe also beispielsweise gesagt: Da sind zwei Satanisten und eine Grossmutter. Ich wusste, dass diese Geschichte am Alexanderplatz beginnt, weil ich dort einmal genau so eine Szene von Satanisten mit "Jesus-Sängern" erlebt habe. Und das hat mich total inspiriert. Oder ich las einmal in der Zeitung von einem Hochstapler, der einen Versicherungsbetrug versucht. Mit solchen Fragmenten ging ich zu den Autoren: Das sind die Figuren, sie müssen Geldprobleme haben und beim Versuch an Geld zu kommen scheitern. Ich erhielt dann zwei- bis dreiseitige Plots. Auf dieser Grundlage habe ich die Drehbücher geschrieben, habe die Stories einander angeglichen und eine einheitliche Sprache gesucht.
ON: Warum hast du denn die anderen fünf Autoren zugezogen? Du hattest ja die Ideen, und du hast die Stories am Schluss auch zusammengezogen.
OR: Weil ich vermeiden wollte, dass es so ein Autorenfilm wird. Ich wollte kein Autorenfilmer sein, sondern vielmehr der Dirigent von einem Haufen Kreativer: Die guten Sachen rausfischen und weiterentwickeln, sehr spielerisch im Kollektiv. Diese Machart hat mir extrem gut gefallen. Das war natürlich nur möglich, weil wir so unkonventionell produziert haben. Ich werde nicht so schnell wieder auf diese Art einen Film machen können.
ON: Du hast den Film selber produziert, hattest dein eigenes Geld drin. Daneben bist du auch Drehbuchautor und Regisseur. Dadurch ist dein Einfluss auf das Werk sehr gross. Ist Schwarze Schafe demnach ein sehr persönlicher Film?
OR: Sehr persönlich, finde ich, ist er nicht. Es gibt keine Figur in diesen Geschichten, der ich mich besonders nahe fühle. Aber viele Leute, die mich gut kennen, finden schon, dass dieser Film ganz klar von mir ist. Die Art des Humors, das Sich-lustig-Machen über menschliche Begegnungen, über Peinlichkeiten. Den Vorwurf, der Film habe etwas Zynisches, finde ich ganz widerlich. Wenn ich mich über jemanden lustig mache, dann am liebsten über meine besten Freunde. Denn ich finde, damit ich berechtigt bin, mich über jemanden lustig zu machen, muss ich ihn sehr gerne haben. So funktioniere ich. Somit hatte ich all diese Figuren auch sehr gerne, während ich sie in den Dreck gezogen oder mich über sie lustig gemacht habe. Damit ist es auch ein liebevoller Film geblieben - ausser für gewisse Leute, die sofort die Scheuklappen zumachen und finden, das sei einfach nur vulgär und blöd.
ON: Du schreibst im Presseheft, du hättest den Film selber produzieren wollen, um einmal der Fantasie freien Lauf lassen zu können, um dich nicht "prostituieren" zu müssen. Als Regisseur - der seinen Film verkaufen will - musst du das früher oder später ja trotzdem tun.
OR: Als wir mit dem Dreh angefangen haben, dachten wir einfach: Hey, wir wollen wiedermal ein Sommer-Spassprojekt anreissen. Wir wollten den Film für uns machen. Und wir merkten, dass wir mit dieser Arbeitsweise meist auch bei anderen besser ankamen. Im Gegensatz zu einem auf ein bestimmtes Publikum kalkulierten Arbeiten, bei dem sehr schnell eine gewisse Verlogenheit - was ich "Prostitution" nenne - entsteht. Das grosse Echo, das wir jetzt haben, hängt bestimmt damit zusammen, dass wir uns treu geblieben sind.
ON: Ihr hattet wenig Geld. Nicht alle Schauspieler erhielten eine Gage, ist das richtig?
OR: Gar niemand hatte eine Gage. Ausser die Grossmutter. (lacht) Da hätte sonst niemand mitgemacht. Von den Anderen hat noch niemand etwas verdient. Aber sobald wir Kinokasse machen, bekommen sie ihren Anteil. Das erste Geld, das reinkommt, geht an Mitarbeiter und Darsteller, und erst dann fangen wir an, unsere Schulden zu decken.
ON: Wie lief denn dieser Dreh, mit Handkameras... waren es eigentlich HD-Kameras?
OR: Nein, es ist so eine Sony 150er, eine mittelgute DV-Kamera, plus teilweise habe ich sogar mit meiner kleinen MiniDV gedreht, beispielsweise alle Autosequenzen. Da habe ich einfach gemerkt, dass die Auflösung zwar noch ein bisschen schwächer ist, dafür kann ich plötzlich hinter dem Steuerrad hervorfilmen oder Kamerafahrten machen, die du mit einer grösseren Kamera nie machen kannst. Ich habe mich meist irgendwo unter den Sitz gequetscht. Wir haben schon extrem gebastelt. Die Entscheidung für schwarz/weiss fiel auch darum, weil Olivier, der Kameramann, und ich Mühe haben mit diesen DV-Farben, gerade wenn man keine wirklich gute Beleuchtung hat. Wir hatten meist einfach ein paar Neon-Röhren, das war alles. Ich glaube, jeder Studentenfilm ist technisch fünfmal aufwändiger. Wir hatten fast jeden Tag die Polizei auf dem Set, und zwar meist aus dem Grund, dass wir an jedem Aussendrehort tonnenweise Müllsäcke ausgekippt haben - die wir immer wieder eingesammelt haben. Aber da hatten wir immer Anwohner, die innert Kürze die Polizei riefen. Am Kottbusser Tor, wo eigentlich der Junkie-Umschlagplatz ist, riefen sogar die Junkies die Polizei und regten sich auf, dass ihr Platz verschmutzt wird. (lacht) Das war wirklich unglaublich.
ON: Sind auch die Dialoge improvisiert? Einige Szenen wirken ja beinahe dokumentarisch.
OR: Anfangs liess ich die Drehbücher ziemlich fragmentarisch. Damit ging ich in die Proben, und ergänzte die Bücher mit den Zeilen, die mich in der Probe fasziniert hatten. Letztendlich waren es ca. 80% fixe Dialoge, würde ich sagen. Gerade bei den drei türkischen Jungs konntest du das eh vergessen, die brachten da ihre Sprache rein. Die Bootszene beispielsweise, die meiner Meinung nach schon fast dokumentarisch wirkt, musste in eineinhalb Tagen abgedreht sein. Und es sind doch immerhin 25 Minuten Film! Für die Schauspieler bedeutete das einfach spielen, spielen, spielen, sie waren wirklich ununterbrochen im Charakter. Dort war es eine Art "dokumentarisch-fiktionale" Arbeit.
ON: Waren die einzelnen Episoden also voneinander unabhängig, bis du sie im Schnitt miteinander verflochten hast?
OR: Das Drehbuch wurde innerhalb von zwei Monaten geschrieben, die Produktion und das Casting gemacht, das entstand alles innerhalb von zwei Monaten, und ich hatte keine Zeit. Aber die Idee, alles zu verflechten, war da. Und die Arbeit am Schnittplatz war denn auch enorm lang. Ich verbrachte etwa vier Monate mit dem Schnitt. Oft sagt man ja bei solchen Episodenfilmen, dass man die Figuren letztendlich zusammenbringen muss. Entweder dass sie wirklich zusammen etwas zu tun haben am Ende, oder dass sie durch ein gemeinsames Erlebnis verbunden werden, wie - ich weiss nicht: in "Magnolia" der Froschregen, so ein Opus Magnum. Ich fand, das ist nicht unbedingt nötig, denn sie sind innerlich miteinander verknüpft, von der Thematik her, und ich sah keinen Grund, warum das Publikum sie am Ende noch alle miteinander erleben muss. Ich wollte vielmehr am Schluss allen eine Stimmung geben, die sie verbindet. Dieser Frieden in den letzten zehn Minuten, wo alle so "erleuchtete" Momente haben.
ON: Gibt es Teile, die im Schnitt weggefallen sind?
OR: Viel. Ja, viel. Wir haben eine ganze Geschichte rausgeworfen. Wir haben einfach gemerkt, dass fünf Geschichten das Maximum sind. Ich glaube, es ist der erste Episodenfilm - den ich kenne - der mit fünf Geschichten arbeitet. Sonst sind es fast nie mehr als drei bis vier Geschichten. Und es war verdammt schwierig, diese so zu verschachteln, dass du trotzdem noch an jeder Geschichte dranbleibst. Und wir merkten, dass wir nicht gross über 90 Minuten gehen durften. Komödien über 90 Minuten sind schwierig, weil du irgendwann keine Lust mehr hast zu lachen, und dadurch haben wir recht viele Szenen einfach rausgeknallt. Wir haben insgesamt etwa zehn Test-Screenings gemacht, bis wir uns für eine End-Schnittfassung entschieden haben.
ON: Gibt es etwas, das du im Nachhinein rausnehmen würdest - wenn du könntest?
OR: Irgendwann ist der Film für mich einfach der Film und er muss genauso sein, auch wenn er Fehler hat. Es ist wie wenn du ein Kind kriegst und es hat halt ein bisschen ein schiefes Auge, oder was weiss ich. (lacht) Für mich gibt es vielleicht einen Moment, und das ist die Fäkalszene vom Schwulen hinten im Auto. Da haben wir uns überlegt, ob die Kamera wirklich noch auf den "Scheisshaufen" schwenken soll oder nicht... Jetzt finde ich ab und zu, das hätten wir vielleicht draussen lassen sollen. Ich meine, das sind Sekunden. Ich fand irgendwie: Jetzt ist die Ausstattung schon so stolz auf ihren "Scheissdreck", die sind enttäuscht, wenn ich es nicht reinnehme. (lacht)
ON: Der Film nimmt ja eine sehr - wie soll ich sagen - "esoterische" Wendung...
OR: Ja, er hat ganz klar einen spirituellen Ansatz.
ON: ...hattest du nie Angst, dass das unglaubwürdig wird: Am Anfang diese Radikalität, und am Schluss hat jeder eine Erkenntnis und alles ist gut?
OR: Hey, ich meine, auch diese Schlussszenen nimmt man ja mit einem Augenzwinkern. Es ist ja nicht Pathos. Nein, ich hatte da nie Angst. Es geht um Erfolg, um Bereicherung und materielle Werte. Das wollte ich ein bisschen ins Kreuzfeuer nehmen, und all den Figuren Momente geben von Selbstlosigkeit, von Jetzt-Annehmen, von "nicht etwas sein wollen, was man nicht ist", von ich weiss nicht... das Ficken vergessen und plötzlich merken: Natur ist super. Am Schönsten finde ich eigentlich den Moment mit den zwei Jungs, die den ganzen Tag nur geholfen haben und am Schluss auch nicht zum Sex kommen, und plötzlich finden: Goldmelissen-Eistee ist eigentlich super. Ich will den Figuren diese Momente geben.
ON: Du gibst sie ja auch dem Publikum, oder? Das Publikum ist noch so dankbar für dieses Ende.
OR: Ja, eben, wenn du 80 Minuten lang so hart hackst, tut das gut, am Ende noch ein bisschen Balsam. Ich finde, man sollte mit einem positiven Gefühl aus dem Kino gehen. Ich weiss, es geht nicht allen gleich, aber viele sagten mir, es sei für sie letztendlich ein beglückender Film gewesen, auch wenn er heftige Momente hat.
ON: Wie ist deine Beziehung zu Berlin? Denn du sagst zwar, dass du sie liebst, andererseits ziehst du sie ja mit Freude durch den Kakao.
OR: Zu Beginn mochte ich die Stadt nicht wirklich und habe mich oft über sie geärgert. Irgendwann begann ich aber, gerade diese Rotzigkeiten und Hässlichkeiten charmant zu finden. Der Berliner ist eigentlich ein sehr herzlicher Mensch, überhaupt nicht kühl oder hart. Mittlerweile fühle ich mich in Berlin sehr zu Hause, viel mehr als hier auf jeden Fall.
ON: Du hast einmal gesagt, einen Film wie Schwarze Schafe über Zürich würdest du "Graue Hengste" nennen. Was bedeutet das?
OR: (lacht) Könnte ja sein... Keine Ahnung, ich würde vielleicht diese Stadt mit vielen neurotischen Leuten thematisieren, die sehr schnell beim Psychiater sitzen, wenn mal was nicht so gut läuft. Berlin ist viel existenzieller, die Leute haben dann wirklich kein Geld. In Zürich klagen viele, sitzen aber dennoch in einer guten Beiz.
ON: Du hast erwähnt, dass Berlin sich auch ein bisschen dem Kapitalismus widersetzt.
OR: ...oder einfach nicht mitkommt. (lacht) Das hat wahrscheinlich mehr mit Unfähigkeit zu tun. Berlin ist wirklich auf Sumpf aufgebaut und dieser Sumpf bleibt irgendwie. Diese Stadt kann für Deutschland nicht werden, was Paris für Frankreich ist. Es sind ja eher die Städte rund um Berlin, die Kohle haben. Und Berlin ist als Hauptstadt eine der ärmsten Städte. Durch die Leute, die nach Berlin gezogen sind, um nicht Dienst leisten zu müssen - weil man das in Berlin nicht musste - entstand eine ganze Kultur von Menschen, die sich einem gewissen gesellschaftlichen Druck verweigern. Und es gibt sehr viel Faulheit in dieser Stadt. Sie zieht aus dem ganzen Land die Leute an, die gerne rumhängen und billig in die Nacht hineinleben.
ON: ...so wie die beiden Jungs im Film mit ihrem "Arbeitsprojekt" einen ideellen Hintergrund für ihre Faulheit suchen...
OR: Ja, mit ideellen, teils weltfremden Projekten... Zum Beispiel die "Agentur Arbeit ohne Geld": Die Beiden, die diese Jungs im Film spielen, haben diese Agentur wirklich, das sind Freunde von mir. Diese Agentur gibt's! Ich musste einfach so über ihr Projekt lachen, dass ich sie fragte, ob es okay sei, wenn ich eine Geschichte darüber mache. Letztendlich waren sie auch selbstironisch genug, um das zu spielen, und das finde ich super. Es gibt viele, die solche Projekte anreissen, und man trinkt in die Nacht hinein und bespricht das, und eine Woche später ist es halt schon wieder vergessen. (lacht) Und das hat etwas Schönes, aber auch etwas Nerviges. Das kann dir teilweise auch auf den Sack gehen.
ON: Du hast eine Zeit lang Film und Video unterrichtet hier an der F&F und auch in Berlin. Was willst du deinen Schülern beibringen? Was ist dir wichtig an Filmen?
OR: Dass sie rausfinden, was sie persönlich erzählen wollen, und dass sie den Mut haben, das dann auch wirklich zu tun. Dass sie nicht versuchen, sich eine oberflächliche Geschiche auszudenken, um nette Bilder machen zu können, sondern dass sie sich auf ihre Themen wirklich einlassen. Und dann natürlich, dass sie sich den Arsch aufreissen für die Umsetzung. Ich glaube, wenn du Filme machen willst, musst du so ein Mensch sein. Zu konfrontieren, ehrlich zu sein, und wirklich an die Essenz zu gehen, das ist mir das Wichtigste. Und auch hemmungslos zu sein. Ich habe meine Schüler meist ermuntert, und ein paar kleine Skandalfilme produziert, weil die wirklich losgelassen haben. Da war der Rektor schockiert, was ich denn mit denen mache. Ich fand, da bin ich total dafür, wenn sie in diese Richtung gehen wollen, sollen sie sich ausleben.
ON: Dann ist für dich ein guter Film ein persönlicher und ein ehrlicher Film?
OR: Ja, sicher. Bestimmt. Obwohl, dass kann ich auch nicht sagen... Nein, ich glaube, so einfach kann ich es nicht sagen. Ich glaube, mit den Möglichkeiten, die wir hier haben: ja. Aber ich habe genauso gerne einen spannenden Polit-Thriller, der um die Jahrhundertwende spielt. Es gibt einfach Regisseure, die ich sehr gerne habe, und andere, mit denen ich nicht viel anfangen kann. Ich bin sicher kein Steven Spielberg-Fan, obwohl er ein guter Regisseur ist. Aber mich interessiert seine Moral nicht. Zwei meiner Lieblingsregisseure sind eben erst gestorben: Bergman und Antonioni. Das sind für mich zwei der Filmemacher, die mich zum Film gebracht haben. Obwohl mein grösstes Vorbild Polanski ist. Wie er es schafft, persönliche und trotzdem kommerzielle Filme zu machen. Ich studiere ihn vor allem deswegen, und das ist mein grosses Ziel, weil es mich nicht so interessiert, im Arthouse-Segment zu leben. Ich fände es spannend, möglichst eine grössere Masse mit Unterhaltung ansprechen zu können und trotzdem eine eigene Sprache zu behalten.
ON: Wie machst du weiter? Hast du schon etwas Neues?
OR: Ja, ich habe ein paar neue Ideen, aber ich komme nicht recht zum Schreiben. Aber ich habe spannende Anfragen, da kam eine Produzentin von 20th Century Fox auf mich zu, die in Deutschland ein paar Filme produzieren möchte, die von unserem Film total begeistert war. Eine Idee wäre, über die deutsche Terrorangst eine Satire zu machen, weil das im Moment ein sehr wichtiges Thema in Deutschland ist: Wie kontrolliert man die Gesellschaft? Andererseits bin ich mit einem Freund an einer Mutter-Sohn-Geschichte, die in Indien spielt. Und dann bin ich da in der Schweiz schon länger mit David Keller an einer Komödie über den modernen Mann mit seinen Problemen mit der modernen Frau. Es geht um Typen, die sich in den Wald zurückziehen, um wieder ihren "Mann" zu finden - der Film heisst im Moment "Schlappschwänze".
ON: Alles Komödien?
OR: Alle haben ein komödiantisches Element, aber nicht so konsequent wie "Schwarze Schafe". Die indische Geschichte ist eher eine feine Komödie. Die Terrorangst-Geschichte geht mehr ins Übertriebene, ins Surreale. Eigentlich würde ich mich sehr freuen, einmal ein Psychodrama oder so zu machen, aber ich bin einfach nicht der, der Psychodramen schreibt. Ich würde es gerne inszenieren, aber mir kommen beim Schreiben immer Sachen in den Sinn, über die ich Lachen muss.
ON: Jetzt zu den PopUp-Fragen...
OR: PopUp?
ON: Ich sage ein Wort, du sagst einen Satz. Einfach kurz. Ich sage zum Beispiel: Berlin.
OR: Stinkt.
ON: Zürich.
OR: Stinkt auch.
ON: Männedorf.
OR: Wunderbar, da bin ich auf die Welt gekommen.
ON: Erkenntnis.
OR: (überlegt) Kann ich nicht genug davon haben.
ON: Weisse Schafe.
OR: Noch langweiliger als schwarze. (lacht)
ON: Merci!
OR: Bitte.









