Hallam Foe (2007)
Hallam Foe: This Is My Story
Das Interview mit Jamie Bell

Jamie Bell
Mit nur gerade 20 Jahren hat es Jamie Bell schon ziemlich weit gebracht. Sein Leistungsausweis ist beachtlich. Kein Wunder sagen ihm viele eine grosse Karriere als Schauspieler voraus. Mit Hallam Foe lässt er seine wohl bekannteste Rolle des Billy Elliot hinter sich. Er ist nun bereit für Erwachsenenrollen, was seinen Weg zum Superstar weiter erleichtern wird. OutNow.CH traf Bell in Berlin. Er wirkte leicht müde, war aber sehr konzentriert auf die gestellten Fragen. Ein cooler Kerl, der trotz seiner schmächtigen Statur sehr einnehmend wirkt.
OutNow.CH (ON): Was hat Dich an der Rolle des Hallam Foe gereizt?
Jamie Bell (JB): Ich kannte die Filme von David Mackenzie, und ich war von der Bildsprache in Young Adam und Asylum fasziniert. Hallam ist ein exzentrischer Charakter, der sich auf der Schwelle zum Erwachsensein in einem Dilemma befindet. Das gab mir die Gelegenheit, eine persönliche Entwicklungsgeschichte zu spielen, die sich stark von den anderen Entwicklungsgeschichten in meiner Filmografie abhebt. Ich habe mich ja auf der Leinwand schon öfters von einem Knaben in einen Mann verwandelt, aber dieser Film greift nun zahlreiche heikle Themen auf: ein Todesfall in der Familie und die persönliche Reaktion darauf. Auch Sex ist ein Thema, und zuvor hatte ich noch nie eine Bettszene gedreht. Mir war klar, dass das irgendwann in meiner Karriere kommen würde, und mir schien, David sei der richtige Regisseur dafür.
ON: Waren die Dreharbeiten angenehm?
JB: Sie waren hart. Wir hätten eigentlich mehr Zeit für den Dreh benötigt und mussten die Tage regelrecht mit Arbeit vollstopfen. Unter uns nannten wir den Film den "wunderbaren Alptraum". Alle haben bis zur Erschöpfung gearbeitet, aber mit unglaublich viel Leidenschaft und Liebe.
ON: Hat es Spass gemacht, all die verbotenen Dinge im Film zu tun?
JB: Das Herumklettern auf den Dächern und das Knacken von Schlössern waren ausschlaggebend für den Charakter, darum habe ich das alles selbst gemacht. Eigentlich mag ich Höhen überhaupt nicht, aber das behielt ich für mich und stand es durch, obwohl mir davor graute. Und ein Schlosser gab mir Instrumente und Tipps, wie man Türen aufbricht. Ich hab mir damals sogar überlegt, im Scherz bei David Mackenzie einzubrechen und ihn in seinem eigenen Haus zu überraschen.
ON: Aber das wirklich Tolle an dem Film ist ja, dass er die Spleens von Hallam Foe nicht überbetont.
JB: Er war bereits im Originalroman von Peter Jinks keine besonders exzentrische Figur. Wenn man einen Film über einen Voyeur macht, dann liegt die Grenze zur sexuellen Perversion ja sehr nah, und die Leute könnten ihn für ein Ekel halten. Stattdessen sollen sie aber mitfühlen und ihn mögen. Darauf mussten wir stets achten.
ON: Hast Du das MySpace-Profil für Hallam Foe entworfen?
JB: Nein, das war Colin Kennedy, der auch den offiziellen Hallam Foe-Blog betreut. Aber ich habe einzelne Einträge verfasst, natürlich ganz in meiner Rolle.
ON: Wer hatte die Idee dazu?
JB: David und Sigma Films, die Produktionsfirma. Es ist absurd, wie mächtig das Internet geworden ist. Ich war einem Konzert von Justin Timberlake im Madison Square Garden, und Dick in a Box gehört jetzt zu seiner offiziellen Setlist, nachdem sich das 12 Millionen Leute auf YouTube angesehen haben. Und das alles nur über Internet. Aber die Idee mit dem Blog entspricht natürlich auch vom Konzept her dem Thema von Hallam Foe, weil man ja über dieses Medium Leute ausspioniert.
ON: Hallam Foe hat einen coolen Soundtrack und ein MySpace-Profil. Jugendliche sind anscheinend das wichtigste Zielpublikum?
JB: Jungen Menschen dürfte der Film besonders gut gefallen, vor allem wenn sie etwa siebzehn oder achtzehn Jahre alt sind. Da sind sie in einer Übergangsphase und müssen ihr eigenes Leben in den Griff bekommen. Das zeigt der Film auf eine wunderbar schräge Art, ausserdem ist er ziemlich "punkig". Und Punk läuft ja im Moment sehr gut.
ON: Zwischen Dir und Sophia Myles herrscht eine sehr starke Chemie, etwa während der Flirtszene in der Bar.
JB: Für diese Szene haben wir uns ganz einfach betrunken. Es ist einfacher, wenn man sowas in echt betrunken macht. Den Suff nur vorzutäuschen, das ist doch langweilig. (Er lacht.) Sophia spielt ja einen recht interessanten Charakter. Diese Kate ist innerlich eine gebrochene Frau. Sie hat eine kaputte Ehe hinter sich. Jetzt schläft sie mit ihrem Boss, und es fragt sich, ob sie das wirklich geniesst. Da tritt dieser Typ in ihr Leben, der offensichtlich nicht ganz normal ist, und sie ist von seiner jugendlichen Energie fasziniert. Er liebt sie wirklich, für ihn ist sie ein Geschenk des Himmels. Das findet sie nach ihren Enttäuschungen sehr attraktiv.
ON: Trotz der ganzen Geschichte mit dem Ödipus-Komplex?
JB: Darüber haben wir ständig nachgedacht. Mein Charakter ist gesteuert davon, dass er mit einer Person schlafen will, die aussieht wie seine Mutter. Das ist ein heikles Konzept. Es ist eine schwierige Motivation, weil sie etwas Ekliges an sich hat. Sowas muss man in Filmsprache übersetzen und es darauf anlegen, dass das Publikum nicht falsch darauf reagiert. Und damit kommt David sehr gut zurecht.
ON: Was ist mit all den Referenzen, die auf Alfred Hitchock abzielen?
JB: Ich finde Hommagen reizvoll, aber es ist nicht so, dass wir ständig am Set darüber gesprochen hätten.
ON: Du spielst oft psychisch angeschlagene Figuren. Suchst Du Dir das so aus?
JB: Ein Charakter ist reizvoller, wenn er irgendwo durch muss oder fest an etwas glaubt. Dann kann man sich wirklich in die Darstellung einbringen und versuchen, diese Erfahrungen selbst zu erleben. Ich weiss jetzt nicht, ob das über mich persönlich etwas aussagt, vielleicht tut es das. Auf jeden Fall mag ich Rollen, die eine möglichst grosse Herausforderung darstellen.
ON: Auf welche Rolle bist Du bisher am meisten stolz?
JB: Es ist toll, mit Leuten wie Peter Jackson und Clint Eastwood zu arbeiten.
ON: Aber das waren kleine Rollen.
JB: Klar, aber es waren kleine Rollen in grossen Filmen. Es geht ja nicht nur um einzelne Filme, sondern auch darum, dass man eine Liste mit interessanten Filmschaffenden vorweisen kann. Leidenschaftliche und energische Filmemacher wie Thomas Vinterberg oder David Mackenzie sind Menschen, mit denen ich wirklich gerne zusammenarbeite.
ON: Das hört sich an wie jemand, der später auch einmal auf dem Regiestuhl sitzen will.
JB: Ganz klar. Diesen Ehrgeiz habe ich.



