60e Festival de Cannes 2007
Das Tagebuch
Die täglichen Beobachtungen eines Unterprivilegierten. OutNow.CH-Delegationsmitglied rm wurde keine Akkreditierung genehmigt. Ohne Zugang zu allem, schlägt er sich trotzdem durch die zehn Tage Festival.
Mittwoch, 16. Mai - Bei der Ankunft sind sie alle gleich

Wie alles begann und warum es noch grösserer Loser gibt als mich
Zuerst die Vorgeschichte, denn ganz freiwillig lasse ich mir all die Meisterwerke, welche der versammelten Kinoweltpresse vorgeführt werden, nicht entgehen. Ein Akkreditierungsversuch musste schon sein, doch ein fieses Fax aus Paris liess Zelluloid-Träume platzen. Man schrieb: Pro Medium sind nur zwei Augen erlaubt. Grund: Überbevölkerung des Palais und anderer Vorführstätten. Statt einer Münze warf ich das Handtuch und liess dem geschätzten Kollegen, der die Unterkunft organisiert hat, den Vortritt. Me voilà alors. In Cannes mit quasi Berufsverbot.
Bei der Ankunft am Flughafen in Nizza hat jedoch noch niemand eine Akkreditierung. Trotzdem zeigt sich bereits hier, wer ein bisschen mehr dazugehört als andere. Von einer Hostess des Festivals müsste man abgeholt werden. Mit hoch gehaltener Namenstafel stehen sie da und suchen VIPs, während ich eine Stunde auf den Shuttlebus warte. Wenigstens ist die Fahrt gratis. Den Wisch, den man sich als akkreditierter Journalist ausdrucken konnte, habe ich dank meinen herausragenden Kenntnissen der Programmiersprache HTML so modifizieren können, dass die resolute Buschauffeuse nichts mitbekam und ihren Stempel ohne zu murren draufgedrückt hat.
Auf der 30-minütigen Fahrt stellte sich heraus, dass ich nicht der grösste Loser am Festival sein würde. Diese Unehre fällt auf einen chinesischstämmigen SVP-Anhänger aus Holland. Ganz klar ein Mann der vielen Worte (was ihm ausser Sunrise niemand hoch anrechnet), hat er mich und alle anderen in Hörweite auf der hintersten Sitzreihe im Bus vollgelabert. Da er in Luzern wohnt, hat er mein Idiom erkannt, und spürte eine Verbundenheit zu mir, die ziemlich monolateral war. Einziger Berührungspunkt: wir beide sind nicht akkreditiert - nur hat er im Vorfeld nicht einmal den Versuch unternommen, an dieser Tatsache etwas zu ändern. Ich wünschte ihm viel Glück, als wir in Cannes ankamen und war froh, dass unsere Begegnung endlich ein Ende fand.
Zwei Dinge möchte ich noch kurz einführen in diesem Erfahrungsbericht: Die Kategorien I'm pissed, that I missed und Das Privileg des Tages. Erstere listet den Film aus dem Tagesprogramm, bei dem es mich am meisten angurkt, dass ich ihn nicht sehen darf. Die Wahl wird nicht immer ganz leicht fallen, und vielleicht wird es auch mal das eine oder andere ex-aequo geben. "Das Privileg des Tages" soll hingegen ein Trösterli sein. Ich werde mich an kleinen oder grösseren Dingen erfreuen, welche den Sturz in die Depression verhindern sollen. Auf geht's.
I'm pissed that I missed: My Blueberry Nights!
Neben dem Eröffnungsfilm gab es schliesslich noch nicht wirklich viel zu verpassen. Aber die Vorstellung in einem Film von Wong Kar-Wai erstmals westlich aussehende Hotties wie Norah Jones, Nathalie Portman und Rachel Weisz zu beobachten, wäre schon verlockend.
Privileg des Tages: Ein Entrecote an Gorgonzola-Sauce mit Pommes Frites. Man gönnt sich ja sonst nichts!
Donnerstag, 17. Mai - Rummel um eine Hummel. Ein Bee-Movie als Event.

Wie ich zu meinem ersten Festessen kam und was eine Riesenbiene damit zu tun hat.
Besser als heute, werde ich es als Unterprivilegierter an diesem Festival nicht mehr versorgt werden. Ich sass in einem Kinosaal und wurde mehrgängig verköstigt. Gut, der Film war nur ausschnittweise zu sehen, und diese waren streckenweise auch nur in einer Rohfassung. Aber die Trickfilmer von Dreamworks haben ja noch Zeit bis im November, um Bee Movie zu perfektionieren. Promotet wurde trotzdem schon. Multimillionär Jerry Seinfeld liess sich dafür in einem ulkigen Bienenkostüm vom Dach des Hotel Carlton abseilen - live kommentiert von Chris Rock. Eine stramme Hundertschaft von Journalisten schaute sich den Klamauk vor allem deshalb an, weil man nachher à discretion spachteln konnte.
Die Speisen waren lecker wie die Damen der gastgebenden Fünfsternabsteige, die für einmal nicht im Serviertochterschwarzweiss die dreckigen Teller abräumten, sondern in kurzen Hosen und blau-weiss quer gestreiften Shirts. Bodyguards standen am Strand Spalier, damit die Schwarzafrikaner keine gefälschten Sonnenbrillen feil bieten konnten. Man darf sich gar nicht fragen, wieviel das wieder gekostet hat. Soviel Aufwand für ein Bee Movie gab's noch nie!
I'm pissed that I missed: Izgnanie!
Es hätte auch Zodiac treffen können. Aber der Killerfilm von David Fincher läuft ja sowieso bald an jeder Ecke. Der russische Wettbewerbsbeitrag von Andrei Zviaguintsev wird es mit seinen zweieinhalb Stunden Laufzeit schwieriger haben, in die Schweizer Kinos zu gelangen - trotz dem von Kritikern hochgelobten Vorgängerfilm The Return. Aber kein Filmchen auf YouTube hat mich in letzter Zeit mehr fasziniert als die beiden Trailer zu Izgnanie. Es gibt sie hier und hier zu sehen.
Privileg des Tages: Eine Poschtitasche im Bee Movie-Look: Gratis, gelb und superpraktisch, wenn man das Kilo Altpapier aus dem Postfach, das meine privilegierter Kollege täglich leert, in die Unterkunft zu tragen hat.
Freitag, 18. Mai - Endlich Filme (Yep, im Plural!)

Wie ich mich einlebe und endlich einen Klassiker zu sehen bekomme
Ich lebe mich in den Festivalbetrieb für Nicht-Akkredierte ein. Die frei zugänglichen Stromquellen sind eruiert. Die wichtigsten WLANs des Festivals geortet und bei Bedarf auch schon geknackt. Regelmässigen Updates via Laptop stehen als nur noch die Öffnungszeiten der jeweiligen Sponsorenzelte im Wege. Sogar reguläre Vorstellungen habe ich heute besucht. Das Open-Air-Kino am Strand von Cannes zeigt gratis frühere Gewinner der Goldenen Palme und die Nebensektion Quinzaine des Realisateurs verkauft Billette im Abo auch an Normalsterbliche.
Dank dem Cinema de la Plage ergab sich im Liegestuhl auf sandigem Grund ein unverhofftes Sehen eines Filmes, den ich schon länger auf der To-Watch Liste hatte. Les Parapluies de Cherbourg mit der blutjungen Catherine Deneuve aus dem Jahre 1964. Eine Schnulze um den einzigen Automech weltweit, der mit zwanzig noch Velo fährt, und sich in ein Fräulein verliebt, bevor er in den Algerienkrieg ziehen muss. Schwanger und einsam bleibt das blonde Mädchen zurück und heiratet auf Wunsch der Mutter einen Bessergestellten. Klassisches Boy-Meet-Girl-Geschichtchen also, das seine Reiz daraus zieht, dass alles gesungen wird - auch wenn der Automech vergessen hat den Ölstand zu messen, oder die Mutter einen Kredit bei der Bank holen möchte. Als aktiver Musicalhasser sage ich mir da "wenn schon, denn schon" und lobe die absurde Konsequenz des Unterfangens. Im knallbunten Werk mit den immergleichen Melodien war ausserdem die Ähnlichkeit von Deneuve mit Oberärztin Montgomery alias Kate Walsh aus Grey's Anatomy gut zu erkennen. Jetzt unterschreibe auch ich überzeugt die Bemerkung Walsh sei Deneuve mit roten Haaren!
I'm pissed that I missed: Supergator!
Aber eigentlich haben wir heute schon Gleichstand. Denn neben Roger Cormans neuestem Film über "A New Breed of Terror" wäre auch noch Anna Nicole Smiths filmisches Vermächtnis Illegal Aliens zu sehen gewesen. Beide Filme müssen nun leider anhand der Poster beurteilt werden. Da scheint Altmeister Corman aber seine natürliche Gabe abhanden gekommen zu sein. Der "Supergator" sieht aus als hätte man Schnappi und Godzilla gekreuzt, um sie als Kasperlifigur zu verwenden. Da hat einer "Horror" ganz falsch verstanden. Illegal Aliens ist keine Spur besser. Die Kurfassung gemäss Poster "Drei Aliens morphen sich zu scharfen Schüssen und beschützen die Erde vor dem intergalaktischen Bösen". Was Anna Nicole Smith in pinkig-hellblauen Latzhosen und einer rosa Krone aus Plastik mit einem "Hot Babe" zu tun hat, bleibt schleierhaft. Eher sollte man die Welt von diesem Film beschützen. Da beide Streifen nur für Filmeinkäufer gezeigt wurde, hätte ich auch mit einer Journalisten-Akkreditierung keine Chance gehabt.
Privileg des Tages: Privileg des Tages: In der Schlange vor dem Kino habe ich die glatzköpfigen Kollegen der Sonntagspresse überholen dürfen. Zuerst den Herrn der NZZ am Sonntag, dann den Mann von der SonntagsZeitung. Beide offizell akkrediert, aber die Pöbelschlange scheint in der Nebensektion wichtiger zu sein. Strike!
Samstag, 19. Mai - Arbeitswege

Wo ich wohne, und warum ich mehr lange Hosen hätte mitnehmen sollen
Als Unterprivilegierter lebt man natürlich auch in der etwas heruntergekommenen Gegend von Cannes. Neben der Unterkunft, welche die OutNow.CH-Delegation behaust, werden momentan zwar gerade 24 Luxusappartments mit Blick aufs Meer gebaut. Aber der halbstündige Fussweg dort hoch führt an Kebabständen, Nagelstudios und Harddiscountern vorbei. In diesem Viertel versteht man, wieso Cannes berühmtester Sohn Zinedine Zidane gelernt hat, Kopfnüsse zur Argumentationsschlichtung anzuwenden. Einen Bus gibt es zwar auch, aber die Fahrplaneinhaltung lässt dermassen zu Wünschen übrig, dass das Einsteigen im Stundentakt zur Glückssache wird. ÖV à l'italienne.
Ein solch anstrengender Arbeitsweg erschwert auch die Kleiderwahl. Will man sich nicht zu Tode schwitzen, ist leichtes Tenu angesagt. In der Annahme ich reise hier in hochsommerliche Temperaturen wurden auch eine ganze Reihe kurzer Hosen eingepackt. In Cannes geht aber ein ziemlich fieser Wind am Abend. Die Klimanalagen in einzelnen Kinos stehen auf "Zürich im November" und der Dresscode bei den Parties am Abend ist auch eher auf noblen Chic ausgesrichtet. Ich fühl mich deshalb ständig underdressed. Ich hoffe die Festgemeinde mit samt ihrer Party People findet heute Samstag ihren Höhepunkt und es wird wieder ruhiger.
I'm pissed that I missed: 4 Luni, 3 Saptamini si 2 Zile!
Hinter diesem kryptischen Titel (übrigens Rumänisch) scheint sich ein kleiner Geheimfavorit versteckt zu haben, wenn man den Strassenumfragen und Kritiken in den täglich verteilten Medien glauben darf. Hoffentlich geht der bei der Jury nicht unter, weil er bereits am ersten Tag von insgesamt zehn lief. Auch die Coens sollen mit No Country for old Men zur alten Stärke gefunden haben. Neidisch schaue auch auf des Kollegen Review zum Film.
Privileg des Tages: Ausschlafen bis 10:30 Uhr. Schön, dass man ohne Akkreditierung auch die Filme um 9:00 Uhr links liegen lassen kann, die man sich sonst immer fleissig anguckt.

Was ein wahrer Held ist und wo man gut isst in Cannes
Cannes geht vielleicht in meine persönliche Historie ein, als das Festival, bei dem ich mir erstmals mehr Decolletées angeschaut habe als Filme. Meine Anzahl Kinoeintritte vermindert sich aus den mittlerweile bekannten Gründen. In der zur Verfügung stehenden Zeit lassen sich deshalb ungeniert die weiblichen Wesen auf der Croisette beobachten, von denen es nicht wenige Prachtexemplare hat. Cinephile Studentinnen in Blümchenkleidern, smarte Businessfrauen von den Verleihern, Sexbomben am Strand, Golddiggerinnen in Armani gehüllt. Die Auswahl ist fast so gross wie die Genres beim Filmmarkt. Das warme Klima hat schon seine Vorteile.
Auch die Halbwelt lässt sich da nicht lumpen. Zu Promozwecken für Energy Drinks beschallt alle 20 Minuten ein mit DJ-Pult bestückter Pickup inkl. Bikinichick den Boulevard de la Croisette. Apropos 20 Minuten, auch die Gratiszeitung Metro wird hier in äusserst kurzen Tennisröckchen verteilt. Pornoproduzent Pierre Woodman schickt derweil elf seiner osteuropäischen Darstellerinnen auf die Strasse. Sehr zur Freude der Hobbyfotografen, die hier an jeder Ecke rumlungern. Auch OutNow.CH hat diesen besonderen Auftritt natürlich dokumentiert. Beim Aussortieren der besten Schnappschüsse fiel unserem Hoffotografen danach ein Bild auf, welches zeigt, dass ein wahrer Geek sich auch von 22 epilierten Beinen nicht davon abhalten lässt, die neueste Transformers Standees abzufotografieren. Ich ernenne ihn deshalb zum Held des Tages!
I'm pissed that I missed: Soom!
Weil ich endlich einen Film aus Asien sehen möchte und Kim Ki-Duks Filme immer wieder faszinierend sind.
Privileg des Tages: Den allerletzten Tisch "Da Laura" zu bekommen. Das italienische Restaurant ist buonissimo und deshalb auch fast immer completissimo. Eine Wohltat nach dem Frass der letzen Tage. Gastgeberin Laura sieht zwar eher wie eine Vogue-Redakteurin aus, aber ihre Küche ist wie von einer richtigen italienischen Mamma. Das Personal, welches jeweils mit der monströsen Pfeffemühle anrückt, so charmant, dass sie es mühelos schaffen, einen Dessert aufzuschwatzen, obwohl man eigentlich schon satt wäre. Deshalb der Tipp: Wenn ihr mal in Cannes seid, schaut an der Ecke rue Hoche und rue 24 Août vorbei.
Montag, 21. Mai - Vor dem Film ist auch ein Film

Wieso die Vorfilme oft besser sind als der Hauptfilm und ein kleiner TV-Tipp
Was an einem Festival sehr nerven kann, ist das offzielle Signet, das vor jedem Film eingeblendet wird. Meist ein kleines Image-Filmchen. Wenn schlecht gemacht, geht es einem schon beim zweiten Mal schauen auf den Geist. In der Quinzaine des Réalisateurs werde ich in dieser Hinsicht gleich doppelt verwöhnt. Der Auftakt jedes Films ist ein Zusammenschnitt verschiedener Arthouse-Klassiker, worüber die Namen bekannter Regisseure eingeblendet sind. Neben dem heiteren Fillmtitelraten macht es auch noch zusätzlichen Spass, weltbekannte Schauspieler wie Russel Crowe in ganz jungen Jahren zu entdecken. Da ist genug Stoff dabei, um sich ein Woche damit zu unterhalten.
Noch cooler ist der Sponsorenbeitrag vor dem Vorfilm. Ein Untertitlungsstudio ist dafür verantwortlich. Ihr Slogan: Nur in der Originalversion kommen alle Emotionen richtig rüber. Diese an sich schon einleuchtende Sache, wird in verschiedenen Szenen versinnbildlicht. Da sieht man zum Beispiel einen Politiker eine Ansprache halten und man versteht nur Bahnhof. Oder eine Dänin, in Tränen aufgelöst, schluchzt jemanden zum Teufel. Oder ein bilingues Pärchen streitet oder liebkost sich wahlweise. Jeweils mit dem Dolmetscher einflüsternd mit im Bett bzw. am vermitteln mit handgeschriebenen Übersetzungskarten. Kurz und knapp wir die Sache auf den Punkt gebracht. Und das Beste. Bisher hab ich noch keinen der Film zweimal gesehen. Ich bin gespannt, ob bis Festivalende noch mehr davon zu sehen sein werden.
I'm pissed that I missed: Chacun son Cinéma!
Zum 60. Geburtstag des Festivals haben 35 weltbekannte Regisseure 33 3-Minüter gedreht. Namen wie die Coens, Kitano, Loach, Godard erscheinen im Abspann... und das Beste: Der Film wird bereits am nächsten Samstag auf Arte zu sehen sein.
Privileg des Tages: Mit Catherine Deneuve im selben Kinosaal zu sitzen. Was fast schon ein bisschen zu viel der Ehre war für einen Unterprivilegierten wie mich. Leider war der neueste Film der "grössten französischen Schauspielerin aller Zeiten" (Zitat vom Moderator des Abends) nur halb so toll.
Dienstag, 22. Mai - Cinéma populaire

Wie sich die Welten voneinander unterscheiden
Wie Tag und Nacht waren meine Erlebnisse heute. Zuerst sass ich am Pool eines Nobelhotels für die Interviews zum Behindertenfilm Le Scaphandre et le Papillon. Vom reichhaltigen Büffet wurde ein Grossteil wieder abgeräumt. Ein Teil der PR-Damen hatte das Abendkleid schon um 14:00 Uhr am Nachmittag montiert. Ich sollte eigentlich dem Hauptdarsteller Mathieu Amalric zuhören, wurde aber gehörig abgelenkt durch die Anwesenheit der kanadischen Schauspielerin Marie-Josée Croze. Sie sah aus wie einer rothaarige Version von Naomi Watts und ich machte mir im brennenden Sonnenlicht grösste Sorgen um ihren doch sehr hellen Teint. Alles sehr luxuriös also.
Ohne Maybachs, Ferraris, Stöckelschuhe und Designerkleider kommt man hingegen rund um das Cinema Licorne aus. 45 Minuten Fussmarsch vom Palais entfernt, in einem Vorort von Cannes, befindet sich das Unterprivilegiertenmekka. Kein Sprachengemisch aus gutem Englisch, gebrochenem Englisch, Italienisch und Japanisch, sondern seulement français. Hier treffen sich die Inhaber der "Cannes Cinéphiles"-Badges. Leute aus dem Volk, die sich ohne berufliche Intentionen trotzdem einen Grossteil des Filmprogramms ansehen wollen. Auch akkreditierungslose Gesellen wie ich sind dort mehr als nur Willkommen. Es werden Gratiseintritte verteilt, und über die aufgedruckte Restriktion, dass diese für die Filme um 19 und 21 Uhr nicht gelten, wird gnädig hinweg gesehen, wenn es im Saal noch Platz hat. In Bälde werde ich deshalb meinen Kollegen bei den Filmen aus dem internationalen Wettbewerb schriftlich unterstützen können.
Auf Stargäste muss man übrigens im Licorne trotzdem nicht verzichten. Anlässlich seines ersten Films als Regisseur schaute überraschend Gael Garcia Bernal vorbei, badete in der Menge und nahm sich ausführlich Zeit für MMS-Fotos, Autogramme und Küsschen für die Damen. Ein Mann des Volkes eben und deshalb genau der richtige Typ für das Vorortskino.
I'm pissed that I missed: Stellet Licht!
Dieser Film wäre wohl DER Höhepunkt in der wie bei jedem Filmfestival zu erwartenden Erweiterung des Scheissfilmgenres gewesen. Ich zitiere aus der Kritik von Screen International: "Lange Einstellungen von Kühen, die mit Maschinen gemolken werden und lange Fahrten auf fadengeraden Strassen werden die Geduld der Zuschauer strapazieren, welche sowieso schon leicht wütend sind, weil sie weder wissen, wo der Film spielt, noch wer die Figuren darin sind." Nur via Presseheft sei zu erfahren, dass der zweieinhalbstündige Film von einer mennonitschen Sekte handelt, die sich in den 1920er Jahren im Norden Mexikos niedergelassen hat. Nach Im Leben und über das Leben hinaus scheint sich ein neuer Trand abzuzeichnen. Der mongolische Hirtenfilm wird vom mennonitischen Bauernfilm als langweiligstes Filmgenre aller Zeiten abgelöst.
Privileg des Tages: Als Mädel wäre der Fall klar. Nur eine Armlänge entfernt zu sein von Gael Garcia Bernal würde mir sicher mehr bedeuten. Ich fand aber seine mexikanischen und argentinischen Mitspielerinnen Ana Serradilla und Luz Cipriota viel spannender anzuschauen. Auch wenn ich damit zu Hause wohl in Sachen Star Power viel weniger punkten kann. Wer guckt den schon mexikanische Telenovelas...
Mittwoch, 23. Mai - Balla Balla

Wie ich nur den ruhigen Tag geniessen wollte, und stattdessen gutes Essen vernichtet wurde.
Das Fischerdörfchen Cannes ist wirklich überladen momentan. Man hat das Gefühl, es leben fünf Mal so viele Menschen an diesem Ort, wie während des restlichen Jahres. In der Altstadt wuselt es zünftiger als in Manhattan. Nur ein Grüppchen scheint dies gar nicht zu stören. Die Pétanquespieler am alten Hafen ziehen ihr Ding durch, als wäre der Tourismus noch ein Fremdwort.
Ich nahm mir ihre Gelassenheit heute zum Vorbild und schob für einmal auch die etwas ruhigere Kugel. Passend zum runden Motto des Tages auch mit Fussball als Ausklang. Champions League Final im einzigen Pub in Cannes. Original mit Pints of Cider, Mützenverbot im Haus und einer Keilerei während des Spieles. Noch vor Spielschluss hatte endlich auch einmal die Polizei was anderes zu tun, als Absperrungen zu verschieben und Fussgängerstreifen zu überwachen. Ich hoffe, dem K.O. Mann geht es mittlerweile wieder besser.
Ein paar Stunden vorher wurde auch ich angepöbelt. Weils mein "freier Tag" war, ging ich unrasiert und in Badehose und Fussballshirt zum Interview mit Fatih Akin. Am Gratisbüffet gab's deswegen Probleme. Obwohl ich noch gefragt hab, ob man sich bedienen darf, stiess meine Suche nach einer Gabel nach dem Füllen des Tellers nicht auf Gegenliebe. 60 Euro hätte das Häufchen Nudelsalat, ein paar Rollen Sushi und ein belegtes Brötchen kosten sollen, das von den Obern nach meiner Zahlungsverweigerung in den Kübel statt in meinen Magen wanderte.
I'm pissed that I missed: Dai Nipponjin!
Ein klassischer Fall von irreführender Synopsis im offiziellen Katalog. Was sich wie ein langweiliger Film über einen Bürogummi las, soll in Tat und Wahrheit ein Film von einem japanischen Superhelden mit schlechter Presse handeln. Ein Kritiker scheibt, man lache Tränen. Liebe NIFFF-Organisatoren, wenn ihr hier mitliest, holt doch bitte den Film von Hitosi Matumoto nach Neuchâtel, damit ich ihn dort nachholen kann.
Privileg des Tages: M-Budget-Pflästerli. Ich will euch nicht langweilen mit all den Bobos, die meine Füsse momentan erleiden müssen. Aber von den vielen Heftpflastern, die ich diese Woche ausprobiert habe, hält nur ein Produkt den Strapazen eines Festivalfussgängers einen ganzen Tag stand. Die Billiglinie schlägt Hansaplast und die Giveaways vom Schweizerischen Roten Kreuz bei weitem.
Donnerstag, 24. Mai - Asia Mix

Wie sich die Film zu mischen beginnen
Das Festivalende naht. Das Chrüsimüsi im Kopf wächst. Immer häufiger verbindet mein Hirn Filme, die nichts miteinander zu tun haben. In Auf der anderen Seite schimpft der Sohn, weil der Vater dasselbe Rauchverbot bricht, dass ein Arzt auch in Persepolis ausgesprochen hat. Man feiert den islamischen Festtag Bayram sowohl in Karachi (A Mighty Heart) als auch in Istanbul (Auf der anderen Seite). Die Queen der Queerverbindungen ist Asia Argento, die gleich in drei Filmen in Cannes auftritt. Als Geliebte in Une vieille Maitresse, als Stripperin in Go Go Tales und als Hure Boarding Gate. Zum Glück hab ich keinen davon gesehen. Nicht auszudenken, was sich sonst noch alles in meinem Kopf abspielen würde. Es ist Zeit, dass das Festival zu seinem Ende kommt.
I'm pissed that I missed: Death Proof!
Der Cannes-Cut des neuesten Tarantinos hätte mein Highlight werden sollen, und dank dem Kino im Unterprivilegiertenmekka war die B-Movie-Hommage auch im Bereich des gratis Möglichen. Doch ich habe die Rechnung ohne diverse Silberfüchse gemacht. Im Théatre de La Licorne ist der Altersschnitt eher hoch, ähnlich dem Lunchkino in Zürich, was an der Preispolitik und den Startzeiten der Filme liegen mag. Diese Menschengruppe scheint sich aber einfach alles anzuschauen, was gerade läuft - ohne Vorabinformation und Eigengeschmacksabgleich - und sie standen massenhaft in der Schlange vor mir. Und so kam es, wie es kommen musste. Die Glücklichen, die in den Saal konnten, fanden den Film - wenig überraschend - miserabel. Ich musste leider draussen bleiben.
Privileg des Tages: Anna Faris persönlich zu treffen, klingt auf dem Papier wie ein Privileg. Aber kennt ihr die Enttäuschung, dass ihr jemanden trefft, der dann genauso doof ist, wie seine Karikatur auf der Leinwand. Leider ist Anna ein fleischgewordener Blondinenwitz. Ich frage mich jetzt noch, wieviel davon an der Pressekonferenz gespielt und was echt war. Ich befürchte aber das Schlimmste.
Samstag, 26. Mai - Ab nach Hause

Wie das Festival sein Ende nahm, und wo man weitere Cannes-Tagebücher lesen kann
Mit dem Samstag kam der Regen. Gerade als ich die Toiletten der Unterkunft geputzt habe (unterprivilegiert bis zum bitteren Ende!), kam endlich auch das kühlende Nass von oben und wusch quasi symbolisch die Erinnerungen an die vergangenen Filme rein. Die grösste Teil des Menschenpulks vom Filmmarkt ist schon abgereist. Die überhitzten Partylocations geräumt. Morgen wird die Palme verteilt. Was bleibt von der 60. Ausgabe des Festivals übrig?
Die Verbindung von Kommerz und Kunst verlief wie immer bestens. Der gemeine Hollywoodstar zeigt heuer auch Zivilcourage. Angelina Jolie spielt eine unerschütterbare Journalistin in A Mighty Heart, Leonardo DiCaprio weint gegen die globale Erwärmung an der Pressekonferenz für The 11th Hour, George Clooney demonstriert auf dem roten Teppich gegen den Völkermord in Darfour. Die Fans der Kunstfilme kamen auf ihre Kosten bei Izgnanie, Strellet Licht und The Man from London. Die Hollywoodkisten waren bis auf Death Proof überdurchschnittlich gut. Viele Einwände gibt es gegen Finchers Zeitungsfilm Zodiac, Soderberghs Ganovenstreifen Ocean's Thirteen oder der Coens neuster Killerklamauk No Country for old Men nicht.
Natürlich wird über die Favoriten gewerweisst. Ein kleiner rumänischer Film wie 4 Monate, 3 Wochen und zwei Tage nennt man dabei immer wieder. Schauspielerisch wird wohl kein Weg an Do-yeon Jeon aus Secret Sunshine vorbeiführen. Ein Gewinner, mit dem alle einverstanden sein könnten, wäre Persepolis. Als Trickfilm "speziell", sein Thema sowohl "massentauglich" als auch "politisch brisant", und es würde zumindest zur Hälfte eine Frau die Goldene Palme bekommen, was in der sechzigjährigen Geschichte bis jetzt nur Jane Campion fertig brachte. Wieso nicht, liebe Jury?
Für mich als Nicht-Akkredierten war Cannes trotzdem ein Erfolg. Ich hab schlussendlich doch noch ein stattliche Anzahl Filme sehen können. Beim nächsten Mal müssen ein paar edlere Klamotten her. Die Strategie "Hochsommerkluft" ist auf der ganzen Linie gescheitert. Im Vergleich mit den anderen grossen Festivals schafft es Cannes nicht ganz an die Spitze. Das angenehme Wetter bietet auch Venedig. Auf dem Lido fliessen die Touristenströme aber anderorts, und es gibt dort keinen Markt. Deshalb hört man dort auch nicht ständig Sätze wie "I have to cancel lunch because I'll finalize a deal on a yacht in two hours." In Berlin verhindert die Witterung einen noch grösseren Auflauf an Schaulustigen. In Cannes sind alle irgendwie mittendrin. Das Dorf ist völlig überlaufen, und die Einlasskontrollen übermässig reguliert. Davon wird euch Kollege neh mal noch berichten. Viel privilegierter war er trotz Badge um den Hals nämlich auch nicht.
Wer jetzt schon mehr wissen will, dem seien die folgenden Tagebuchautoren an die Netzhaut gelegt. Die Welt hat eine ganze Reihe von Profis aus dem Filmgeschäft gebeten, ihre Gedanken zu Papier zu bringen. U. A. auch den Regie-Globi Uwe Boll. Das Spiegel-Tagebuch gehört schon fast zum Standard. Auch Radiomann Michael Sennhauser zeigte schon häufig, dass er es auch schriftlich kann. Eine der österreichischen Wohnungsgenossinnen durfte sich beim Kurier austoben. Ich schliesse mein Diary mit dem letztmaligen Erwähnen der beiden Stammkategorien.
I'm pissed that I missed: Sophie Marceau!
Sie war auf dem Cover der französischen Vogue, in zahlreichen Fernsehshows zu Gast und mit zwei Filmen in irgendwelchen Sektionen vertreten. Einer davon als ihre zweite Regiearbeit. Aber mich getroffen hat die bezauberndste Schauspielerin Frankreichs wieder nicht...
Privileg des Tages: Nachhause reisen zu können und im eigenen Bett zu schlafen. Die Preisverteilung schau ich mir in Ruhe am Sonntagabend auf Canal+ an. Danach werde ich wohl wie üblich meine "I'm pissed that I missed"-Liste um viele Gewinnerfilme erweitern können.

Ende muss sein
Ein bisschen spät, aber hier kommt noch das Schlusswort des Neidzüchters der OutNow.CH-Delegation, dem akkreditierten Badge-Träger. Der, dem alle Türen offen standen und dem die Stars aus der Hand frassen. Dem inoffiziellen König des Boulevards und dem heimlichen Papst des roten Teppichs. Von wegen.
Man würde eher denken, dass die Deutschen die Kontrollfreaks sind, die sogar innerhalb der Presse verschiedene Hierarchien haben, und bei denen man von Saal zu Saal gehend sich die Tasche zweimal durchwühlen lassen muss. Nein, das Mekka der Stumpfsinnigkeit liegt in Südfrankreich. Wie im Roman von Michael Ende wimmelt es überall von grauen Männchen. Diese machen nach dem Zufallsprinzip Kontrollen. Nicht etwa konsequent, so dass man sich darauf einstellen könnte, nein, "stichprobenartig". Man kann sich etwa vorstellen, wie dies zu einer lockeren und freundlichen Atmosphäre auf dem Festivalareal führt.
Die Folge der verschiedenen Badge-Prioritäten ist, dass es vor den Sälen verschiedene Reihen zum Anstehen gibt. Während die rosa Badgeträger locker zehn Minuten vor Beginn an allen andern vorbei in den Saal watscheln können, steht sich der Rest erst einmal die Beine in den Bauch, um überhaupt noch einen Platz ergattern zu können. Damit das Anstehen doppelt Spass macht, haben sich die Veranstalter einen Gag ausgedacht: Die Zäune, welche die verschiedenen Schlangen trennen, wurden von einem blinden Spastiker angeordnet, so dass es unmöglich ist, herauszufinden, wer jetzt nun wo stehen muss. Das macht es immerhin leicht, mit den Leuten in der Schlange ins Gespräch zu kommen.
Was natürlich sehr zum Charme des kleinen Fischerdörfchen Cannes beiträgt, ist das Publikum, welches sich während der zehn Tage am Strand herumtreibt. Ab fünf Uhr Nachmittags ist Abendkleid obligatorisch, sonst fällt man ja nicht auf. Und sei es nur, um verzweifelt nach einer Einladung zur Gala-Première zu betteln, wo diese doch sowieso persönlich und nicht übertragbar sind. Dann gibt es natürlich massig Groupies, die sich ab Mittag an den Zaun vor dem roten Teppich kleben, um dann Stunden später einen Blick auf ihre grossen Stars werfen zu können. Überhaupt hat man das Gefühl, dass sich keine Sau für die Filme interessiert, und nur alle wegen den Sternchen gekommen sind. Der Techno-Pickup und die netten Herren, die mit ihren Lamborghinis und Ferraris auf der Croisette herumcruisen, tragen dann auch noch ihren Teil zu der sympathischen und heimeligen Atmosphäre bei.
Im Wifi-Raum, also dort, wo die Journis und Paparazzis ihre Texte reintöggeln und Bilder hochladen, wird aus irgend einem Grund vorallem italienisch gesprochen. Logisch, man ist ja in Frankreich. Die Hostessen, die direkt von Fashion-TV stammen, geben mit gezwungenem Lächeln die superfeinen Nespresso Papp-Becher heraus, wenn sie gerade nicht herumspazieren oder Statistiken machen, wieviele der Journalisten eigentlich das Zehnfingersystem beherrschen. Das würde mich nämlich brennend interessieren, denn ich habe genau einen einzigen gesehen, der nicht wie ein Irrer zweifingrig die Tastatur seines Notebooks malträtierte. Überhaupt herrscht in den Gängen und Räumen des Festivals Hitech. Überall hängen Flachbildschirme, auf welchen der extra eingerichtete Cannes-Channel läuft. Nur schade, dass die visiophilen Tech-Experten den Unterschied zwischen Widescreen und Fullscreen noch nicht kapiert haben, und so flimmert das Bild verzogen mit Plattköpfen über die Mattscheibe. Ist ja schliesslich nur ein Filmfestival.
Was jedoch einzigartig im kleinen Städchen in der Provence ist, das ist das Wetter. Sommerliche Temperaturen, Sandstrände, Meer und Sonne pur, was will man mehr während seiner Badeferien. Moment mal. Ich bin ja für die Filme gekommen. Und die sind im Dunkeln. Dammi.
Abschliessend kann man sagen, dass Cannes vorallem eines ist: Sehen und gesehen werden. Glamour, Glanz und Gossip dominieren das Festival, die Filme stehen völlig im Hintergrund. Ich persönlich weiss, wann ich nächstes Jahr Urlaub für ein Filmfestival nehme: Im Februar. Da ist nämlich die Berlinale in Berlin. Und die rockt.

