2 Days in Paris (2007)

2 Tage Paris

Interview mit Julie Delpy

Julie Delpy

Julie Delpy

Man kennt und liebt Julie Delpy als Celine in den hochgelobten Indie-Produktionen Before Sunrise und Before Sunset. Nicht wenige Zuschauer hatten da den Eindruck, Julie Delpy spiele sich selbst. In ihrem neuen Film 2 Days in Paris hat man ebenfalls dieses Gefühl, doch hat die Hauptfigur Marion andere Züge als Celine. An der Berlinale sprach OutNow.CH mit Julie über Eifersucht, wieso sie ihren Hauptdarsteller Adam Goldberg ständig quälte, wie es ist die Eltern auf dem Filmset zu haben und weshalb sie sich von Raging Bull inspirieren liess.

» The interview in English.

OutNow.CH (ON): Der Plot mit der Französin, die in die USA geht, weisst nicht nur an dieser Stelle eine Parallele zu deinem eigenen Leben auf. Wie viel Julie Delpy steckt in der Hauptfigur Marion?

Julie Delpy (JD): Ich und Marion sind sehr verschieden. Sie hat ein Wutproblem, ist kokett, ich bin nicht kokett. Aber die Hintergründe sind natürlich ähnlich wie meine: Sie zieht in die USA, sie kommt mit einem ausländischen Freund zurück nach Paris. Es sind zwar Parallelen da, aber es handelt sich augenscheinlich nicht um mich.

ON: Wie fühlte es sich an, über Marion zu schreiben, und wie vergleichst du es mit dem Schreiben über Celine in Before Sunset?

Delpy in "Before Sunset"

Delpy in "Before Sunset"

JD: Celine steht mir näher. Dieser Film steht mir in einer Weise nahe, indem ich immer wieder persönliche Sachen einfliessen lasse. Zum Beispiel, dass ich an einen Zeitpunkt glaube, an dem man sich entscheiden muss, ob man wirklich mit jemandem länger zusammenleben will.

ON: Flirtest du im richtigen Leben?

JD: Nein, tue ich nicht. Aber... nein tue ich nicht. (Sie lacht.)

ON: Bist du wie Marion mit einigen ihrer Liebhaber auch mit deinen Freunde geblieben?

JD: Mit einigen ja. Aber ich bin nicht am herumflirten und versuche, sie mir warm zu behalten. So bin ich überhaupt nicht. Diese Freundschaften sind sehr klare, sehr simple Beziehungen.

ON: Du beschreibst Marion als eine neurotische Person. Bist du selber auch neurotisch veranlagt?

JD: Ich bin neurotisch, aber nicht so neurotisch. Wer einen Film dreht, muss mit beiden Füssen auf dem Boden stehen und sicher sein. Bei gewissen Dingen kann ich neurotische Züge aufzeigen.

ON: Bei welchen?

JD: Ich habe Angst davor, Menschen zu verlieren. Wenn meine Eltern oder mein Freund das Telefon nicht abnehmen, und ich dann alle zehn Minuten anrufe, dann bin ich total verängstigt. Ich weiss nicht, woher das kommt. Ich habe noch nie jemanden verloren, den ich liebe.

ON: Hat dein Autounfall vor fünf Jahren vielleicht etwas damit zu tun?

Delpy als GAP-Girl

Delpy als GAP-Girl

JD: Es ist seltsam. Der Autounfall brachte mich nicht in grosse Gefahr. Aber ich dachte über mein Leben nach. Ich beschloss, nur noch die Dinge zu machen, die ich auch wirklich machen will. Das war dann auch der Auslöser, dass ich das Album machte und anfing, an Before Sunset zu schreiben. Ich realisierte, dass ich nicht mehr auf meinen Agenten hören und nur kleine Parts in Hollywood-Filmen annehmen durfte, die mich überhaupt nicht interessierten. Ich zog mein Ding durch und nahm das Leben in meine eigenen Hände.

ON: Aber zu einer grossen Rolle in einem Hollywood-Film würdest du ja nicht nein sagen?

JD: Wenn der Film gut ist, natürlich nicht. Es gibt viele Hollywood-Filme, die ich mag. Ich habe nichts gegen Hollywood, aber ich würde nur 'was in einem guten Film machen.

ON: Du hast ganz viele Sex-Jokes drin. Wo kommen die denn her?

JD: (Lacht) Ich dachte über die Story sehr lange nach und schrieb das Drehbuch dann sehr schnell. Sex-Jokes kommen mir einfach so in den Sinn. Ich kann mich da fast nicht mehr zurückhalten! Ich habe viele Verweise zu Sex, aber nie in der Art: "Sex, uuuh!" (Macht ein Gesicht, als wäre es ein Tabuthema). Für mich ist das eher wie: "Yeah, dick on balloons, funny!" So denke ich über Sex. Es scheint auch so, als wäre ich die einzige Schauspielerin, die als Kind nicht sexuell missbraucht worden ist. Für mich ist Sex einfach Spass.

ON: Jack ist sehr eifersüchtig. Wie steht es mit dir?

Knutschi-Butschi

Knutschi-Butschi

JD: Bin ich überhaupt nicht. Ich kenne dieses Gefühl gar nicht. Und ich weiss auch nicht wieso. Ich vertraue Leuten sehr. Vielleicht habe ich da Glück. Aber ich bin davon fasziniert, weil ich es mit Männern erfahren habe, die sehr eifersüchtig waren. Die litten so sehr darunter und ich konnte das nicht verstehen. Aus meiner Sicht tat ich ja nichts Falsches. Ich fühlte mich sehr schlecht und es war schmerzhaft für mich. Ich rief sie alle fünf Minuten an, um zu sehen, ob sie okay sind. Es ist unkontrollierbar. Die gebildetste Person kann so unendlich leiden. Als ich Adam Goldberg für die Rolle verpflichtete bemerkte ich, dass er am lustigsten ist, wenn er leidet. Er hat dann so ein Gesicht, welches mich zum Lachen bringt. Je mehr er leidet, umso lustiger ist er dann. Also ärgerte ich ihn die ganze Zeit!

ON: Denkst du, dass Marion und Jack zusammen gehören?

JD: Vielleicht nicht, aber sie versuchen es wenigstens. Marions Problem ist, dass sie es nie versucht hat. Wir leben in einer Gesellschaft, in der es ums Vorwärtskommen und um Konsum geht. Da verpassen wir es, die markanten Dinge in Menschen zu sehen. Diese einzigartigen, speziellen Züge. Und diese sind schliesslich auch der Grund, wieso man sich liebt.

ON: Du spielst mit einigen Stereotypen im Film. Was wolltest du damit ausdrücken?

Delpy müde.

Delpy müde.

JD: Es ist geht nicht nur um die üblichen Stereotypen von Franzosen und Amerikanern. Diese sind die lustigen Elemente im Film. Aber es geht sehr viel um Beziehungen. Es geht um die Entscheidung, einen weiteren Schritt vorwärts zu machen. Es ist nicht: Alles ist okay, wir sind zwei Jahre zusammen und verstehen uns. Es geht darum, die andere Person zu akzeptieren, wie sie ist, mit all ihren Flausen. Es geht darum, den Weg in die wahre Liebe zu finden.

ON: Ist Rassismus ein Problem in Frankreich?

JD: Es gibt dort sehr viel Rassismus. Ich habe das nicht in den Film eingebaut, um die Franzosen schlechter aussehen zu lassen. Es gibt Gründe, wieso an der letzten Abstimmung Le Pen so nahe an Chirac kam. Ich finde das ein interessantes Thema. Aber die Franzosen reden nicht gerne darüber. Als ich den Film einigen reichen Franzosen zeigte, meinten sie: "Oh, vielleicht sollten sie diese Szene rausschneiden." Aber ich wollte nicht bloss eine kleine romantische Comedy drehen ohne Ecken und Kanten.

ON: Wie war es, deinen Eltern Regieanweisungen zu geben?

Papa Delpy (rechts)

Papa Delpy (rechts)

JD: Das war super. Ich habe die Rollen für sie beiden geschrieben, weil es mir wichtig war, dass sie mitspielen. Meine Mutter war sehr beschäftigt, und so passten wir die Planung an, um die Szenen schiessen zu können. Beide sind wunderbare Bühnenschauspieler. Ich wollte schon immer als Regisseurin mit ihnen arbeiten. Das machte echt grossen Spass.

ON: Wirst du dich jetzt mehr auf deine Schreib- und Regiearbeit konzentrieren?

JD: Nein, ich will immer noch schauspielern. Ich liebe das, und ich liebe es, mit tollen Regisseuren wie Jim Jarmusch oder Richard Linklater zu arbeiten. Schauspielen ist Ferien gegen das, was ich bei diesem Projekt leisten musste. Das war wirklich harte Arbeit. Ich möchte weiterhin Regie führen, ohne Zweifel. Für mich war das wie jemanden zu treffen, bei dem man meint, ihn ewig zu kennen. Man verliebt sich in ihn. Seltsam, es fühlte sich an, als hätte ich dies schon immer getan. Das Team um mich folgte mir überall hin. Ich hatte keine Konflikte oder Probleme. Ich war schnell, sagte: "Tu' dies, tu' das..." Ich mag es, Befehle zu erteilen! (lacht) Scheint sich gut mit meiner Persönlichkeit zu vertragen.

ON: Die Musik hast du ebenfalls komponiert.

Na du?

Na du?

JD: Ja. Da sind zwar einige Songs auf der Party, die habe ich nicht geschrieben. Zwei davon singe ich aber. Der Song im Abspann hat Nouvelle Vague komponiert. Ich schrieb den Text und sang.

ON: Wird es bei dieser einmaligen Zusammenarbeit bleiben?

JD: Wir werden es sehen. Wir verstanden uns sehr gut und machten diesen Song in zwei Tagen. Die kleinen Instrumentalstücke habe übrigens auch ich geschrieben. Lustigerweise sah ich vorher Der weisse Hai und Wie ein wilder Stier, und dabei dachte ich an die Eifersuchtsszenen. Für mich waren die französischen Männer Haie. Und jedes Mal, wenn sie sich Marion näherten, wird die Musik eingespielt (macht die berühmte Meldodie aus "Der Weisse Hai" nach). Ich bin sicher, sie dachten, dass ich mir alle Woody Allen-Filme angesehen habe. Tat ich aber nicht. Wie ein wilder Stier sah ich mir etwa fünfmal an, und ich weiss immer noch nicht warum. Um mich inspirieren zu lassen, sah ich mir einfach die falschen Filme an! Wenn Jack diesen Typen im Restaurant angreift, dann ist das doch total Wie ein wilder Stier. Als hätte ich es gestohlen. Aber das war es nicht, denn die Szene wurde ja schon vorher von mir geschrieben.

12.05.2007 / uasuas