Wo ist Fred? (2006)

Interview mit Anno Saul (Regie)

Anno Saul

Anno Saul

Für die deutsche Komödie Wo ist Fred? wurden OutNow.CH Interviews mit dem Hauptdarsteller Jürgen Vogel und Posterboy Til Schweiger angeboten. Meist sind aber Gespräche mit den Regisseuren um einiges spanndender als mit deutschen Schauspielern. In ganz gruseliger Erinnerung blieb zum Beispiel Benno Fürmann mit seinen Plattitüden zu Joyeux Noël. Da war doch ein Gespräch mit Anno Saul (der anscheinend wirklich so heisst, aber dazu gleich mehr...) viel verlockender. Seinen Filmen merkt man die Liebe zum Medium Film an. Er scheint die gleichen Lieblingsfilme zu haben wie unsere Redaktion. Dass die Drehbücher nicht immer superoriginell sind, ist weniger sein Problem. Saul macht jeweils das beste draus. Bei unserem Anruf nach Deutschland war der Regisseur gerade in einer Kneipe. Sieben Minuten später hat er sich in einer ruhigeren Ecke platziert und das Interview nahm seinen Lauf.

OutNow.CH (ON): Woher kommt eigentlich der Name Anno? Für Schweizer Ohren klingt der ein bisschen fremd.

Anno dazumal bei den Dreharbeiten

Anno dazumal bei den Dreharbeiten

Anno Saul (AS): Auch für deutsche Ohren. Es gibt einige Leute, die mich gefragt haben, wie ich eigentlich richtig heisse; das ist doch wohl ein Künstlername. Es ist aber ein katholischer Name. Anno, der Erzbischof von Köln, soll ein ziemlich blutrünstiger Typ gewesen sein im Jahre Elfhundert und ein paar Zerquetschte. Meine Eltern wohnten da in der Nähe und fanden das einen coolen Namen und haben ihn mir gegeben. Ich war noch nicht richtig bei der Entscheidungsfindung dabei.

ON: In deinen Worten: worum geht's bei Wo ist Fred?

AS: Es ist eine Komödie um einen Mann, der sich zu einem Behinderten macht und sich für kurze Zeit einen Vorteil zu verschaffen versucht, und für diese moralische Missetat derartig abgestraft wird, dass er begreift, wie es ist, als Behinderter durch die Gegend zu laufen. Es ist die klassische Dramaturgie, wobei jemand in eine Rolle schlüpft und daraus eine Zeit lang nicht mehr rauskommt und so darüber etwas erfährt, wie die Gesellschaft auf die Rolle, in die er geschlüpft ist, reagiert. Dadurch lernt er etwas über Empathie und Einfühlungsvermögen. Es ist ein bisschen wie bei Tootsie.

ON: Gibt es neben Tootsie noch andere filmische Vorbilder für diesen Film?

AS: Es gibt scheinbar eine Stelle, die scheint wie Mrs. Doubtfire zu sein, darauf werde ich in jedem Interview angesprochen. Ich habe aber Mrs. Doubtfire nie gesehen. Für mich war aber von der Athmosphäre her There's something about Mary ein Vorbild. Ich wollte einfach nicht die typisch deutsche Komödie machen, wo man zu Beginn ein bisschen schmunzelt und am Schluss ist alles Herz-Schmerz und man lacht gar nicht mehr. Das finde ich langweilig. Ich wollte einen Film machen, bei dem natürlich auch Emotionalität und eine Botschaft mit drin ist, wo man aber die ganze Zeit über lacht. Eine richtige Komödie halt, wo man volle Möhre lachen kann. Und dafür ist There's something about Mary ein gutes Beispiel.

ON: Nachdem Kebab Connection die erste deutsche Culture-Clash-Komödie war, nun also der erste deutsche Behinderten-Film?

AS: Das weiss ich nicht genau. Es ist vielleicht eine der ersten Komödien, die mit diesem Thema umgeht. Dafür brauchte es seine Zeit. Vor zwei Jahren war Alles auf Zucker gewissermassen die erste "jüdische Komödie" und auch dafür brauchte es Zeit, damit man mit sowas in Deutschland nicht dauernd missverstanden wurde. Das war hier ähnlich. Behinderte und Komödie ist erstmal eine Kombination, wo jeder sagt, es gehe nicht. Weil man für so einen Film aber auch viele geistig oder körperlich behinderte Komparsen und Kleindarsteller braucht, haben wir das Drehbuch ebendiesen gezeigt. Die fanden es lustig und irre wichtig, dass man darüber auch vor einem breiten Publikum spricht. Sie wollen eben nicht ständig mit Samthandschuhen angefasst werden.

Ein Rollifahrer bei der Premiere.

Ein Rollifahrer bei der Premiere.

ON: Wie haben die nun auf den fertigen Film reagiert?

AS: Wir haben Vorstellungen voller Rollifahrer gemacht, und die haben geschrien vor Lachen. Die sind aus dem Kino gerollt und waren völlig begeistert.

ON: Das Drehbuch wurden von Amerikanern geschrieben und dann von Bora Dagtekin eingedeutscht. Wann kamst du an Bord?

AS: Das stimmt. Die Amerikaner haben sich eben wegen der Behindertenproblematik nicht getraut und das Script ist dann ein bisschen rumgegammelt. Bis es Matthias Emcke gefunden und zur Produktion nach Deutschland gebracht hat. Bora hat es aber mehr als nur eingedeutscht. Der hat ein starkes Gagpolishing gemacht und auch in die Dramaturgie eingegriffen. Ich kam relativ spät dazu. Es sollte zuerst ein anderer Regisseur den Film machen, der dann aber wegen eines anderen Films abgesprungen ist. Ich hatte gerade Kebab Connection im Kino und das hat den Produzenten gefallen und die haben Til Schweiger eine DVD davon geschickt.

ON: Auch Kebab Connection machte mit Fatih Akin als Drehbuchautor schon länger die Runde. Wirst du nun zum Verfilmer der eingesammelten Ideen?

AS: Naja. Also mal ganz ehrlich: ein Drehbuch von Fatih Akin drehen zu dürfen... Es gibt wirklich schlimmere Schicksalsschläge im Leben.

ON: Kein Bock auf eigene Stoffe?

AS: Ich sags jetzt mal ganz blöde, und es klingt vielleicht auch ein bisschen arrogant, aber ich habe im Moment so viele Anfragen, dass ich gar nicht zum Schreiben komme. Ich bin mit Leib und Seele Regisseur, und ich mache auch keine Stoffe, die mir nicht total gut gefallen. Insofern habe ich da kein Problem damit.

ON: Wo ist Fred? steckt voller kleiner Hints für Filmbuffs. Ist es Zufall, dass Fred und seine Kumpels Bowling spielen und bei Fred zu Hause ein Poster von The Big Lebowski hängt?

Keine reine Weste

Keine reine Weste

AS: Natürlich nicht. Kebab Connection war schon mit Kinozitaten vollgespickt. Ich finde es ganz wichtig, dass Filme verschiedene Ebenen haben. Es muss eine Ebene geben, wo man ins Kino gehen kann, und sich amüsiert ohne Langeweile. Eine 1:1 Ebene, auf der man etwas vom Film hat. Das reicht aber noch nicht. Man muss auch noch eine Ebene einbauen für Leute, die noch einen anderen Zugang zu Dingen haben, weil sie sich für was anderes interessieren und so weiteres entdecken können und damit Spass haben. Weil ich selber Cineast bin, lege ich dann immer so Spuren für Cineasten, die dann augenzwinkernd noch auf einer anderen Ebene funktionieren.

ON: Du hast es mit dem Kebab Connection-Spot "Zwei Handvoll Döner" gezeigt. Deutschland wäre reif für den ersten Kung-Fu-Film. Kommt der schon bald?

AS: Ich weiss es nicht. Mir hat es wahnsinnigen Spass gemacht, diese Szenen zu drehen. Es gibt aber auch sehr viel Arbeit. Und genau zur Zeit von Kebab Connection haben aber ein paar Leute mit Kill Bill Vol.1 und House of the Flying Daggers den Hammer so hoch gehängt, dass das erreichte Niveau mittlerweile immens ist.

ON: Was stehen denn sonst für Projekte an?

AS: Ein parapsychologischer Thriller von Akif Pirincci, der "Die Damalstür" heisst. Es geht um einen Mann, der im Leben alles verloren hat. Auch seine Tochter, die im Pool ertrunken ist, als er nicht aufgepasst hat. Dieser Mann bekommt die Möglichkeit in seinem Leben nochmals zurückzugehen, und kriegt eine zweite Chance.

11.11.2006 / rm