Tsotsi (2005)

Interview mit Terry Pheto und Presley Chweneyagae

Terry Pheto und Presley Chweneyagae

Terry Pheto und Presley Chweneyagae

Nach ihrem überraschenden Gewinn des Oscars für den besten fremdsprachigen Film mit dem südafrikanischen Drama Tsotsi befinden sich die beiden Hauptdarsteller Terry Pheto und Presley Chweneyagae auf einer kleinen Welttournee. Nach Nordamerika, Holland und Deutschland, wo sie Promo betrieben und Festivals besuchten, war nun Zürich der nächste Halt auf dem Weg der beiden viel versprechenden Schauspieler.

OutNow.CH traf die beiden sehr freundlichen Zwanzigjährigen im edel gestylten Hotel Greulich und sprach mit ihnen über den Dreh im Townshop, die südafrikanische Filmindustrie und DVDs vom Schwarzmarkt.

» The Interview in Englisch

OutNow.CH (ON): Für beide von euch ist Tsotsi der erste Kinofilm. Welche Erfahrungen als Schauspieler habt ihr davor gemacht?

Terry Pheto (TP): Ich war am Theater in Soweto. Dort hatte mich meine Agentin zum ersten Mal gesehen. Eines Tages rief sie mich an, um mir zu sagen, dass sie ein fantastisches Drehbuch vor sich habe.

Miriam (Terry Pheto)

Miriam (Terry Pheto)

Presley Chweneyagae (PC): Seit 1996 war ich am Theater und spielte in Stücken für Kinder. Später hab' ich Shakespeare gespielt. Mit A midsummer night's dream hab ich begonnen. Ich spielte King Lear in kompletter Aufmachung als ich 17 Jahre alt war . Dann zog ich nach Pretoria und spielte zum ersten Mal Hamlet in einem professionellen Stück am Südafrikanischen Staatstheater. Dort hat mich der Regisseur gesehen. Ich sprach für die Rolle von Butcher vor und dann zusätzlich noch Tsotsis. So bin ich zu der Rolle gekommen.

ON: Ist es schwierig für junge Südafrikaner Rollen in Kinofilmen zu kriegen?

TP: Ich würde nicht sagen, dass es ein schwieriges Unterfangen ist, aber Südafrikas Filmindustrie ist sehr klein. Wir können pro Jahr nur drei bis fünf Filme machen.

ON: Die Produzenten hatten Hollywood Stars für die Hauptrollen vorgesehen. Stimmt diese Story?

PC: Ja, da ist was dran. Wir haben jedoch keine Ahnung, an wen sie da gedacht haben.

ON: Wie viel von Tsotsis oder Miriams Erlebten trägt oder trug sich auch in eurem Leben zu?

TP: Ich kann mich mit einigem identifizieren. Ich habe Leute wie Miriam gesehen, die in den Townships leben. Du kannst sie wirklich "erleben". Alkoholabhängige. Menschen, die an AIDS sterben.

PC: Ich konnte mich ebenfalls damit identifizieren. Ich wuchs in einer solchen Siedlung auf und ich kenne Jungs wie Tsotsi. Als ich mich auf meine Rolle vorbereitete, habe ich all die Typen, die ich kannte, genommen und sie in einer Person vereinigt. Wenn du in einem Township aufwächst, kannst du dein Umfeld spüren.

TP: Es ist dir sehr nahe. Ich hatte die Chance jene Frau zu sein. Ich wollte einfach jenem Charakter gerecht werden.

ON: Das Buch auf dem Tsotsi basiert spielt in den Sechziger Jahren.

Tsotsi (Presley Chweneyagae)

Tsotsi (Presley Chweneyagae)

PC: Es ist eine sehr zeitgemässe Story. Die Situation hat sich nicht wirklich viel verändert. Anstelle der Apartheid sind es Themen wie HIV/AIDS und Drogen, mit welchen wir uns nun auseinandersetzen müssen.

TP: Regisseur Gavin Hood ist ein sehr guter Geschichtenerzähler. Er fand einen Weg, die Story ins Heute zu transferieren und nicht in den Sechzigern zu belassen.

ON: Wie war es für euch, Szenen in den Townships zu drehen?

PC: Es war ein gutes Gefühl. Eigentlich würde ich dir jetzt gerne eine dramatische Geschichte schildern, aber es gab nichts in der Art. Alle, die du auf der Hauptstrasse im Film siehst, war entweder als Statist oder zur Sicherheit angestellt. Die waren wegen des Films echt nervös und aufgeregt. Für uns Schauspieler war es wichtig, am realen Ort arbeiten zu können, da wir so die Energie um uns herum fühlen konnten.

ON: Der Regisseur bezeichnete die Heimkehr nach den Oscars als "ein nationales Ereignis". Könnt ihr uns etwas darüber erzählen?

TP: Der Höhepunkt des gesamten Ereignisses war das Treffen mit dem ehemaligen Präsidenten Nelson Mandela. Wir gingen auf eine nationale Tour. Es war wundervoll!

Meeting mit Mandela

Meeting mit Mandela

TP: Terry ist zuerst zurückgekehrt. Der Regisseur und ich gingen nach Holland. Als wir in Südafrika ankamen, wollten wir uns zuerst im Badzimmer etwas frisch machen. Doch als wir aus dem Flugzeug stiegen, waren überall Kameras. Alle waren total aus dem Häuschen und überglücklich.

TP: Es war, als ob wir die Fussball-WM gewonnen hätten.

ON: Wo befindet sich der Oscar im Moment?

PC: Der Regisseur darf ihn behalten.

ON: Eine halbe Million Menschen haben den Film in den Kinos Südafrikas gesehen. Die DVD ist als Raubkopie überall erhältlich. Was bedeutet Tsotsi den Südafrikanern?

PC: Es ist ein Film über Hoffnung und Erlösung. Diese Themen sind allgemeingültig. Der Film ist ihnen sehr nahe, weil sie die Slums sehen. Die Geschichte berührt ihre Herzen. Das Erstaunlichste am Film ist, dass wir es fertiggebracht haben, Menschen verschiedener Klassen zusammen zu bringen, egal ob sie arm oder reich sind. Auf der ganzen Welt reagieren sie auf die gleiche Weise auf den Film.

Was gibt's zum Dessert?

Was gibt's zum Dessert?

TP: Auch der Soundtrack, der Kwaito Sound, lässt die Leute sich mit ihm identifizieren. Tsotsi hat Südafrika wirklich stolz gemacht. Bezüglich der Raubkopie-DVDs. Ja, die sind erhältlich und das ist sehr schlecht. Aber was können wir sagen? Es war schön gestern von zwei Damen zu erfahren, dass sie eine Raubkopie besassen, und dass sie sich - nachdem sie jemand auf die Fälschung hingewiesen hatte - den Film im Kino ansahen und dermassen aufgewühlt waren, dass sie die gefälschte DVD sogleich wegschmissen.

ON: Ist es Zufall, dass es im Film nicht mehr um "Schwarz gegen Weiss", sondern um "reiche schwarze Menschen gegen arme schwarze Menschen" geht?

PC: Das ist kein Zufall. Es ist eine Frage der Klassen zwischen denen die etwas besitzen und denen, die nichts besitzen. Sämtliche Filme, die aus Südafrika stammen beruhten auf Rassenthemen. Tsotsi zeigt das jetzige Südafrika...

TP: ... und das zukünftige. Wir haben mit AIDS eine ernsthafte Krise. Was können wir als Volk tun, um den wegen HIV und AIDS verwaisten Kindern zu helfen. Ich denke, es ist eine Geschichte um Hoffnung, Erlösung, Liebe.

ON: U-Carmen hat den Goldenen Bären in Berlin gewonnen. Euer Film hat einen Oscar als Bester Fremdsprachiger Film erhalten. Wie sieht die Zukunft für den Südafrikanischen Film aus?

TP: Der Oscar bedeutet, dass wir unsere Geschichten erzählen und Auszeichnungen gewinnen können. Wir sind nicht mehr auf amerikanische Schauspieler angewiesen. Wir können unsere eigenen Schauspieler, Regisseure und Produzenten einsetzen. Das ist eine gute Sache. Ich denke, die Filmindustrie wird wachsen.

PC: Das denke ich auch. Aufstrebende Filmemacher werden nun mehr an sich selbst und ihr Handwerk glauben. Zudem hoffe ich, dass nun mehr Geldgeber kommen und in unsere Filme investieren werden.

ON: Was werdet ihr in Zukunft machen?

Die Zukunft ist rosig

Die Zukunft ist rosig

TP: Zur Zeit drehe ich Goodbye Bafana von Regisseur Bille August. Ich spiele Nelson Mandelas Tochter. Ich freue mich darüber. Mein zweites Projekt ist Hotstuff vom australischen Regisseur Philip Noyce.

PC: Ich habe ein paar Angebote erhalten, die ich mir nun genauer ansehen muss.

ON: Vielen Dank für das Gespräch.

10.05.2006 / rm, nd