Mon frère se marie (2006)

Interview mit Jean-Stéphane Bron

Jean-Stéphane Bron

Jean-Stéphane Bron

Der Lausanner Jean-Stéphane Bron ist Träger des Schweizer Filmpreises 2004 für Mais im Bundeshuus. Mit Mon frère se marie zeigt er nun seinen ersten Spielfilm, der sich stilistisch noch nicht ganz vom Dokumentarischen abzugrenzen weiss. Nach der Weltpremiere auf der Piazza Grande im Sommer, startet der Film Anfang Dezember in der Deutschschweiz. Nach der allerersten Lunchkino-Vorpremiere vor Zürcher Publikum sprach der Romand, der immer wieder versucht Schwiizertütsch zu reden, mit OutNow.CH bevor es am Abend gleich nach Bern ging, um den Film weiteren Interessierten zu zeigen.

OutNow.CH (ON): Was brachte dich auf die Idee zu Mon frère se marie? Du selber hast ja auch einen vietnamesischen Bruder.

Bron beim Dreh.

Bron beim Dreh.

Jean-Stéphane Bron (JB): Für mich war es nur natürlich, dass ich etwas verfilme, dass mir nahe steht. Mein erster Dokumentarfilm handelte von einem Nachbarn, der nächste von einem Freund, dann ging es um Unbekannte in der Romandie, und am Schluss über die Schweiz in Mais im Bundeshuus. Auch beim ersten Spielfilm wollte mit etwas beginnen, das ich gut kenne. Etwas das nicht autobiographisch, aber persönlich ist.

ON: Was unterscheidet die Arbeit für einen Spielfilm von der für einen Dokumentarfilm?

JB: Ich suche als Regisseur immer die wahrhafte Emotion. Der Weg um diese Emotion zu begreifen ist sehr unterschiedlich, aber für mich zählt nur das Resultat. Dass man eine Geschichte mit intelligenten Emotionen erzählt - Emotionen, die etwas auslösen. In Mais im Bundeshuus ist die Sicht des Zuschauers fundamental. Je länger der Film dauert, desto mehr Fragen stellen sich. Auch in Mon frère se marie bist du je länger je mehr mit deinen eigenen Gedanken zum Leben und der Familie beschäftigt. Ich geben dem Zuschauer ziemlich viel Raum.

ON: Du arbeitest mit bewussten Kontrasten im Film. Am ehesten fällt das Matterhorn auf, das auf den Postkarten in Vietnam ganz anders aussieht als im Nebel am Schluss des Films.

In posierlicher Pose

In posierlicher Pose

JB: Im ganzen Film hat es viele Szenen, die wie ein Spiegel funktionieren zwischen der Repräsentation und der Wahrheit - zwischen dem Theater, das die Familie aufführt, und der Authentizität ihrer Aussagen direkt in die Kamera. Ich habe den ganzen Film hindurch versucht, die Gegensätze von Dokumentation und Fiktion zu verweben. Das sind ja sogar unterschiedliche Genres. Zwei dieser "Spiegelungen" waren mir besonders wichtig: Erstens das Matterhorn und zweitens die Familie zu Beginn und am Schluss. Beim ersten Aufeinandertreffen gab ich die Regieanweisung, dass sie sich nicht anschauen dürfen. Am Ende des Film im Bus schauen sie sich wieder an. Es sind diese gegenseitigen Blicke, welche die Familie wieder zusammenkitten.

ON: Auch diesen Film hast du wieder mit Video gedreht.

JB: Das wird der Zuschauer vielleicht nur unbewusst merken. Aber auch hier spielt wieder ein gewisser Kontrast eine Rolle. Zum einen ist da das Scope-Verfahren. Der beste Format, um Leute an einem Tisch zu zeigen. Es gibt insgesamt acht Szenen zu Tisch im Film, wobei sich die Leute dann auch wieder einsam fühlen. Die Textur des Bild, sollte aber auch den Effekt eines Dokumentarfilms haben. Aber halt eben im Rahmen des Bildformats par excellence für den Spielfilm: dem Breitbild.

ON: Hat sich für dich ein Traum erfüllt mit mit Aurore Clément und Jean-Luc Bideau zu drehen?

Meister ihres Fachs.

Meister ihres Fachs.

JB: Ja. Bideau war mein Held. Alle sagten mir, wie schwierig das werden würde, dass er mir nicht gehorchen würde. Bei seinem komisches Wesen, weiss man nie, ob man ihm glauben kann. Ich musste ihn einfach auf ein Terrain führen, dass man von ihm nicht kennt. Wenn man die beiden gegenüberstellt, gibt es bereits den Kontrast zwischen den Charakteren, ohne dass man gross Figuren entwickeln muss. Man nimmt den beiden ab, dass sie sich einmal geliebt haben und über Jahre zusammen lebten.

ON: Sind die Ferienfotos der beiden im Film eigentlich echt, oder per Photoshop hergestellt?

JB: Die sind echt. Sie hatten aber schon wieder vergessen, dass sie zusammen gearbeitet haben. Sie kannten sich nicht mehr. Das war vor achtzehn Jahren und es dauerte nur drei, vier Tage. Im Französichen sagt man, dass so eine Familie "de bric et de broc" ist, ich fand es deshalb interessant, wenn die Schauspieler ganz unterschiedliche Backgrounds hatten, um die Situation glaubhaft zu machen.

ON: Wer sind die vietnamesischen Schauspieler?

Brons Vietnamimporte.

Brons Vietnamimporte.

JB: Der Produzent sagte, ich solle nach Paris ins vietnamesische Viertel gehen und die dort suchen. Aber ich habe die Besessenheit eines Dokumentarfilmers und wollte, dass es richtige vietnamesische Schauspieler sind. Es gab deshalb ein Casting in Hanoi, das ein bisschen chaotisch wurde. Es gab selten Fotos, wenige vollständige CVs. Als ich die beiden aber gesehen, war mir sofort klar, dass die es werden sollten. Thanh Han, der Vater, hat eine TV-Show in Vietnam. Er ist ein bisschen der der vietnamesische Takeshi Kitano.

ON: Trotz den Vietnamesen haben deine Filme aber immer einen ausdrücklich schweizerischen Aspekt. Das Bundeshaus, das Matterhorn...

JB: Das ist wahr. Die Amerikaner haben nie Angst davor, ihre eigen Mythen auszuschlagen. Das komplette amerikanische Kino lebt vom Mythos Amerika. Ein Film sollte mit dieser Mythologie spielen können. Die Identität des Herstellungslandes sollte erkennbar sein, aber die Figuren sollten universelle Probleme haben. Es gibt aber wenig Symbole, die wir in der Schweiz gemein haben.

ON: Die Familie wirkt sehr unschweizerisch. In einer Deutschschweizer Produktion wären sie wohl bünzliger gezeichnet.

JB: Eine Komödie muss sich von den Personen distanzieren, damit man über sie lachen kann. Ich wollte aber überhaupt keine Distanz zu den Figuren. Man soll mit ihnen die Momente teilen, sich mit ihnen unwohl fühlen und mit ihnen lachen, nicht über sie. Man weiss aber nicht viel über die Familie. Es gibt auch Löcher. Man weiss nicht, was die Mutter macht. Welcher Arbeit ging der Vater nach? Diese Löcher habe ich aber gelassen, damit der Zuschauer seine eigenen Gedanken zum Auffüllen brauchen kann. Für mich war es deshalb eher EINE Familie statt DIE Familie. Deshalb habe ich auch dieses etwas amerikanische Haus gesucht. Es sollte kein typisches Schweizer Haus sein, weil ich nicht mit den Archetypen der Schweiz arbeiten wollte. Genausowenig mit den typischen Attributen, die man im Normalfall einer Vater- oder Mutterfigur gibt. Statt Schweizer Folklore herrscht eine physische Glaubwürdigkeit.

ON: Du suchst momentan den regen Publikumskontakt an Vorpremieren in verschiedenen Städten. Warum ist dir das wichtig?

JB: Das hat schon bei meinem ersten Film so begonnen. Damals hatte ich fünzig Vorstellungen besucht. Mit Mais im Bundeshuus waren es mehr als hundert. Das ist vielleicht meine Facette des "frustrierten Rockstars" (Er lacht). Ich würde gerne "on tour" gehen, und ich hole mir das so nach. Aber ich höre mir gerne die Fragen und Kritiken an. Ausserdem ist es im kleinen Raum Schweiz auch leichter möglich als in Frankreich, geschweige denn den USA.

ON: Auch deine DVDs sind sehr üppig in Sachen Zusatzmaterial. Es gibt sogar einen "Coffret Bron". Spielt auch hier wieder die Publikumsnähe eine Rolle?

JB: Dafür herrscht schlicht die Nachfrage. Die Doppel-DVD von Mais im Bundeshuus sollte auch in Schulen verwendet werden. Aber bei den DVDs kann man noch mehr rausholen. Es ist alles noch sehr simpel und nicht sehr durchdacht.

ON: Welche Extras werden denn auf der DVD zu Mon frère se marie zu finden sein?

JB: Das weiss ich eben noch nicht, weil ich keine Lust auf 0815-Boni habe. Mit den Making-ofs, in denen etwas explodiert oder Flugzeuge abstürzen, kann ich sowieso nicht mithalten. Weil der Film viel mit Kulissen spielt, sollte ich ich auch eine intelligente Kulisse für die DVD finden. Aber die Muse hat mich noch nicht geküsst.

28.11.2006 / rm