Die Herbstzeitlosen (2006)

Interview mit Bettina Oberli

Bettina Oberli

Bettina Oberli

Am Tag nach der Weltpremiere von Die Herbstzeitlosen auf der Piazza Grande am Filmfestival Locarno sass OutNow.CH der hochschwangeren Regisseurin Bettina Oberli gegenüber. Der ursprünglich als Fernsehfilm geplante Film über vier Emmentaler Seniorinnen war vom Publikum begeistert aufgenommen worden. Hauptdarstellerin Stephanie Glaser erhielt am gleichen Abend den Ehrenleoparden und wurde frenetisch gefeiert. Mit ihr freute sich auch die Berner Absolventin der HGKZ. Dass ihr zweiter Spielfilm nach Im Nordwind überhaupt je im Kino ausgewerter würde, hätte sich Oberli sich nie erträumt.

OutNow.CH (ON): Wie erlebtest du die Weltpremiere auf der Piazza Grande?

Die Piazza-Parade

Die Piazza-Parade

Bettina Oberli (BO): Mit so vielen Leuten ist es einfach umwerfend. So ein grossen Publikum hatte ich noch nie, und sowas wünscht man sich auch. Es war sehr berührend für mich in erster Linie, weil meine Hauptdarstellerinnen so richtig abgefeiert wurden - dass Stephanie Glaser das in ihrem Alter noch erleben durfte. Als Welturaufführung habe ich natürlich auch auf die Dynamik des Films geachtet. Wo lachen die Leute? Funktioniert er? Es gibt ja diesen magischen Faktor bei Filmvorführungen. Es ist sicher ein wahnsinnig schönes Erlebnis.

ON: Beim zweiten Film konnte man sich schon etwas an Publikumsreaktionen gewöhnen. Half dir das nach Im Nordwind?

BO: Mein anderer Film war dermassen deprimierend, dass die Reaktionen vom Publikum auch sehr stark waren. Im Nordwind wurde an vielen Festivals auf der ganzen Welt gezeigt, aber die Leute waren vom Film erschlagen am Schluss. Dieses Mal war alles anders. Die Leute gratulierten mir und waren glücklich. Aber darum geht es ja beim Filme machen - dass man irgendeine Reaktion erzeugen kann.

ON: Wie kommt man als junge Frau auf das Thema der Witwe, die ihren Mann überlebt?

BO: Meine Grossmutter war ein Unikum. Eine sehr prägende Frau für die ganze Familie Oberli. Über sie und ihren Ehemann, der damals noch lebte, habe ich einen Dokfilm gedreht. Dabei ging es auch um die Frage, ob sich eine Frau in sechzig Jahren Ehe für ihren Mann aufgibt. Bei ihr war dies so. Sie hat mir gebeichtet, dass sie nicht geheiratet hätte, falls ihr andere Möglichkeiten geboten worden wären. Aber diese Generation von Frauen - nicht nur im Emmental - hat sich schon sehr nach ihren Männern gerichtet. Mich interessierte nun, was passiert, wenn der Mann nicht mehr da ist, wenn man plötzlich viel Zeit für sich hat. Ich beobachtete bei meiner Grossmutter und auch ihren Freundinnen eine Veränderung. Ich fand das ein interessantes Phänomen, das mich auch weiterhin interessiert.

ON: Gab es filmische Referenzen?

BO: Natürlich hat man filmische Vorbilder, aber ich schrieb den Film im Januar 2003. Da wusste ich zum Beispiel noch nichts von Calendar Girls. Es gibt im Film einfach nur eine gewissen Anzahl an grossen Themen (Liebe, Hass etc.) und eines davon ist das Aufblühen/die Emanzipierung. Zu diesem Thema gibt's es ganz viele Filme. Natürlich ist Die Herbstzeitlosen nicht der allererste.

ON: War dir reine Unterhaltung wichtiger oder der Aspekt der "Frauenpower"?

BO: Man kann nicht so berechnend an das Thema eines Filmes herantreten. In erster Linie muss ein Thema mich selber interessieren. Was möchte ich erzählen und was möchte ich damit auslösen? Die Zutaten ergeben sich erst danach.

ON: Im Film sind eine konservative Partei und die Kirche als Hemmschuh für Frauen dargestellt. Ist das ein bewusstes Provozieren?

BO: Seit die Menschen Geschichten erzählen, gibt es die Guten und die Bösen. Protagonisten, die kämpfen und am Ende gewinnen müssen, brauchen Hindernisse, die Antagonisten. Wobei der Pfarrer nicht unbedingt ein Antagonist ist. Er ist zwar eine öffentliche Person, aber sein Problem ist eher, dass er seiner Mutter nicht gönnt, was ihm selber verwehrt bleibt, weil er nicht mit der Frau zusammen leben kann, die er liebt. Die Parallelen zu einer tatsächlichen Partei sind hingegen offensichtlich.

ON: Also ist es ein bewusste Provokation der SVP?

BO: Eine Partei, die selber dauernd provoziert, muss auch damit leben können, das man sie für einmal provoziert.

ON: Gesangsverein. Fahnenweihe. Lädelisterben. Tratsch im Dorf. Du beschreibst auch das Milieu sehr fein. Hättest du dich getraut, die Handlung auch in einem anderen Ort als deiner Heimat, dem Emmental, anzuordnen?

BO: Ehrlich gesagt nicht. Es könnte an verschiedenen Orten so sein (im Appenzell, in Graubünden), aber es hat sich wie logisch ergeben, weil ich dort verwurzelt bin, und das Milieu sehr gut kenne.

ON: Die Herbstzeitlosen lebt auch vom Dialekt. Musste an den verwendeten, oft urchigen Wörtern gefeilt werden, oder ist das alles noch im aktiven Wortschatz?

BO: Ich habe die schon noch im gut im Ohr. Aber mir diese Authentizität war schon beim Casting sehr wichtig. Wir wollten Schauspieler, die wirklich Berndeutsch sprachen. Ich fühlte mich dazu verpflichtet, wenn ich schon explizit Trub im Emmental benenne, das die Leute auch so reden. Obwohl ganz feine Ohren werden hören, dass es doch eher ein Stadtbernerdeutsch ist. Die Begriffe waren aber alle schon im Drehbuch genau definiert. Wir haben für die Dialogverarbeitung extra mit Fritz Widmer von den Berner Troubadouren zusammengearbeitet.

ON: War es schwierig, die vier rüstigen Damen für die Hauptrollen zu finden?

BO: Die hatten natürlich prinzipiell schon mal Freude am Projekt, weil es ein Thema ist, für das sie ein eigenes Interesse haben. Die sind alle schon mit einer sehr grossen Lust an das Casting gekommen, weil es eben ums Aufblühen geht, und eben nicht um Grosis, die sowieso bald sterben. Ich konnte also aus dem vollen schöpfen.

ON: Trägst du selber gerne Dessous?

BO: Im Moment ist das ein bisschen schwierig. (Sie zeigt auf ihren Schwangerenbauch und lacht.) Es sollte aber kein Film über Lingerie im Emmental werden. Das wäre ein ganz anderer Film geworden. Es geht um Frauen, die noch einmal zurück ins Leben treten. Dafür ist Lingerie natürlich ein tolles Symbol, weil es um Sinnlichkeit und Weiblicheit geht.

ON: Also ging es dir nicht darum, dass am Schluss auch noch ein paar Requisiten für dich persönlich übrig blieben?

BO: Das natürliuch auch. Es gab ein grosses Abschlussfest im Dorf und da hat Manfred Liechti, der den Bauern Fritz spielt, die gesamte Unterwäsche öffentlich versteigert. Das war sehr lustig.

ON: Hatte eigentlich schon jemand in der Realität die Idee, Trachtenmuster auf Reizwäsche zu sticken?

BO: Ich glaube nicht, aber leider haben wird die Idee nicht geschützt. Es hiess ja immer, es sei nur ein Fernsehfilm, es lohne sich nicht.

ON: Wann wurde der Entscheid, den Film ins Kino zu bringen gefällt?

BO: Die Dynamik, die sich dabei entwickelt hat, kam für mich sehr überraschend. Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass der Film auf der Piazza Grande laufen würde, hätte ich es nicht geglaubt. Für mich war der Film, bis er fixfertig war, immer ein Fernsehfilm. Und dazu stehe ich auch. Das war auch mein Auftrag. Aber mein Produzent meinte dann, der Film habe etwas, was im Kino funktionieren könnte.

ON: Ganz anderes Thema: Du hast auch schon mit Steve Buscemi zusammengearbeitet?

BO: Ja. Ich bin 1997 nach New York gegangen weil ich für die Filmschule in Zürich ein Praktikum machen musste. Ich war ein Riesenfan von Hal Hartley und habe ihm einfach mal geschrieben, ob ich für ihn arbeiten könne. Was man halt so macht mit Zwanzig (Sie lacht). So bin ich in diese New Yorker Szene gerutscht und habe für ein Music Video von Lou Reed, das Buscemi gedreht hat, die Ausstattung gemacht.

ON: Zum Schluss die Pop-Up-Fragen.

BO: Ok.

ON: Stephanie Glaser

BO: Eine wunderschöne Frau

ON: Lingerie

BO: Im Moment bedeutet es für mich vor allem Herbstzeitlosen.

ON: SVP

BO: Der Bieri Fritz

ON: Piazza Grande

BO: Überwältigend

ON: OutNow.CH

BO: Ihr seid "heimlifeiss", aber ich lese euch jeweils, denn ihr seid auch gut.

05.08.2006 / rm