Das Fräulein (2006)
Interview mit Andrea Štaka
Die Schweizer Filmemacherin Andrea Štaka, deren Eltern aus Dubrovnik und Sarajewo stammen, zeigt in Das Fräulein einerseits drei Frauenportraits über Ex-Jugoslawinnen, aber auch die Stadt Zürich von ihren schönsten Seiten. Mit ihrem ersten Spielfilm gelang ihr so ein berührender "Zürifilm" mit aktuellem Bezug. Vier Tage nach dem OutNow.CH-Interview wurde Andrea Štaka in Locarno mit dem goldenen Löwen für den besten Film ausgezeichnet und der Hauptpreis des Festivals von Sarajewo sollte später folgen. Davon ahnte sie während des Presserummels nach der Premiere natürlich noch nichts. Aber die ersten freundlichen Publikumsreaktionen waren bereits dann nicht spurlos an ihr vorbeigegangen. Die Wahl-New Yorkerin wirkte sichtlich fröhlich im Gespräch.
OutNow.CH (ON): Ist Das Fräulein auch ein politischer Film?
Andrea Štaka (AS): Vielleicht in bezug auf die Position der Frau in der heutigen Gesellschaft. Es geht schliesslich auch um weibliche Solidarität, um den Lebenskampf der Frauen, um einsame Frauen in Grossstädten. Ein politisches Thema ist sicher, dass heute viele Menschen migrieren. Es ging mir um Leute, die ein Land aus unterschiedlichen Gründen verlassen mussten. Menschen, die einen ihnen bekannten Ort verlassen, um an einen neuen zu kommen. Sie könnten von überall her stammen, aber ihr Background gibt ihnen ein gewisse Sensibiliät. Deshalb wird mein Film sehr spezifisch mit einer Figur aus Serbien, einer Kroatin und einer Bosnierin.
ON: Als Schweizer erkennt man diese Nuancen nur sehr oberflächlich. Hast du den Figuren auch typische Charakteristiken der einzelnen Volksgruppen verliehen? Wie hierzulade zum Beispiel Unterschiede zwischen einem Zürcher und einer Bernerin zu erkennen sind.
AS: Generell hat die bosnische Seele etwas sehr liebliches, zärtliches. Bosnier sind sicher auch die lustigsten. Sie sind die einzigen aus dem ehemaligen Jugoslawien, die über sich selbst lachen können. Ana repräsentiert dieses Bosnische ein bisschen für mich. Auch mit schwarzem Humor zum Beispiel. Mila als Kroatin hingegen ist eher ein bisschen streberhaft. Das mag ein Klischee sein, aber die Kroaten sind gerne die braven Schüler, und Mila verkörpert das ein wenig. Ruza guckt als Serbin zurück auf das, was im Krieg passiert ist. Viele Serben fühlen sich deshalb auch schuldig, weil sie als die Aggressoren wahrgenommen werden. Sie sind aber auch sehr energisch und leidenschaftlich. Ruza hat Züge davon an sich, sie ist aber gleichzeitig ein höchstassimilierte Schweizerin. Es gibt sicher gewisse charakterliche Eigenschaften, die man als typisch oder Klischees bezeichnen könnte, aber das Script und der Film brechen ständig damit.
ON: Die Männer im Film sind hingegen alle sehr simpel gestrickt: Entweder Sexpartner oder ignorante Fussballgucker.
AS: Wie die Frauen in den Männerfilmen halt. (Sie lacht)
ON: Eine kleine Rache also?
AS: Ja. Sie sind zwar da, aber es sind traurige Gestalten innerhalb des Lebens der Frauen. Ich wollte mich auf die Frauen und ihre Freundschaft konzentrieren. Wenn da die Männerfiguren zu komplex geworden wären, hätten sie aus dramaturgischen Gründen zu viel Raum eingenommen. Ich wollte nicht wirklich gemein zu ihnen sein, sondern man sollte auch über sie schmunzeln können.
ON: Das Fräulein ist auch ein sehr schöner Film über Zürich als trendige, urbane Stadt.
AS: Es war für mich sehr wichtig, dass der Film auch von der Schweiz handelt. Ich habe eine gewisse Hassliebe zu meiner Heimat Zürich. Sie ist schön, aber auch agressiv; kalt aber auch idyllisch. Ich bin selber ein Stadtmensch und kann das Klischee der Immigranten im Film, die aus dem Niemandsland im Ghetto landen, nicht ausstehen. Ich merkte schon beim Verfassen des Drehbuchs, dass ich über sehr persönliche Orte in Zürich schreibe. Beim Location-Scouting suchte ich Orte, welche die vielen Facetten Zürichs, die ich kenne und schätze, repräsentieren. Auf eine gewisse Arte ist es mein Zürich. Es war mir wichtig, nicht nur die Immigrantinnen, sondern auch Zürich in einem moderneren Kontext zu zeigen.
ON: Trotzdem schickst du die Figuren auch einmal in die Alpen, quasi ein anderes, zweites Schweizbild.
AS: Nein. Sie sind dort eher verloren. Auf dem Sessellift sitzen sie irgendwo zwischen Himmel und Erde und es gib auch den Abgrund, in dem man stürzen könnte.
ON: Die Kamerführung war auch sehr speziell.
AS: Igor Martinovic war schon bei meinem Dokumentarfilm Yugodivas dabei. Wir kennen uns gut und arbeiten sehr eng miteinander. Schon während dem Drehbuchstatus haben wir Storyboards entwickelt, in denen wir mit den Bildausschnitten die Story akzentuieren wollten. Die Subjekte sollten auch visuelle hervorgehoben werden. Wie kann man Einsamkeit darstellen? Ana ist sehr agil und läuft der Kamera fast davon, während Rusza sehr strukturiert ist zu Beginn des Film, was sich filmisch auch gut darstellen lässt. Der Kameramann, die Set Designerin und ich verbrachten deshalb enorm viel Zeit mit der Planung. Der Raum musste perfekt stimmen. Und doch wurde mit der Ankunft der Schauspielerinnen dann doch wieder einiges über den Haufen geworfen, weil man erst dann die Szene zum Leben erwecken kann. Aber ohne die penible Planung wäre auch das nicht möglich gewesen. Für einen kreativen Prozess ist so etwas unabdingbar.





