Das Fräulein (2006)
Interview mit Marija Škaricic
Marija Škaricic gehört zu den den talentiertesten Nachwuchsschauspielerinnen Kroatiens. Die 1977 Geborene wurde 2004 am Sarajevo Film Festival als beste Darstellerin ausgezeichnet. Sie spricht kein Deutsch und musste für Das Fräulein alle ihre Dialoge auswending lernen.
OutNow.CH traf die junge Frau am Festival in Locarno am Tag nach der Weltpremiere des Films. Also noch bevor klar war, dass der Film den goldenen Leoparden abstauben würde. Trotzdem war die Stimmung sehr gelöst. Die Freude über die gelungene Premiere war ihr anzumerken und in ihrer Stimme schwang auch etwas Stolz über das Geleistete mit.
OutNow.CH (ON): Ist das Das Fräulein auch ein politischer Film?
Marija Škaricic (MS): Natürlich werden im Film Kroatien, Bosnien und der Krieg genannt, aber es ist kein Film über "Jugoslawien". Es geht in erster Linie um drei Frauen, die vor einem - sicher auch - politischen Hintergrund versuchen mit ihren Leben klarzukommen.
ON: Was ist das Minimalwissen, das man haben sollte, um im Film die verschiedenen Charaktere und ihre Herkunft verstehen zu können?
MS: Jugoslawien gab es seit dem zweiten Weltkrieg. Bis zu Titos Tod 1980, der als Kontrollfreak und verrückter Diktator das Land zusammenhalten konnte, ging's gut. Doch dann fing es an auseinanderfallen. Der Krieg begann 1991, als Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit forderten, und die nationale Armee, die sich in serbischer Hand befand, zuerst Kroatien und ein Jahr später Bosnien angriff. 1995 endete dann der Krieg. Das muss reichen und ist natürlich ein bisschen vereinfacht dargestellt.
ON: Du bist Kroatin und sprichst kein Wort Deutsch. War es schwierig die Dialoge auswendig zu lernen?
MS: Eine andere Schauspielerin sollte die Rolle zuerst übernehmen, aber es kam zu Uneinigkeiten, und ich kam erst ans Set als die Dreharbeiten schon begonnen hatten. Deshalb war es schon sehr schwierig. Ich musste auch noch Bosnisch lernen. Aber es hat ganz gut funktioniert.
ON: Weshalb auch noch Bosnisch?
MS: Bosnisch und Kroatisch sind im Grunde dieselben Sprachen, aber es kam auf die Ausprache drauf an. Deutsch hingegen war für mich wie Japanisch. Andrea \u0160taka hat mir die Sachen zwar vorgelesen, aber ich wusste echt nicht, was ich da mache. Jemand hat mir meine Zeilen auch aufgenommen, und ich habe die jeweils am Abend im Bett angehört und gelernt. Nach zwei Wochen hatte ich den Dreh auch mit der Grammatik ein bisschen draussen. Es ist eine grossartige Erfahrung, wenn man merkt, dass man in jeder Sprache schauspielen kann. Man muss einfach wissen, worüber man spricht. Wenn man den Status und die Emotionen kennt, ist es egal, in welcher Sprache man spielt.
ON: Deine Figur Ana ist vom Krieg gezeichnet. Wie hast du dich darauf vorbereitet?
MS: Kroatien war zwar auch im Krieg, aber meine Stadt wurde nur einmal angegriffen. Ich habe den Krieg vor allem an Fernseher mitbekommen. Niemand aus meiner Familie ist im Krieg gestorben. Auch für Ana ist es eher ein gewisser Background. Ich implementierte es als einen Schmerz, den sie fühlt. Ana ist deshalb eine sehr lebensfrohe Figur, die aber mit ihrer jetzigen Situation, mit der Krankheit und ihrer Vergangenheit nicht klar kommt. Sie ist deshalb zwischen Optimismus und Überforderung hin und her gerissen.
ON: Hast du dich mit Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien in der Schweiz getroffen?
MS: Für Ana war das nicht so wichtig. Sie kommt ja genau wie ich zum aller ersten Mal in die Schweiz. Mirjana Karanovic, die als Ruza schon über 25 Jahre in der Schweiz ist, musste sich eher mit deren Situation auseinander setzten. Ich selber hatte leider gar nicht soviel Zeit, mich mehr mit jugoslawisch-stämmigen Schweizern zu unterhalten. Was ich aber merkte ist, dass sie sich trotzdem noch auf die eine oder andere Art fremd fühlen, egal wie weit sie es in ihrem Leben hier gebracht haben.
ON: Das Image der Menschen vom Balkan ist nicht sehr gut in der Schweiz.
MS: Das habe ich auch gehört, und das macht es auch schwierig. Wenn man aus einem Prestige-trächtigeren Land wie zum Beispiel Frankreich kommt, ist es schon wieder anders. Kommt man vom Balkan, behandelt dich jeder wie ... das sag ich jetzt nicht. Es gibt diese Vorurteile leider. Das Problem mit meinem Land ist, dass die Leute wenig Respekt vor sich selbst haben, und immer auf jemanden warten, der ihre Selbstachtung stärkt.
ON: Wie hast du persönlich die Schweizer empfunden?
MS: Die Trams waren immer sehr pünktlich. Man konnte sich auf die Minute genau hinstellen, und es kam eins. Das war beeindruckend. Am Set fiel mir beim Drehschluss etwas Lustiges im Verhalten der Schweizer und der Schauspieler vom Balkan auf. Andrea, Mirijana, die Regieassistentin und ich lagen uns mit Tränen in den Augen in den Armen, während die Schweizer Techniker alle mit Packen beschäftigt waren und nach Hause gehen wollten. Die haben emotional viel weniger mitgefühlt als wir. Das zeigt ein klein wenig den Unterschied vom Balkan zur Schweiz.





