Elementarteilchen (2006)
Das Interview mit Oskar Roehler (Regie)

Oskar Roehler
Mit Sonnenbrille als Dauermontur hat sich Knittergesicht Oskar Röhler Mitte der Neunziger einen Namen als Filmregisseur gemacht. Bekannt wurde der Schriftstellersohn mit der Unberührbaren, welcher mit zahlreichen deutschen Preisen ausgezeichnet wurde, und die letzten Jahre im Leben seiner Mutter beschreibt. Aktuellere Werke sind Der alte Affe Angst oder Agnes und seine Brüder, in welchem sich auch schon Moritz Bleibtreu an Bord befand. Seine neuste Kreation, Elementarteilchen, lief im Wettbewerb der Berlinale 2006.
OutNow.CH (ON): Wann hat es Klick gemacht, den Roman "Elementarteilchen" zu verfilmen?
Oskar Roehler (OR): Schon während dem Lesen. Aber ich wusste damals noch nicht, ob ich überhaupt an die Rechte rankommen würde. Das war natürlich ein irrer Glücksfall. Ich bin selten von einem Buch in erster Instanz schon so beeindruckt, wie von diesem. Das letzte Mal ist mir das bei American Psycho so gegangen, als ich mich halb tot gelacht habe über diese grossartigen Erkenntnisse über die amerikanische Gesellschaft. In Elementarteilchen wird Europa und der Niedergang dessen Werte ein bisschen durchleuchtet. Gründe dafür sind vielfach auch aufgezählt in dem Roman, und natürlich ist das auch ein interessanter Strang, aber du kannst nicht beides zugleich machen. Mit dieser Gesellschaftskritik auch noch drin, hätte man den ganzen Film anders formulieren müssen.
ON: Die Buchvorlage wurde entschärft. Der Zynismus ist raus. Da kennt man dich von früheren Werken anders. Bist zu zahmer geworden?

Ärmel hoch!
OR: Ich weiss nicht, ob die Frage so richtig gestellt ist. Der Film ist für ein normales Publikum nämlich gar kein zahmer Film. Es geht auch für die Helden im Film richtig zur Sache. Ich habe mich aber bemüht, dass man nicht durchwegs mit dem Radikalsten auf die Zuschauer losgeht. Houellebecq beschreibt im Buch so unglaublich viel, was du im Film gar nicht sehen willst, dass man sich ganz genau überlegen musste, wie man der Sache überhaupt noch gerecht wird. Ohne dem Autor unrecht tun zu wollen, haben wir teilweise völlig konträr zum Buch gearbeitet. Es hiess im Verlaufe der Entwicklung auch mal: "Keine Sexszenen!". Es ist nicht interessant, Bleibtreu und Gedeck ständig in Sexszenen zu sehen. Auch weil es völlig irrevelant für die Geschichte ist. Viel interessanter ist, was für eine Art von Beziehung die beiden entwickeln, und vorallem wie sich diese entwickelt. Da lernen sich zwei erwachsene Menschen kennen, die schon sehr viel durchgemacht haben, und gar nicht mehr damit rechnen, plötzlich noch einmal die grosse Liebe ihres Lebens kennenzulernen. Es ist eine starke seelige und geistige Beziehung, welche die beiden haben. Da ich scheinbar doch so ein hoffnungsloser Romantiker bin, wollte ich eine Liebesgeschichte erzählen. Die Menschen sind zur Liebe fähig und keine programmierten Roboter, die gezwungen sind, als Spezies abzudanken, wie das Houellebecq in seinem Roman ganz pragmatisch darstellt.
ON: War es nicht auch, weil es sich bei Elementarteilchen um eine Grossproduktion handelt, dass man die Sache anders angehen musste?
OR: Ich hab da schon einen Sinneswandel durchgemacht. Man merkt es auch schon bei Agnes und seine Brüder, wo ich auch auf Dinge verzichtet habe, die ich früher mit eiserner Faust vorgehalten hätte. Das Konzept von dem Film ist hier ganz klar. Ich werde auch immer gefragt, warum ich bis in die kleinsten Rollen alles mit Stars besetzt habe. Für ein normales Publikum, das Samstags oder Freitags Abends einen Film schauen geht, und dann noch einen deutschen, muss du irgendwie gucken, dass du mit attraktiven Namen punktest. Das eine schliesst das andere aus. Man darf nicht den Fehler machen, das eine mit dem anderen zu vermischen. Man hätte die Möglichkeit gehabt, einen soziokulturellen Abriss der Gesellschaft zu machen, wie das im Buch gemacht wurde, vielleicht mit viel Sex, vielleicht wesentlich experimenteller und dadurch auch ein bisschen penetranter. Oder aber man versucht eine ganz klassische Kinogeschichte zu erzählen, aus diesem Umfeld, das ja trotzdem wahnsinning interessant ist. Viele haben sich durch den Roman auch allein gelassen gefühlt, durch diese Kaputtheit der Figuren. Was wir aber nicht gut fanden, ist dass der Autor ihnen irgendwann den Rücken zugekehrt hat. Leckt mich am Arsch und ich werf euch jetzt mal ins kalte Wasser, damit ihr vielleicht auch mal ein paar Depressionen kriegt und wisst, wie das ist. Da hatte ich keinen Bock drauf.
ON: Gab es nie Probleme mit Houellebecq, wenn du seinen Schluss so abänderst?
OR: Nein, wenn man die Rechte kauft, kann man damit schon relativ viel machen. Ausserdem ist der Autor schon sehr grosszügig. Der weiss ganz genau, dass der Film ein anderes Produkt ist, als das Buch. Der hat gar nicht weiter hinterfragt, wie wir das machen.
ON: Wieso denn überhaupt ändern?
OR: Was mir halt nicht gefallen hat, ist dieses in diesem schrecklich melancholischen und depressiven Tenor geschriebene Ende des Buches. Es wäre das Einfachste, es so zu machen. Ich habe mehrere solche Filme gemacht. Wenn ich an den alten Affen denke, war das im Grunde genommen genau dieselbe düstere, melancholische Geschichte. Ich kann sowas. Ich hatte einfach keine Lust darauf, vielleicht gerade deshalb, weil es mir viel zu einfach gefallen wäre. Ich hätte bei der Pornoabteilung von Lars von Trier anrufen können, und nach den Sexszenen fragen können. Houellebecq hätte die auch gerne gedreht. Das hätten wir alles machen können, aber wir wollten einfach einen Film machen, der fürs Publikum funktioniert.
ON: Was sollen die Fans des Buches vom Film denken?
OR: Es gibt eingefleischte Houellebecq-Fans, da würde ich in einen leeren Schrank rein quatschen. Die kann man nie gewinnen. Aber das kenn ich von mir selber. Ich habe schon viele andere Romane gelesen und dann den Film gesehen und gesagt: "Äh, was ist das denn?"
ON: Gehst Du denn mit Houellebecq einig, dass die beiden Brüder typische Produkte der Post 68er-Gesellschaft sind?
OR: Ich weiss nicht, ob es die Post-68er-Gesellschaft ist. Er zeigt ja die Mutter auch als Opfer der 68er-Bewegung, wie ja jeder 68er selbst auch ein Opfer der 68er-Bewegung geworden ist. Er beschreibt natürlich sehr genau, mit welchen Faktoren das zusammenhängt. Wenn man aber soziokulturelle Thesen in einem Buch mit Genuss liest, ist das Literatur. Im Film hat mich viel mehr interessiert, wie die Figuren mit ganz konkreten Situationen in ihrem Leben umgehen. Um ein Beispiel aus dem Buch zu nennen. Michael (gespielt von Christian Ulmen) hat nur wenige glückliche Stunden mit seiner Jugendliebe, die dann ein klassisches tragisches Ende nimmt. Da fragt man sich, was die Message sein soll. Es geht auch zu schnell. Da ist zwischen denen noch fast nichts passiert, und schon geht es zu Ende. Will der Autor sagen, dass es bescheuert ist, sich mit vierzig nochmals zu verlieben? Will ich das dem Zuschauer so weitergeben? Da gingen bei mir die Alarmglocken los. Das entspricht auch nicht der Erfahrung, die ich gemacht habe, trotz meiner schwierigen Herkunft, die ich mit Michel Houellebecq teile. Doch da musste ich sagen sorry Alter, ich finde deine Grundstory wirklich hervorragend und ich find die Charaktere toll, aber ich ändere jetzt einfach was. Ich schaff jetzt mit dem Film eine eigenständige Kunstform. Ich mach das, weil ich nicht glaube, dass der Zuschauer sonst mit einem einigermassen versöhnlichen Gefühl aus dem Kino rausgegangen wäre. Die schmerzhafte Erkenntnis, dass das Leben eigentlich unwert ist, geführt zu werden, ist keine besonders tolle Message.
ON: Wie stehst du zu Houellebecq Frauenbild?
OR: Ich finde sein Frauen- und auch sein Männerbild überhaupt nicht blöd, im Gegenteil. Ich hatte kein Problem damit. Ich finde es ganz geschickt, wie er es schafft, den Frauen diese männlichen Chauvisprüche unterzujubeln. Das habe ich im Film auch öfters zitiert. Das Buch ist ein unglaublich reicher und brillianter Zitatenbrunnen. Daran habe ich nichts auszusetzen, bis auf den Rüchschluss, den der Autor dann aus dem menschlichen Versagen zieht. Das kann man ruhig auch mal so stehen lassen. Es kann auch Spass machen zu leben, wenn man ein Versager ist. Man kann genauso die richtige Frau finden, wenn man ein Versager ist. Vielleicht ist auch die Frau eine Versagerin, und trotzdem kann man irgendwie leben. Solange noch ein Funken Liebe in einer Beziehung ist, kann man das auch geniessen. Er beschreibt die Frauen sehr liebevoll.
ON: Sind die emanzipierten Frauen im Buch nicht alle schlecht dargestellt?
OR: Nein, das stimmt meiner Meinung nach überhaupt nicht. Was ist denn bitteschön eine emanzipierte Frau? Das ist ein Begriff, mit dem ich überhaupt nichts anfangen kann. Es gab einmal eine Frauenbewegung Ende der Sechziger Jahre. Die mussten sich freistrampeln und unheimlich ins Zeug legen, um aus den Ketten der spiessigen, westdeutschen Gesellschaft rauszukommen. Dass man darüber auch eine Satire macht, kann ich absolut nachvollziehen. Das finde ich total legitim. Ich habe das Gefühl, dass er die Frauen verehrt und sie auch anbetet.
ON: Bist du denn gespannt, wie Houellebecq den Film aufnehmen wird?
OR: Ich kann mir nicht vorstellen, dass er den Film persönlich nimmt. Er wird ihn völlig bescheuert finden, oder sich auch stellenweise amüsieren. Der Mann ist unberechenbar.
ON: Besten Dank für das Gespräch.



