46 Oku Nen No Koi (2006)
Big Bang Love, Juvenile A
Das Interview mit Takashi Miike (Regisseur)

Takashi Miike
"I don't feel any restrictions as far as style is concerned" erläuterte Takashi Miike einst in einem auf Kamera.co.uk veröffentlichten Interview - eine Aussage, die man auch in seinem jüngsten, visuell berauschenden Film Big Bang Love, Juvenile A bestätigt sieht. Der 46-jährige Miike ist ein Phänomen: Über sechzig Produktionen für Kino, Fernsehen, Video und DVD hat der an der "Yokohama Vocational School of Broadcast and Film" seines Mentors Shohei Imamura ausgebildete Japaner schon auf seinem Konto. Dabei macht der Audition-Regisseur vor allem mit der unverblümten Darstellung von extremer Gewalt, häufig in Verbindung mit sexuellen Perversionen und Tabus, immer wieder von sich reden. Die manchmal unergründlichen, ambivalenten Enden seiner Filme sorgen zudem häufig für Diskussionen um ihre Bedeutung.
Über das Ende von Big Bang Love, Juvenile A - ein Film übrigens, den Miike bei einer Fragestunde als einen Racheakt an der Berlinale für das Verschmähen eines seiner früheren Werke bezeichnete - könnte man auch stundenlang nachgrübeln. Die Möglichkeit, den Regie-Meister bei einem Interview gleich selber danach zu fragen, wollten wir uns deshalb nicht entgehen lassen.
Takashi Miike erwartete uns mit Sonnebrille und in souverän relaxter Haltung im Berliner Grand Hyatt. 'Coolness,' so schien er der Welt mitzuteilen, 'ist mein zweiter Vorname'. Fünfzehn Minuten wurden uns für das Interview gewährt. In Kombination mit der Übersetzerin, welche die Fragen ins Japanische und die Antworten ins Englische transferierte, eine knapp bemessene Zeit. Allzu knapp, wie sich schliesslich herausstellte: Die Frage nach dem geheimnisvollen Ende von Big Bang Love blieb ungestellt und unbeantwortet.
OutNow.CH (ON): Bing Bang Love, Juvenile A fasziniert mit seiner visuellen Ästhetik. Wussten Sie beim Start der Dreharbeiten bereits, wie jede Szene aussehen würde?

Takashi Miike: ...
Takashi Miike (TM): Wenn ich ein Drehbuch lese oder ein Buch, das verfilmt werden soll, visualisiere ich das Gelesene fortlaufend und kreiere meine persönlichen Bilder dazu. Ich lese deshalb sehr langsam, weil ich gedanklich all diese Bilder entstehen lasse. Es ist aber nicht so, dass man beim Lesen des Skripts sämtliche Bilder bereits vollständig kennen muss, um einen Film zu machen. Für mich ist es wichtig, dass ich ein gutes Team habe, um den Film zu drehen. Während der Dreharbeiten bringe ich ständig meine eigenen Ideen in das Drehbuch ein; die Bilder, die dabei geschaffen werden, sind eine Mischung aus meinen eigenen Ideen und jenen der Filmcrew. Beim Filmemachen kommt man manchmal an einen Punkt, wo man sich nicht sicher ist, in welche Richtung man weiter gehen soll - ich halte das für einen sehr spannenden Aspekt des Filmemachens.
ON: Heisst das auch, dass Sie zu Beginn der Dreharbeiten manchmal noch nicht genau wissen, wie das Ende aussehen wird?

... ob blau & rund ...
TM: Bis zu einem gewissen Grad ist das möglich. Die Eröffnungsszene in Bing Bang Love beispielsweise ist bereits eine Abänderung des Drehbuchs. Im Originalskript hat es keine Tanzszene; ich fand aber, dass ich auf der Basis des Drehbuchs meine eigenen Ideen entwickeln und dass solch eine Tanzszene im Film vorkommen sollte. Ich finde, sie ist sehr gelungen. Ein Drehbuch ist eine Art Vertrag zwischen dem Produzenten, den Schauspielern und den Investoren; es braucht eine gewisse Richtlinie beim Filmemachen. Das bedeutet, dass das Skript bis zu einem gewissen Grad eine verbindliche Vorschrift ist - aber nicht vollständig. Das Ende in Bing Bang Love beispielsweise ist ebenfalls etwas anders als im Drehbuch. Dabei ist es aber vor allem die Art und Weise, wie etwas mitgeteilt wird, die sich verändert. Die Botschaft und die Bedeutung des Endes und überhaupt der ganzen Geschichte sind vollkommen gleich geblieben. Ich halte das für einen sehr spannenden Punkt: Die Art und die Mittel, wie etwas mitgeteilt wird, sind im Film möglicherweise anders als im Drehbuch - die Botschaft aber bleibt unverändert die gleiche.
ON: Die Musik in Big Bang Love ist sehr durchdacht eingesetzt.

... oder gelb & eckig ...
TM: Die beste Methode das visuelle Bild eines Films wirken zu lassen, ist der vollständige Verzicht auf Musik, Töne, Toneffekte und Worte; das Bild ist im Prinzip das perfekte Format für die Kunstform Film. Interessanterweise besteht heutzutage jedoch ein Trend unter den Filmemachern, ständig Musik zu gebrauchen, um Gefühle und Botschaften zu übermitteln. Mit der richtigen Musik kann man die Emotionen des Publikums sehr effektiv kontrollieren - jeder und jede versteht dann die Botschaft einer Szene. Ich versuche aber, von dieser Art des Filmemachens wegzukommen. Ich arbeite meistens mit dem Musiker Kôji Endô zusammen, der sehr viele Musiken für meine Filme geschrieben hat. Und obwohl er ein Komponist ist, möchte er nicht in sämtlichen Szenen Musik einsetzen; er entscheidet sich manchmal auch dafür, in einer Szene keine Musik einzusetzen, weil manchmal keine Musik die beste Musik ist. Auf Musik zu verzichten, kann eine sehr effektive Methode sein, um gewisse Ideen und Emotionen zu transportieren. Aus diesem Grund haben wir uns dafür entschieden, in manchen Szenen keine Musik zu verwenden.
ON: Wie wählen Sie Ihre Darsteller aus?

... nie ohne Sonnebrille!
TM: Die Hauptpersonen in Big Bang Love, Juvenile A werden von Masanobu Ando und Ryuhei Matsuda dargestellt. Ando sah ich zum ersten Mal in Takeshi Kitanos Film Kids Return, worin er eine der Hauptrollen spielt. Ich mochte diese Rolle sehr und war von Masanobu Andos Leistung als Schauspieler begeistert. Ich beschloss deshalb, dass ich zu gegebener Zeit einen Film mit ihm machen wollte. Der andere Hauptdarsteller ist Ryuhei Matsuda, dessen Vater Yusaku Matsuda ein sehr charismatischer und bekannter Filmstar war. Leider verstarb er sehr jung, kurz nachdem er eine grosse Rolle in Black Rain gespielt hatte. Da Yusakus Sohn Ryuhei einen von der Schauspielerei geprägten Lebensstil hat und sehr charismatisch ist, wollte ich ihn für die Rolle des Jun Ariyoshi haben. Allerdings haben meine persönlichen Gründe, weshalb ich ausgerechnet mit diesen Darstellern arbeiten wollte, kaum ein grosse Bedeutung für das Publikum. Speziell die Zuschauer in Übersee wissen nicht viel über die Hintergründe dieser Schauspieler. Wenn man sie in ihren Rollen im Film sieht, geben sie der Geschichte aber eine Bedeutung und haben eine starke Wirkung. Jeder spürt etwas durch ihre Performance, da ihre Art zu spielen, ihre Erfahrungen und ihr Lebensstil anders sind, als jene anderer Menschen.
ON: Vielen Dank für das Gespräch.

