56. Internationale Filmfestspiele Berlin 2006

Das Tagebuch

Lust und Frust am Filmfestival: Die täglichen Erlebnisse der OutNow-Delegation an der Berlinale - von Pleiten, Pech und Pannen, Highlights und Grossstadterlebnissen.


Mittwoch, 8. Februar - Unser Empfang

In Berlin-Schönefeld angekommen, schleppen wir uns bis zur S-Bahn und tuckern in die Stadt. Unsere Bleibe entpuppt sich als Glückstreffer, eine sexy eingerichtete Wohnung im 21. Stock in Berlin Mitte. Vor uns die malerischen Hackeschen Höfe, neben uns der futuristische Fernsehturm. Und bis zum Ort des Geschehens, dem Potsdamer Platz, nur drei U-Bahn-Stationen. Als wir uns noch bei der freundlichen jungen Dame der Wohnungsvermietung erkundigen, wie das so mit Internetverbindung aussieht, meint diese lächelnd: "Kein Problem. Der Empfang ist jut. Einfach einstecken." Perfekt

Dass mit "gutem Empfang" der Fernsehempfang gemeint war, wurde uns allerdings schnell bewusst, als wir während Stunden versuchten, über die verfügbaren Wireless-Netze ins Internet zu gelangen - was mehr schlecht als recht gelang. Na jut. Dann halt noch den Abend mit Filmprogramm-studieren und planen verbringen...


Donnerstag, 9. Februar - Let the Game begin!

Erster Tag. Da wir so weise waren, unsere Presseausweise schon am Vortag einzusammeln, konnten wir das tun, was andere "ausschlafen" nennen würden: Der Wecker nervte erst um zehn Uhr. Das Programm begann locker mit einer einzigen Pressevision, in der der Berlinale-Eröffnungsfilm Snow Cake gezeigt wurde. Danach hiess es Interviews organisieren. Wir schlenderten von Luxushotel zu Luxushotel, in denen die PR-Agenturen ihre Büros hatten. Die Herren und Damen zu überzeugen, dass wir ausgerechnet mit Superstar XY unbedingt ein Interview machen MÜSSEN, erwies sich als nicht besonders einfach.

Die Herren Schauspieler kosten die Agenturen ein Heidengeld, welches nicht zuletzt aus den Taschen der Verleihe kommt. Und viele Filme haben in der Schweiz noch gar keinen Verleiher, weswegen die Agenturen wiederum muffelig werden, wenn da ein paar Schweizer kommen, und ihre Schützlinge interviewen wollen. Aber mit ein paar Interviews hats schliesslich doch geklappt - und bereits gibts erste Terminkonflikte. Jänu, wird schon klappen - mehr zu den Interviews ab Sonntag.


Freitag, 10. Februar - Hey George!

Yuppie, der erste Star! George Clooney gibt gut gelaunt und mit lockeren Sprüchen die Pressekonferenz zu Syriana. Wie immer, wenn ein Sternchen in der Crew des Films sitzt, kriegt dies auch die meisten Fragen. Und zwar über Ausgeh-Einladungen von spitzen Journalistinnen bis zu Aufforderungen, ein Lied vorzusingen. Journis sind schon ein komisches Volk.

Abends stand dann die Party von Nachbeben auf dem Programm. Ein bisschen Schweizer Prominenz wie Samir oder Carlos Leal, aber auch fast der ganze Cast vom Film quasselte gut gelaunt mit einander. Irgendwie verging die Zeit so schnell, jedenfalls schleppten wir uns gut angeheitert gegen drei wieder in unseren Turm.


Samstag, 11. Februar - Bleibt so wie ihr seid!

Menschen wohin man nur guckt, von morgens bis abends. An der Berlinale selber eine ruhige Ecke zu finden ist beinahe unmöglich, aber wer hat auch etwas anderes erwartet. Interessant wird es, wenn man sich die Menschenmassen mal genauer ansieht. Grob lassen sich diese in zwei Kasten einteilen: Akkreditierte und Nicht-Akkreditierte. Während die Akkreditierten ihren Status meist mit möglichst auffälligem präsentieren der Festival-Badge kundtun, zeichnen sich die Nicht-Akkreditierten vor allem dadurch aus, dass sie immer warten. Warten an der Ticketverkaufsstelle, warten vor dem Kinoeingang, warten auf den Star, das Sternchen, warten auf Godot.

Da müssten wir doch froh sein, zu den Mehrbesseren, sprich Akkreditierten zu gehören. Doch gerade unter Journalisten und Fotografen scheint es Gang und Gäbe sein, schlechte Manieren und einen ausartenden Egoismus zur Schau zu stellen... Wir haben versucht, uns entsprechend einzugliedern. Doch an die Fotografen-Manieren kommt man als Website-Redakteur einfach nicht ran. Tja. Am Abendessen kommt die Erleuchtung in Form zweier Berliner Rentner, welche sich im Restaurant für uns Schweizer interessierten: "Bleibt so wie ihr seid! Des is meine Meinung! Bleibt so wie ihr seid! I kanns nua noma sogn! Bleibt so wie ihr seid!"


Sonntag, 12. Februar - Lesen bildet!

Wie im Bundeshaus in Bern liegen auch im Berlinale Filmpalast für die Medienvertreter eine ganze Menge Tageszeitungen auf. Wenn sich die Journalisten durch all die in den persönlichen Fächern hinterlegten Einladungen, Flyer und Pressehefte gekämpft haben, die jeden Altpapiercontainer um das Fassungsvermögens ringen lassen, gibt es zusätzlich drei seriöse und zwei Boulevard-Zeitungen. Letztere bleiben aber immer länger liegen, werden oft nicht einmal angerührt. Der filmischen Hochkultur verpflichtet meidet der weit gereiste Filmjournalist auch Blätter mit Bildern blanker Busen hinten drauf. So scheint es zumindest.

OutNow.CH kennt da keine Skrupel und liest auch den Berliner Kurier und die BZ. Zur Belohnung darf man dann über Bravo Foto-Love-Story-mässigen Zusammenfassungen von Filmen aus dem Wettbewerb schmunzeln. Getreu ihrer Kernkompetenz erkennen die Blattmacher auf den wirr zusammengepatschten Filmstills, die u. a. den Swingerclub in Elementarteilchen zeigen, auch das Pornostarlett Tyra Misoux in einer Nebenrolle. Bestens informiert ist man nach der Lektüre aber auch über allfälliges Edelmetall für deutsche Olympioniken in Turin.

Richtig, Winterolympiade ist ja auch noch. Die Schweiz erscheint aber heute nach vier Entscheidungen noch nicht im Medaillenspiegel. Wir haben also nichts verpasst. Statt Wintersport freut sich OutNow.CH sowieso viel eher auf die 22 sommerlich gekleideten Männer, die einem Ball nachhecheln. "Die Welt zu Gast bei Freunden" würde auch als Slogan für die Berlinale durchgehen. Und Fussballfilme finden sich leicht im Programm, auch wenn im Filmfest der Hauptstadt des Gastgeberlandes der Fussball-WM 2006 die Sonderreihe dem Thema Essen und Kochen gewidmet ist. Ein Fussballfilm aus dem Iran schaffte es sogar in den Wettbewerb. Mehr zu den Streifen um die schönste Nebensache der Welt später...


Montag, 13. Februar - Lindsay Lohan kann schreiben

Pressekonferenzen oder PKs, wie es die Fachleute hier in ihre Mobiltelefone bellen, sind noch langweiliger, wenn man den Film, von dem die Exponenten auf dem Podium gerade reden, nicht gesehen hat. So geschehen heute beim Robert Altmans Prairie Home Companion. Aber was tut man nicht alles für die Autogrammwünsche der daheim gebliebenen Kollegen. Das Disneygirl Lindsay Lohan spielt nämlich mit im Film und hat sich nach Berlin begeben. Und nun ist auch nicht mehr schwer herauszufinden, wer von der Redaktion auf einen "Chribel" wartet.

So lasse ich mir also von LL erzählen, dass es was anderes ist mit einem VW-Käfer zu schauspielern, als mit richtigen Leuten und dass Meryl Streep eigentlich schon alles gespielt hat, ausser eben Herbie, bis der Moderator die wirklich letzte Frage ausruft. Dann trete ich in Aktion. Ich werfe mich in den Pulk. Ich lasse den Altmeister Altman schweren Herzens rechts liegen und nähere mich der heute mal wieder dunkelhaarigen Teenagerin. Und welch Freude! Sie krallt sich einen Filzstift und gibt genau drei Autogramme. Das letzte für mich. Muri wird sich freuen, denke ich. Doch die Freude verfliegt, als ich die Unterschrift der Kollegin zeige. "Hat sie den Kugelschreiber getestet?" ist ihr lakonischer Kommentar. Ob Lindsay des Schreibens mächtig ist, bleibt beim Blick auf das wirre Gekritzel wirklich unklar. Hoffentlich freut sich der Kollege trotzdem darüber. Ich habs wenigstens versucht...


Dienstag, 14. Februar - Wohn- und Verpflegungsimpressionen

Für Filmafficionados ist die Berlinale das reinste Schlaraffenland - fünf Kinobesuche am Tag (selbstredend mit fünf verschiedenen Filmen) schafft man locker, wenn man denn möchte. Daneben die in diesem Tagbuch bereits früher erwähnten PKs und immer mal wieder ein Interview. Doch auch der grösste Kinofreak lebt nicht von Luft und Filmliebe allein (das schaffen noch nicht mal diese speziellen Gesellen). Eine warmes Bett für die tägliche (immer viel zu kleine) Portion Schlaf und ab und zu etwas in den Magen braucht es auch im grössten Festivalfieber.

In diesem Zusammenhang hätten wir es ja eigentlich als standesgemäss empfunden, wenn unser Bett im Ritz Carlton oder im Grand Hyatt gestanden hätte; dann wäre der Weg zu den Interviews jeweils auch etwas kürzer. Mangels Sponsor, der das für eine solche Unterkunft nötige Kleingeld locker gemacht hätte, haben wir uns aber auf eine etwas bescheidenere Bleibe geeinigt. Unser Doppelappartement im 21. Stock ist denn auch ein absolut gemütliches Nachtlager - und ausserdem hundert mal schöner als der öde Campingplatz aus dem französischen Liebesdrama Camping Sauvage. Es hat zwar Redaktoren im Team, die ohne Leintuch auf der blutten Matratze von kahl geschorenen Filmschönheiten träumen und das Internet bockt nach wie vor. Dafür ist der Boden - Putz-Fee sei dank - mittlerweile vom Kies befreit, das uns bei unserer Ankunft von den Berliner Strassen in die Wohnung begleitet hatte und bis vor Kurzem unsere Fusssohlen in bester Kneip'scher Manier massiert

Sogar über eine kleine Küche verfügen wir. Die Portionen in den Berliner Restaurants sind zwar tatsächlich so gross, wie es die Legende besagt und ein ganz kühner Geselle unseres Teams pflegt sich den Bauch jeweils mit den Apérohäppchen zu füllen, die bei Interviewterminen angeboten werden. Aber für den Mitternachtssnack (den wir selbstverständlich nicht im bösen, bösen Wal-Mart einkaufen) ist die eigene "Kitchenette" halt einfach Gold wert. Ausserdem wurde dreien von uns bei Festivalbeginn vom vierten Berlinale-Mitglied ein leckeres Rühreifrühstück versprochen... Wir warten noch drauf. In der Zwischenzeit übe ich mal den aktuellsten Filmtitel-Zungenbrecher: Grbavica.


Mittwoch, 15. Februar - Die um den Goldbär tanzen

Er und sie muss an dieser Stelle auch mal erwähnt werden. Schliesslich geht's in hier in Berlin in erster Linie um die beiden. Dieses Pärchen geht aber bestimmt nicht miteinander ins Bett. Dem Austausch von Körpersäften widmet man sich schon zu genüge auf der Leinwand - bewegte Bilder irgendwelcher Rammeleien gibt es in den Berliner Kinos praktisch täglich. Nein, er ist der internationale Wettbewerb, sie die Jury, die sich jeden Tag zwei Filme daraus anschaut. Das sind zwar nicht ganz so viele, wie die OutNow.CH-Crew sich täglich reinzieht. Wir müssen aber auch nicht noch stundenlang debattieren über die gesehenen Werke. Schreiben würde da schon reichen... (An dieser Stelle mal die Entschuldigung, dass wir trotz allem Eifer nur eine Review pro Tag hochschalten. Kommt Zeit, kommt Review! (Sehen wir's positiv: Die Berlinale dauert auf OutNow.CH so ein bisschen länger.)

Wer zum Berlinaleschluss den goldenen Bären mit nach Hause tragen darf, ist in der Festivalmitte wie immer reine Spekulation. Denn was die achtköpfige Jury so denkt, bleibt kategorisch ihr Geheimnis. Anhaltspunkte geben aber die Sternchenverteiler in der Tagespresse und den Dailies der Branchenblätter. Mehrere Publikationen liefern Listen aller bereits gezeigten Wettbewerbsbeiträge, und lassen internationale und deutsche Kenner der Materie Stellung beziehen. Bös unten durch mussten da der deutsche Überhype Elementarteilchen und das Leibwächtertagebuch El Custodio. Grosse Favoriten auf die Preise sind hingegen Altmans The Prairie Home Companion und Winterbottoms The Road to Guantanamo, der hier in Berlin ziemlich zeitgleich mit dem Auftauchen neuer Bilder aus Abu Ghraib gezeigt wurde. Wenn sich die Jury anders als letztes Jahr nicht vor einer politischen Botschaft scheut, könnte Winterbottom nach 2003 bereits seinen zweiten Bären einheimsen.


Donnerstag, 16. Februar - Fiebrige Routine

Nach einer Woche Berlinale bewegen wir uns schon wie die alten Hasen durchs Festivalgetümmel. Viele Unannehmlichkeiten lassen sich - gewusst wie - vermeiden. Tickets aus dem Kontingent für die Zusatzvorstellungen des nächsten Tages holen wir uns nach dem Beginn der ersten Pressevorführung um 9.00 Uhr, weil es dann keine Schlange mehr hat am Schalter - aber immer noch genügend Sitzplätze. Während den Pressevisionierungen sitzen wir im vierten Stock des Berlinale-Palasts, weil dort das Bild immer noch ziemlich gross ist, die Sitzplätze aber links und rechts nicht besetzt sind, so dass man den Film ohne Klaustrophopie-Attacken gucken kann. Das Schreibzimmer für Journalisten im Pressezentrum meiden wir, weil es dort sowieso immer gerammelt voll und die miesepetrige Administratorentruppe nie auch nur ansatzweise an die zauberhafte Freundlichkeit der dauerlächelnden Aufpasserin im Telefon und Fax-Raum der T-Com herankommt. Sogar die übel parfümierten offiziellen Lanyards mit der Presseakreditierung dran umgehen wir, indem wir - natürlich und voller Stolz - die OutNow.CH Halsbänder um den Nacken binden. Die bekommt man übrigens hier auch für den Heimgebrauch - allerdings nur noch bis Ende Februar.

Doch seit heute hilft uns auch unsere Bauernschläue nicht mehr weiter. Der Schreck sitzt tief und Panik macht sich breit. Die ersten Berliner Schwäne sind schon verendet. Die Vogelgrippe ist in Berlin angekommen! Und leider nicht die von Jürgen Vogel, dessen schauspielerische Leistung in Der freie Wille auch schon als ausserirdisch bezeichnet wurde, sondern das fiese H5-N1. Während die Berliner jetzt schon ängstlich jedes Schwalbennest ausräuchern, nimmt auch in den Kinos rund um den Potsdamer Platz die Hustfrequenz verdächtig schnell zu. Als alte Berlinale-Hasen, wissen wir aber nur zu gut, dass dies eher mit den allgemeinen Ermüdungserscheinungen zu tun hat, die nach einer Periode mit bis zu fünf Filmen täglich und den endlosen Feten, die im winterlichen Berlin oft weit nach Mitternacht beginnen nur allzu normal sind. Die Berlinale-Grippe kommt so sicher wie die Nacktaufnahmen eines weiblichen Fusses im nächsten Tarantino-Film - und länger als die Hühnergrippe gibt es sie auch schon.


Freitag, 17. Februar - Fussballfilme. Ein schwieriges Genre?

WM-Fieber auch im Berlinale Programm. 559 Minuten Nachspielzeit quasi. Wie versprochen vor ein paar Tagen kommen nun all die Filme über die schönste Nebensache der Welt zur Sprache. Fussballfilme in fast allen Sektionen. Nur das Forum wird verschont und die "Traumfrauen"-Retrospektive muss mit Bällen anderer Art auskommen.

In den Wettbewerb schaffte es Offside über die iranischen Mädchen, denen es verboten ist, ins Stadion zu gehen. Ein Kammerspiel, das im kleinen vieles aussagt über die Probleme eines grossen Landes. Im Berlinale Spezial läuft ein anderer Film über Leute in fernen Gegenden, die es nicht einfach haben, dem Kampf ums runde Leder zuzuschauen. In The Great Match versuchen Mongolen, Ureinwohner aus dem Amazonas und Kameltreiber in der Sahara das WM-Finale 2002 am TV zu verfolgen. Ja, sogar diese rückständigen Völker interessieren sich für Soccer. Nicht so aber die Amerikaner. Die New York Cosmos, deren All-Star-Team mit Pelé und Beckenbauer in Nordamerika kurzfristig für volle Stadien sorgte, sind heute nur noch ein Mythos, dem die mit kultiger Musik unterlegte Doku Once in a Lifetime nachgeht (Ebenfalls Berlinale Spezial). In der Panorama-Sektion tschutten die schwulen Isländer um Akzeptanz beim Fussballverband. Eleven Men out ist trotz Shirts, auf denen steht "I did Beckham", ernster als der ähnlich angelegte Männer wie wir. Auch guatemaltekische Prostituierte fordern via Fussball mehr Respekt. Deren Film heisst Estrellas de la línea und läuft auch im Panorama.

Wie an der WM in Sachen Fussball wollen die Gastgeber beim Film auch nicht abseits stehen. Sie fragen schlicht Warum halb vier? und meinen damit konkret die Anspielzeit der Bundesligaspiele am Samstag, im grossen ganzen aber alles, was direkt mit dem Ballspiel zusammenhängt. Diese Doku aus der Sektion "Perspektive Deutsches Kino" schafft es, aus über 130 Stunden Material 80 Minuten herauszufiltern, in denen vom Psychostress des Profispielers bis zur Minderheit der weiblichen Fans jedes erdenklich Thema gestreift wird. Da spielen die Deutschen - hoffentlich im Gegensatz zur Fussball-WM - locker an der Spitze vorne mit.

19.02.2006 / neh, rm, rs, th