Howl's Moving Castle - Hauru no ugoku shiro (2004)

Das wandelnde Schloss

Interview mit Hayao Miyazaki (Director)

Hayao Miyazaki

Hayao Miyazaki

Mit Hayao Miyazaki traf sich OutNow.CH anlässlich des Filmfestivals 2005 in Venedig. Der weltweit bekannteste und erfolgreichste Regisseur von japanischen Zeichentrickfilmen begann seine Karriere 1963 als Zeichner bei Studio Toei und arbeitete unter anderem auch bei der TV-Zeichentrickserie Heidi mit. Mit der deutschen Erkennungsmelodie von Gitti und Erika (Deine Welt sind die Berge) hat er zwar nichts zu tun. Doch das Lied kann heute noch jeder im deutschen Sprachraum mitsummen.

Trotz grossen Erfolgen mit den Filmen in seiner Heimat war Hayao Miyazaki im Westen lange Zeit nur bei Insidern bekannt. Seit Mononoke Hime und vor allem Spirited Away, wofür er mit dem Oscar und dem goldenen Bären in Berlin ausgezeichnet wurde, hat sich das geändert. Sein neuester Film heisst Howl's Moving Castle.

Das OutNow.CH-Interview wurde mit einer Übersetzerin geführt. Es war nicht immer leicht, ihr Englisch zu verstehen. Die deutsche Übersetzung erfolgte nach bestem Gewissen.

» English Original

OutNow.CH (ON): Wie wichtig ist für dich den Ehrenlöwen in Venedig zu bekommen? Du bist schliesslich weder nach Berlin noch nach Los Angeles gereist um den Goldenen Bären oder den Oscar für Spirited Away in Empfang zu nehmen.

Hayao Miyazaki (HM): Ich hasse es, zu werweissen, ob ich nun den Preis gewinne oder nicht. Hier konnte ich mir ja ganz sicher sein. Deshalb bin ich auch gekommen. (Pause) Eigentlich drängte mich aber Marco Müller so sehr, dass ich schliesslich aufgab, mich zu wehren. (Er lacht.)

Geht auf Nummer sicher.

Geht auf Nummer sicher.

ON: Man nennt dich auch den Gott des Anime. Kann man mit diesem Status noch ein normales Leben führen?

HM: (Rollt die Augen) Ich lebe das ganz normale Leben eines älteren Herren. Ich gehe Einkaufen - auch Lebensmittel - und sitze gern in kleinen Cafés.

ON: Es gibt viel Sekundärliteratur über dich. Liest Du die ab und zu?

HM: Ich muss vorausschicken, dass ich keinen Internetanschluss habe. Deshalb verpasse ich vieles. Aber ich habe auch ein friedliches Leben. Viel davon lese ich wirklich nicht. Ganz selten habe ich Bücher über mich gelesen, die von Kritikern geschrieben wurden. Aber dann werde ich immer so aggressiv und will alle verhauen. Aber dafür wäre ich sowieso zu schwach.

ON: Wieso verhauen?

HM: Die verstehen mich einfach nicht. Sie checken es einfach nicht.

ON: Stehst du in Konkurrenz zu anderen Künstlern?

HM: Ein friedfertiges Herz schaut nicht darauf, was die anderen machen. Weil ich keine Filme und kein Fernsehen schaue, komme ich ohne viel Visuelles klar. Ich bin nicht gross interessiert. Ich spaziere lieber und betrachte die Szenerie um mich herum.

ON: Was verbindet dich mit den jungen japanischen Filmemachern? Ist es einsam an der Spitze?

Einsam an der Spitze?

Einsam an der Spitze?

HM: Diese Einsamkeit, von der du redest, spüre ich nicht. Manchmal fühle ich mich ein bisschen ausbeuterisch, wenn ich Filme mit ihnen mache. Was den Einfluss bestimmt: Es gibt da einen Zeichner, den ich schon seit 20 Jahren bitte, mit mir zu arbeiten. Er hat bis heute noch nicht zugesagt. Ich denke deshalb nicht, dass ich viel Einfluss habe auf die Jungen.

ON: Die eigentliche Animation ohne Nullen und Einsen ist eine alternde Kunst. Spürst du, dass sie langsam mit deiner Generation verschwinden könnte, oder gibt es neue Talente?

HM: Ist gibt nicht mehr so viele in der Art wie mich. Die neue Generation interessiert sich ausschliesslich für die die 3D-Animation. Der althergebrachte Stil könnte deshalb verschwinden, ja.

ON: Was ist deine Meinung zum traditionellen Animationsstil?

Szene aus Spirited Away

Szene aus Spirited Away

HM: Beim Trickfilm zeichnet man mit dem Stift sehr viele Zeichnungen. Man weiss nicht von Anfang an, welchen Strich man machen wird. Man entdeckt ihn auf dem Weg. All diese kleinen Entdeckungen machen für mich die Animation interessant. Der Prozess als Ganzes. Währendessen man bei der anderen Art, alles schon von Beginn an bestimmen muss.
Nehmen wir eine Figur, die von hier nach da läuft. (Er zeigt es mit seinem Feuerzeug). Wir wissen, sie startet hier und endet da. Wir wissen schon wo's lang geht. Ich zeichne also etwas, das schon entschieden ist.
Die andere Sichtweise ist, dass er vielleicht den Ort niemals erreichen kann. Lass uns hypothetisieren, dass er es nicht schaffen wird, dahin zu gelangen. Was machen wir jetzt? Wir müssen den Lauf der Geschichte ändern. Es gibt vielleicht andere Routen, andere Möglichkeiten, die sich ergeben. Das macht die 2-D Animation interessant. Ansonsten kannst du einfach die langweile Strecke abgehen.
Natürlich mache ich auch Storyboards und gebe sie meinen Zeichnern, damit sie damit arbeiten können. Es kommt auch vor, dass ich danach einen Fehler bemerke. Man entdeckt zum Beispiel, dass es ein Fehler war, die Figur hier starten zu lassen und dorthin zu bringen. Das kann man wahrscheinlich bei der 3D-Animation dann auch wieder ändern, aber es kommt viel zu teuer.
2D-Animation zu machen bedeutet, die Linie zu finden, die sich in Dir befindet und sie per Bleistift rauszulassen. Während dem du einen Bleistift benutzt, solltest du dein Bewusstsein ausschalten. Das können 90 Prozent meiner Leute nicht. (Er lacht). Es gibt aber ein paar Zeichner, die ihr Unterbewusstsein benutzen. Leider haben wir noch nicht so viele davon gefunden. Weil, wie ich schon sagte, viele davon zu viel Virtual Reality gesehen haben und ihr erlegen sind. Traditionelle Animation ist deshalb eine Industrie für Senioren geworden.

ON: Was denkst du von den Pixar Studios und deren Filmen?

HM: Ich denke John Lasseter (Regisseur der beiden Toy Story Anm. d. Red.) Filme macht einen fantastischen Job. Ich würde ihm nie raten 2D zu machen, genauso wenig wie er mir 3D nahe legen würde. Wir bleiben beide innerhalb unserer Territorien. Ich mache mir aber Sorgen um seine Gesundheit. Er arbeitet viel zu viel. Ich kam mit meiner Frau nach Venedig. Normalerweise bin ich aber auch ein Workaholic. Vor lauter Arbeit hatte ich wenig Zeit für Frau und Kinder. Ich überliess die Arbeit zu Hause meiner Frau. John Lasseter hat viel Arbeit, ist ein guter Vater und hat noch Hobbies nebenbei. Er arbeitet fünf Mal mehr als ich. Deshalb mache ich mir Sorgen um seine Gesundheit.

ON: In vieler deiner Filme gibt es ökologische Bedenken. Machst du dir über den Zustand der Natur sorgen und benutzt du deine Filme, um eine Botschaft zu übermitteln?

HM: Ich mache meine Filme nicht, um ökologische Botschaften zu vermitteln. Weil aber Ökologie wichtig ist, und sie Teil meiner persönlichen Wertvorstellung ist, kommt das Problem in meinen Filmen vor.

ON: Was hast du über Europa zu sagen?

Prinzessin Mononoke

Prinzessin Mononoke

HM: Heidi, Porco Rosso und Howl's Moving Castle spielen alle in Europa. Wahrscheinlich lesen wir mehr Europäische Literatur als Japanische, wenn wir aufwachsen. Bücher aus Russland, Frankreich, Grossbritannien. All diese Einflüsse werden vermischt. Manchmal vergesse ich dabei, wo ich all die Sachen zuerst aufgeschnappt habe. Auch Musik, Kunst und Filme aus Europa beeinflussen uns. Und deshalb möchte ich meine Filme nicht nur einfach japanisch sein lassen. Es gibt so viele Orte, die mich interessieren. Ich möchte einfach das machen, wofür ich mich interessiere.
Es gibt Ideen zu Filmen über Japan, die ich gerne machen würde. Aber wegen des Modernismus wurde in Japan alles sehr unklar. Es ist sehr schwierig, wirklich japanisches in den Geschichten zu finden. Ich denke nicht, dass ich je einen Film gedreht habe, der Japan genau so zeigte, wie ich wollte. Ich würde aber gerne einen Film über eine Geschichte machen, die mir meine Mutter erzählt hat, über das Leben im armen Japan. Aber das ist ein schwieriges Projekt, weil es viel zu viel Literatur gibt, die nur über das Leiden, das die Leute erdulden mussten, wegen des Modernismus berichten. Er brachte aber auch Freude, und darüber existiert fast keine Literatur. Deshalb ist es so schwierig, einen Film zu drehen, weil kein Material darüber besteht. Alles muss selber erarbeitet werden. Es gibt noch keine Ideen und zu wenig Talente für solche Ideen.

ON: Wie gehst du mit dem Verlust traditioneller Werte in Japan um? Denkst du, es passiert wegen dieser Art von Modernismus?

HM: Viele Aspekte des Modernismus wurden von viele Leuten diskutiert. Wir müssen aber an die Zukunft denken. Ich würde gerne tiefer in die alten, authentischen urchigen Werte graben, die im kollektiven Gedächtnis der Japaner immer noch eingebettet sind. In den Herzen der Kinder, sind sie immer noch, auch wenn ein Teil davon durch den heutigen Lifestyle verloren ging. Deshalb will ich die Gedanken der Kinder erreichen, damit wir darauf aufbauen können.

ON: Ich habe auch gehört, dass du dich für Poesie und Architektur interessierst. Wie beinflusst das deine Filme?

HM: Das ist nur ein Hobby. (Er lacht.). Ich hab da noch andere, von denen ich dir gar nicht erzählen darf.

ON: Was kommt bei der Arbeit an einem Projekt zuerst, die Bilder oder die Geschichte?

HM: Natürlich das Bild. Die Geschichte machen wir nur, damit das Bild funktioniert. (Er lacht.) Es gibt aber Momente, wo ich ein Bild bemerke, dass ich benutzen wollte, aber dann realisiere, dass es nicht in die Geschichte passt und ich mit nichts dastehe am Ende.

ON: Es ist also unvorhersehbar?

HM: Ja. Man weiss bis zum Schluss nicht, was passiert.

ON: Arbeitest du an einem neuen Film?

HM: Zur Zeit sind drei Kurzfilme in Arbeit, die nur im Ghibli-Museum in Tokyo gezeigt werden. Wir arbeiteten gleichzeitig an allen dreien und es dauerte ein Jahr, sie zu machen. Der Produzent macht sich schon Sorgen wegen des Geldes (Er lacht.). Ich denke aber die werden gut.

ON: Worum geht es?

HM: Ich weiss nicht, ob der Käfer in Italien existiert. Es handelt sich um eine Wasserspinne, die unter Wasser lebt und sich verliebt. Die Spinne atmet mit dem Hintern. Sie muss deshalb an die Oberfläche kommen, eine Luftblase schnappen und dann wie ein Taucher wieder runter gehen. Mehr möchte ich eigentlich nicht erzählen.

ON: Woher ziehst du die Inspiration dafür?

HM: Es war ein kleiner Comic Strip über die Spinne, die im Wasser lebt. Sie blieb mir im Gedächtnis hängen.

08.09.2005 / mazemaster, andri, rm