Don't Come Knocking (2005)

Interview mit Wim Wenders

Wim Wenders

Wim Wenders

Der deutsche Regisseur Wim Wenders bekam am Filmfestival von Locarno 2005 einen Ehrenleoparden. Sein neuester Film Don't come Knocking feierte schon in Cannes Weltpremiere, aber da er an einem Samstag auf der riesigen Open-Air-Leinwand der Piazza Grande gezeigt wurde, schauten ihn sich mehr als 7000 Menschen an diesem Abend.

OutNow.CH traf die Legende des Films am nächsten Tag in einem Fünfstern-Hotel in Ascona. Unser Weg dorthin war fast so abenteuerlich wie Howards Suche nach seinen verlorenen Kindern in Don't come Knocking. Nach ein paar Minuten "Warten auf Wim" im hoteleigenen Kräutergarten gewährte man uns ein kleines Zeitfenster mit dem Deutschen hinter dem Hotelkomplex. Die Live Big Band am Pool hätte wohl jegliche seriöse Aufnahme von Wenders Worten an irgendeinem andern Ort im Hotel verhindert. Aber oh weh, es windete stark. Zwar nahm Wenders' Frisur keinen Schaden - wie auch? - aber die Minen der anderen Journalisten verfinsterten sich mit dem Blick auf ihre MiniDisk-Recorder. Für OutNow.CH war es kein Problem. Wenders sprach so langsam, dass er auch bei doppelter Geschwindigkeit abgespielt immer noch klar verständlich war auf dem Tonband, als wir das Gespräch abtippten.

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ON: 1984, nach Paris Texas, hast du gesagt, dass nun zum ersten Mal das auf dem Bildschirm ist, was du dir ausgeheckt hast. Kann man selbiges auch über Don't come Knocking sagen?

WW: Bei Paris, Texas habe ich mit einem unvollendeten Drehbuch begonnen. Sam Shepard sollte eigentlich bei Drehstart dabei sein, war er aber nicht. An Don't come Knocking haben Sam und ich so lange gearbeitet, dass es schlussendlich makellos war. Er war ein sehr ausgeklügeltes Script. Man könnte fast sagen, dass es das durchdachteste und am besten strukturierte Werk war, das ich jemals gemacht habe. Genau so wollte ich den Film drehen. All die anderen Filme, die ich in den letzten Jahren gedreht habe, entstanden aus einer allgemeinen Aufregung. Land of Plenty wurde in wenigen Wochen gedreht. Während meinen letzten Filmen, inklusive The Soul of a Man, haben wir beide ständig am Skript gearbeitet. Für Don't come Knocking haben wir uns dreieinhalb Jahre Zeit gelassen. Die Geschichte reifte wie guter alter Wein, bis wir uns endlich ans Drehen machten.

Howard the Coward?

Howard the Coward?

ON: Wie viel von Sam Shepard verkörpert Howard?

WW: Sam ist nur ein bisschen wie Howard. Er ist sehr selbstständig, mag Pferde und kümmert sich nicht viel um Technik - er benutzt noch immer eine alte Schreibmaschine. Doch Sam hat einen grossartigen Sinn für Familie. Seine Kinder sind sein Ein und Alles. Beim Ausarbeiten der Figur Howard stand es für uns fest, dass er hoffnungslos sein sollte. Von Szene eins an hatten wir eine gewisse Distanz zur Figur. Wir wussten bereits während des Schreibens, dass Sam als Schauspieler sich anstrengen werden muss, um Howard leben zu lassen. Die anderen Charaktere hatten stark zu sein, da es Howard an Stärke fehlt. Besonders die Frauen mussten starke Charakter aufweisen. Mitunter ein Grund, warum das Casting der drei Frauen aus Howards Leben so wichtig war. Seine Tochter Sky ist ein besonders wichtiger Charakter. Sie ist diejenige, die Howards Leben eine neue Richtung, einen neuen Sinn geben kann. Als ich Sarah Polley das erste Mal sah, wusste ich dass nur sie es sein kann.

ON: Kann man denn sagen, dass die amerikanische Landschaft selber fast ein Filmcharakter darstellt?

WW: Der amerikanische Westen ist ein sehr aussagekräftiger Ort. Ich kenne keinen anderen Ort, der so viel zur Geschichte beiträgt. Sobald du die Kamera und deine Schauspieler in dieser Umgebung aufstellst, wird die Geschichte lebendig. Natürlich hätten wir die Geschichte auch anderswo erzählen können - der verlorene Vater ist eine universelle Geschichte. Aber der amerikanische Westen gehört allen, es ist beinahe eine Landschaft ausserhalb der USA. Ein Junge in Japan kann sich wohl genauso damit identifizieren wie ein Junge wie ich in Deutschland, als ich den ersten Western sah und die Bücher von Karl May las. Dieser schrieb über sechzig Bücher über den amerikanischen Westen, obwohl er Deutschland nie verlassen hat. Ich fühlte, dass die Gegend auch mir gehörte, weil ich alle diese Personen kenne, die sie entdeckten und erforschten. Das waren Deutsche und Franzosen und Skandinavier. Ich wusste schon in jungen Jahren, dass es die Amerikaner nicht gibt. Amerikaner sind einfach Menschen, die in Amerika eintrafen. Wir sind das. Dieser Westen gehört mir.

ON: Du scheinst mit dem Dorf Butte in Montana eine enge Beziehung zu haben. Hat sich das nun mit dem Drehschluss geändert?

WW: Ich fühl mich sogar noch näher zu Butte als zuvor. Ich fühle mich verantwortlich für das Städtchen, da ich es vor 25 Jahren entdeckt habe. Ich wollte dort bereits vor einem Vierteljahrhundert einen Film drehen. Ich kam immer wieder zurück und fotografierte die Stadt. Ich hatte das Gefühl, es irgendwie zu besitzen. Niemand kannte diese Stadt. Jedes mal fragte ich die Einwohner beinahe eifersüchtig, ob inzwischen jemand dort einen Film plant. Doch immer war die Antwort, dass sich niemand für Butte interessiert, und ich war jeweils erleichtert. Nun, da ich dort gedreht hab, fühl ich mich irgendwie dafür verantwortlich. So gelang es uns beispielsweise, den M&M Coffee Shop wieder zu eröffnen. Ich hatte dort mehr als zwanzig Mal gefrühstückt in den vergangenen Jahren. Als wir endlich zum Drehen eintrafen, war es zum ersten Mal seit über hundert Jahren geschlossen. Im Innern hat nichts geändert gehabt, aber der neue Besitzer wollte es nicht mehr weiter betreiben. Wir empfanden dies als Skandal. Wir haben das Lokal aufgeräumt und damit den Besitzer überzeugen können, es wieder zu öffnen. Inzwischen ist es sehr erfolgreich, und wir haben dabei geholfen. Ich hoffe wirklich, dass Butte wieder lebendiger wird. Es hat eine erstaunliche Geschichte. Es ist ein sehr liberales Dorf in einem sehr rechtslastigen Bundesstaat. In Butte wurden Gewerkschaften gegründet. Es hat seine Geschichte von Streiks und Arbeiterbewegungen. Es ist ein einzigartiger Ort. Ich hoffe, die Amerikaner beginnen, ihn zu würdigen. Sie haben leider kaum Respekt für ihre eigene Geschichte.

ON: Wie erklärst du dir das?

WW: Ich weiss nicht. In Amerika lebt jeder nach dem Prinzip, dass alles Profit machen muss. Geschichte scheint kein Profit zu machen, ausser man macht daraus einen Vergnügungspark und verkauft Eintritte. Sie haben einige ihrer wertvollsten Schätze vergessen. Der Blues zum Beispiel wäre lange vergessen, wenn nicht einige Regisseure ihn wieder aufleben lassen hätten.

ON: Rechnest du dir denn die Wahrscheinlichkeit aus, einen Gewinn zu erzielen, bevor du einen Film drehst?

WW: Das ist ein guter neuer Ansatz. Ich werde mir darüber in Zukunft Gedanken machen. (lacht) Nein. Ich habe nie Filme gemacht, um Geld zu verdienen. Ich mache Filme, weil ich ein Geschichteerzähler bin und weil ich Landschaften und Charaktere mag. Weil ich etwas finden will, das an einem bestimmten Ort erzählt werden muss. Natürlich, je mehr Leute den Film sehen umso besser für mich. Aber das ist nicht warum ich Filme mache. Ich bin kein industrieller Filmemacher.

Es.... ist.... ein.... deutscher.... Regisseur.

Es.... ist.... ein.... deutscher.... Regisseur.

ON: Denkst du, die Amerikaner verstehen dich, wenn du nach Amerika gehst und diese Art von Film drehst?

WW: Amerikaner schon. Aber ich bezweifle, dass amerikanische Filmkritiker es können. Als wir Paris Texas machten schrieben alle, dass sie keine europäischen Filmemacher brauchen, um zu erzählen wie sie leben. Sie würden sich selber besser kennen. Die Amerikaner mögen es nicht, wenn man sie beobachtet und beschreibt. Sie machen genau dies zwar mit allen anderen, aber sie wollen nicht, dass man ihnen den Spiegel vorhält.

ON: Sind deine letzten beiden Filme eine Art Beschreibung der heutigen amerikanischen Gesellschaft?

WW: Wenn du die beiden Filme zusammen betrachtest, erkennst du ein Vakuum in diesem Land. Es ist im Begriff, politisch und kulturell zu implodieren, wegen seiner inneren Leere.

ON: Könnte denn Europa die Antwort auf diese Leere sein?

WW: Nein. Europa hat eine komplett andere Tradition. In Europa hatten wir schon immer Nachbarn, Grenzen und verschiedene Sprachen. Es gibt hier verschiedene lokale Geschmäcker und eine Gesprächskultur, die die Amerikaner nie hatten.

ON: Wenn wir schon vom lokalen Geschmack in Europa sprechen, hast du eigentlich je das Hollywood-Remake von Der Himmel über Berlin, City of Angels kommentiert?

WW: Es war kein allzu schlechter Film, er hätte viel schlimmer sein können. Ich fand die Schauspieler gut. Es war überraschend, wie mein Film - welcher nicht wirklich eine Story hatte - in etwas verwandelt wurde, das nichts ausser der Story vorweisen konnte. Viele Dinge passieren. In meinem Film jedoch passiert nichts. Das ist der Grund, warum ich ihnen die Filmrechte für das Remake verkauft habe. Sie offerierten mir Geld für eine Geschichte, die ich nie geschrieben hab. Ich hab eingewilligt und gedacht, dass sie verrückt sein müssten.

ON: Einmal hast du eine Werbung für die Schweizer Zigarettenmarke Parisienne gedreht. Was hat dich denn veranlasst, da zuzusagen?

Was Wenders mit der weissen Karte machte...

Was Wenders mit der weissen Karte machte...

WW: Es war die einzige Werbung, bei der ich die "Cart Blanche" hatte. Sie sagten mir, dass sie gar nicht wissen wollten, was ich mache. David Lynch, Godard und all diese Filmemacher haben kleine Filme mit einer Minute Spielzeit gedreht. Es war nicht mal nötig, dass die Schauspieler rauchten. Ich fand das interessant. Du kannst sonst keine Werbefilme machen, bei denen du ein Budget erhältst und freie Hand hast. Wunderbar! Das war das einzige Mal, dass mir so eine Arbeit angeboten wurde.

ON: Perfekte Bedingungen also?

WW: Genau. Und man kann so was nur einmal machen - nach mir waren die Coen Brüder dran.

04.08.2005 / rm, th, pj