A Dirty Shame (2004)
Interview mit John Waters

John Waters scheint jede Gelegenheit für einen Besuch in der Schweiz zu nutzen. Vor weniger als zwölf Monaten führte er höchstpersönlich durch eine Ausstellung seiner Fotos im Fotomuseum Winterthur. Nun weilt der so genannte "Pope of Trash" für die Promotion seines neuesten Films im Land, der endlich auch in der Schweiz gezeigt wird. A Dirty Shame ist ein deftiger Blick auf den Kulturkampf zweier sexuell unterschiedlich aktiven Gruppen in Baltimore. Mit OutNow.CH sprach John Waters über grosse Brüste, die "Love Life"-Kampagne und den bevorstehenden DVD-Release vom Director's Cut von Cry-Baby.
OutNow.CH (ON): Seit deiner letzten Reise in die Schweiz anlässlich der "Change of Life"-Austellung in Winterthur ist nun knapp ein Jahr vergangen. Hast du eine spezielle Verbindung zur Schweiz?

John Waters
John Waters (JW): Ich liebe die Schweiz. Wegen meiner Ordentlichkeit, behaupte ich ja immer, dass ich ein Schweizer im Körper eines Amis bin. Es ist das einzige Land, wo die Reichen es im Griff haben, ohne vulgär zu wirken. Normalerweise hasse ich die Bonzen, aber hier sind sie okay. Ich habe ein paar gute Freunde in der Schweiz. Ich mag die Alpen. Ich kann nicht Ski fahren, aber ich liebe Skigebiete, weil ich dort immer der Einzige bin, der mit dem Lift runter fährt. Zürich ist eine grossartige Kinostadt und ein freundliches Pflaster für zeitgenössische Kunst.
ON: Vielleicht sind dir die neuen Plakate der "Stop-AIDS"-Kampagne aufgefallen, die zur Zeit in der ganzen Schweiz zu sehen sind. Hollywoodstars mit Schweizer Wurzeln machen das Victory-Zeichen neben Slogans wie "Sperma und Blut nicht in den Mund". Was denkt sich John Waters, wenn er so etwas sieht? (OutNow.CH zeigt ihm zwei Motive mit Marc Forster und Renée Zellweger)
JW: Grossartig. Ich bin an Provincetown erinnert, ein Städtchen in Küstennähe, das von vielen Schwulen bevölkert ist. Als ich dort am Strand entlang lief, sah ich diesen Stand, der von Parkwächtern, die Broschuren verteilten, aufgestellt wurde. Ich dachte, die informierten über die Natur und die Dünen, doch der Titel der Broschure war "Anilingus und Du". (Er beginnt zu lachen). Das ist in etwa dasselbe. In den USA würden Stars nie und nimmer etwas sagen wie "Sperma und Blut nicht in den Mund"! Aber es ist gut, dass man diese Plakate sieht. Der Vatikan sollte sie aufhängen. Ich kenne 22-Jährige mit AIDS und es ist erschütternd.
ON: Woher hast du die Infos über all die Fetische, die in A Dirty Shame vorkommen? Das Bärenphänomen unter Schwulen, gibt es das wirklich?
JW: Niemand hat Blut oder Sperma im Mund in meinem Film! Aber das Bärenphänomen ist riesig. Lass Google mal nach "Bär und Zürich" suchen, und du wirst staunen. Es gibt drei Ratgeberbücher zum Thema in den Buchhandlungen. Alle Schwulen wissen davon, nur die Hetis haben keine Ahnung. Es ist seltsam, aber sehen in Amerika nicht alle heterosexuellen Männer in den Vierzigern aus wie Bären. Sie wissen es einfach noch nicht.
ON: Gab es Fetische, die du gerne gezeigt hättest, aber sie dann schlussendlich trotzdem fallen lassen musstest?
JW: Faustverkehr und Natursekt habe ich nicht gezeigt. Das wäre nicht lustig gewesen und ist zudem frauenverachtend. Ich habe lächerliche Fetische genommen, wie Leute, die gerne gekitzelt werden. Oder solche, die nicht schon Verwendung fanden in meinen Filmen. Fussfetischismus und Zehen lecken habe ich schon mal gezeigt. Die wollte ich nicht wiederholen.
ON: Ist es heutzutage schwerer die Leute zu schockieren?
JW: Ich habe nie versucht, die Leute zu schockieren. Das einzige für mich schockierende in A Dirty Shame ist die Szene, wo einer das Blumenwasser aus der Vase trinkt, weil das wirklich ekelerregend ist.
ON: Vor zehn, fünfzehn Jahren gab es die Geständnisse der Talkshows am Nachmittag noch nicht. Deshalb sind die Leute abgebrühter.
JW: Gerade diese Shows werden von der unteren Mittelklasse gesehen. Meine Filme kommen bei diesen Leuten nie richtig an. Als man testete, bei wem meine Film am besten ankommen, waren es immer die reichsten Quartiere mit der höchsten Bildung. Das beleidigt mich. Ich will, dass das Volk meine Filme sieht, aber die Elite hat mehr Freude daran. Die Helden meiner Filme sind immer aus der Arbeiterklasse und die Elite stellt die Bösen. Trotzdem werden sie von der Elite geliebt.
ON: Du machst nur Spass über Dinge, welche du magst. Was ist das bei der Hartford Road aus deiner Heimatstadt Baltimore?
JW: Ich treibe mich in der Gegend seit Jahren rum. Ich frequentiere die Bikerbar aus dem Film, die wirklich existiert. Es sind einfach normale Leute, mit denen man nicht über Showbusiness reden muss. In diesem Quartier wurde ausserdem noch nie ein Film gedreht. Das bedeutet, dass die Leute viele angenehmer in der Zusammenarbeit sind, weil sie nicht wissen wie höllisch so ein Filmset werden kann. Zweitens waren sie sehr unverklemmt. Ich malte mir schon die Probleme aus, die sie uns wegen dem infantilen Mann und den in die Bäume geschnitzten Penissen machen würden. Aber man war sehr dankbar.
ON: Auch nachdem der Film ins Kino kam?
JW: Alle waren an der Premiere. Alle Biker standen Spalier vor dem Kino. Nur eine Frau hat sich am Radio wegen der Pimmelbäume beschwert. Die seien schlecht für für die Schulkinder.
ON: Hat die Ironie das goldene Zeitalter des Trashs zerstört?

Chesty Morgan
JW: Nein, das war Hollywood. Die waren auf das Geld aus. Die Zeit der Exploitationfilme war vorbei, als sie begannen, Sachen zu zeigen, die sie vorher nicht wagten. Als die Pornographie legalisiert wurde, passierten zwei Dinge: Hollywood schnappte sich den Trash und die Pornoindustrie den übrig gebliebenen Sex. Jegliche Art von Exploitation war somit zunichte gemacht. Diese Filme gab es nur, weil Hollywood sich nicht traute, solche Sachen zu zeigen. Bald wird Hollywood auch Penetrationen mit grossen Stars zeigen. In Europa ist es ja schon so weit. Ich bin aber nicht sicher, ob das eine gute Idee ist. Richtige Stars sehen dämlich aus, wenn sie auf der Leinwand Sex haben.
ON: War Chesty Morgan eine Inspiration für Ursula Udders?
JW: Das war sie, ja. Ich kenne den momentanen Aufenthaltsort von Chesty Morgan. Sie leitet ein Mietshaus in Miami und sie sieht blendend aus. Sie ist sehr stolz auf ihre Karriere. Sie hatte definitiv einen Einfluss auf mich. Ich verwendete schon Szenen aus Double Agent 75 in Serial Mom. Ich kannte Doris Wishman, welche diesen Film drehte. Sie starb vor zwei Jahren. Chesty selber habe ich aber nie getroffen. Ich kenne aber Leute, die sie trafen und ich habe auch Bilder von ihr, die sie mir mit Widmung unterschrieben hat.
ON: Hast du verschiedene Brustgrössen getestet bei Selma Blairs Prothesen? Waren die auch mal zu gross?
JW: Es kam vor, dass sie zu gross waren. Wir befanden und im Grenzgebiet, weil sie ja eigentlich lächerlich wirken sollten. Es gibt Frauen mit so grossen Titten in den Pornofilmen aus dem Monstertittengenre. Aber sie haben sie genau richtig hingekriegt. Wir haben gezeichnet und Bilder am Computer gemacht, auch mit Bildern vom Selma, damit wir genau wussten, wie gross sie in Relation zu ihrem Körper sein mussten.

Jimmy Knoxville und Waters
ON: Auch Jimmy Knoxville spielt mit. Bist du ein Fan von Jackass?
JW: Sehr sogar. Ich liebe Jackass!
ON: Denkst du, die Show ist für Schwule?
JW: Das sagt er. Ich denke nicht. Ich habe ihn immer gefragt, wann er endlich einen Schwulenfilm dreht. Er antwortete, was ich denn denke, was Jackass darstellen sollte. Er ist aber ein Heti. Es ist eigenartig, weil ich denke, die Show richtet sich an heterosexuelle männliche Teenager. Sie zeigt aber trotzdem nackte Männer. Das ist verwirrend und witzig. Wenn im Film zwei Heti-Jungs beim Wichsen gezeigt werden und der eine sagt "pfui", ist das das komplette Gegenteil von dem was man in Schwulenpornos normalerweise sieht.
ON: Wie hast du David Hasselhoff von seiner Rolle überzeugt?
JW: Ich habe ihm einfach das Drehbuch geschickt. Er parodierte sich ja schon in Spongebob Squarepants und mir wurde gesagt, er habe Sinn für Humor. Ich hatte leichten Bammel, ihm auf der Toilette Regieanweisungen zu geben. Ihn zum Grunzen zu animieren, war schon seltsam. Ich wusste nicht, wie weit ich gehen konnte, weil ich ihn ja kaum kannte. Wir machten drei Takes, und er war zufrieden. Er nahm Frau und Kind mit aufs Set.
ON: Inwiefern werden sich die die beiden Schnittfassungen unterscheiden, die von A Dirty Shame auf den Markt kommen?

Who's your daddy?
JW: Alles wird anders. Jedesmal wenn sie ein Schimpfwort benutzten, musste ich die Szene nochmals drehen für die Fernsehauswertung. Das ist gesetzlich vorgeschrieben. Als Johnny Knoxville Tracy Ullman oral befriedigt, kommt er wieder ins Bild mit einem Schuh und sie sagt: "Hör auf, mir die Füsse zu lecken!". Ich musste das bei all meinen Filmen tun, benutzte diese Szenen aber nie. Diesmal werden wir sie aber als die Neuter-Version (die geschlechtslose Version) veröffentlichen. Ein billiger Trick, damit sich die Leute die DVD kaufen. Die DVD mit dem höheren NC-17 Rating wird den Audiokommentar und all die Extras enthalten. Sogar das Cover musste geändert werden. Ursulas Titten sind hinter Jimmy Knoxville. Alles wurde neutralisert!
ON: Fans warten gespannt auf den Director's Cut von Cry-Baby auf DVD. Kann man darüber schon was verraten?
JW: Ich freue mich darauf, weil das der einzige Film von mir ist, den es noch nicht auf DVD zu kaufen gibt. Ich fügte zwei Musicalnummern ein und ein paar weitere Handlungsstränge. Auch mit an Bord sind Extraszenen vom Ende: Die Stellen, wo Tracy Lords von Toe Joe gekidnappt wird. Die neu eingefügten Teile sind unter anderem Iggy Pop, der einen skurilen Tanz vorführt. Da wird einiges geboten!
ON: Hatte Johnny Depp seine Hände im Spiel bei der Produktion der DVD?
JW: Johnny hat ein Interview gegeben und es ist grossartig. Sie haben alle von damals wieder für Interviews zusammengetrommelt. Sogar Hatchet-Face, die heute ganz anders aussieht. Bei Johnny sieht man überhaupt nicht, dass er gealtert hat, wenn man zwischen dem neuen und dem Archivmaterial hin und her schaltet. Fast wie bei Dorian Gray. Er trägt auch so einen Anzug, der aussieht, wie aus den Fünfzigern.
ON: Zum Schluss gibt es ein paar Pop-Up-Fragen.
JW: Ok.
ON: George W. Bush
JW: Ein bedauerlicher Geschlechtsloser, der unser Land anführt.
ON: European Graduate School in Saas Fee.
JW: Oh ja! Die einzige Schule, an der man sich einen Abschluss in John Waters holen konnte. Ich habe da viele Jahre unterrichtet und hatte eine schöne Zeit.
ON: Divine
JW: Ich vermisse ihn. Bin immer noch böse und geschockt, dass er starb.
ON: Johnny Depp
JW: Ein sehr guter Freund. Ein wunderschöner Mann. Eine gütige Person und einer der besten Schauspieler der Welt.
ON: Das nächste Projekt
JW: Ich werde eine TV-Show machen: "John Waters presents Movies that will corrupt you". Ich führe das Publikum ein in dreizehn Filme, ähnlich wie das Alfred Hitchcock schon getan hat. Im Sommer werde ich meinen neuen Film schreiben. Vielleicht weiss ich schon, was es sein könnte, aber es bringt Unglück, darüber zu reden. Ich bin noch nicht so richtig schwanger geworden mit dem Thema.
ON: OutNow.CH
JW: Das hat mit Computern zu tun. Und mein PC hat mir auf dem Trip hierher nur Probleme gemacht. Ich bin überzeugt, mein Computer konspiriert gegen mich und will mich töten.
ON: Dann wünsch ich Glück, dass der Computer dir nichts Böses tut und danke für das Interview.






