The Brothers Grimm (2005)

Die Gebrüder Grimm

Interview mit Charles Roven

Charles Roven

Charles Roven

Vielleicht zählt Charles Roven nicht unbedingt zu den bekanntesten Gesichtern Hollywoods, sicherlich ist er jedoch einer der wichtigsten Männer hinter den Kulissen der Traumfabrik. Als Produzent war er für mehr als zwanzig Filme verantwortlich - darunter echte Perlen wie Twelve Monkeys oder Three Kings - und seine bereits dreissig-jährige Karriere scheint kein Ende zu nehmen. Anlässlich der Biennale di Venezia und der Premiere von Terry Gilliams The Brothers Grimm bekam OutNow.CH die Möglichkeit, ihn zu sprechen und zu befragen. Zusammen mit einigen anderen Journalisten wurden wir in seine gemütliche Suite eingeladen, um uns anzuhören, was uns Mr. Roven aus seinem Alltag als Produzent berichten kann.

» The Interview in English

ON: Alle reden nur von den Problemen mit Terry Gilliam.

Am Set mit Gilliam

Am Set mit Gilliam

CR: Jede Erfahrung beim Filme machen ist anders. Jede einzigartig für sich. Ich habe 25 Filme produziert während meiner Karriere und musste feststellen, dass die Dreharbeiten wenig damit zu tun haben, wie der Film am Schluss wirkt. Einige meiner Filme waren eine Wonne am Set und floppten. Andere Filme von mir waren tumultartig am Set und trotzdem extrem erfolgreich. Einer der Film, die ich produzierte, war Three Kings. George Clooney verstand sich nicht allzu gut mit David O'Russell. Ich denke trotzdem, dass es einer von O'Russells und Clooneys besten Filmen ist. Obwohl sie Probleme am Set hatten, hatte es keinen Einfluss auf den Film oder vielleicht sogar einen positiven Einfluss. Terry ist ein Regisseur, der Besseres kreiert, wenn Aufruhr herrscht. Als ich mit ihm 12 Monkeys drehte, war es auch so. Die Presse pickt sich immer etwas anderes raus bei den verschiedenen Filmen. Ich denke aber nicht, dass sowas einen Einfluss auf das Endresultat hat. Das Wichtigste bei diesem Film ist, dass es ein Terry Gilliam Film ist. Er veränderte das Drehbuch selber und er hatte das Recht auf den Final Cut.

ON: Wie könnte man die Austrahlungskraft von Terry Gilliams Welten beschreiben?

CR: Wenn man sich Terry Gilliam als Regisseur holt, weiss man, dass man eine einzigartige Vision bekommen wird. Alles, was er mit sich bringt, ist Teil der Kreation dieser einzigartigen Vision. Ich als Produzent fühlte, dass er der perfekte Regisseur für diesen Film wäre. Er hat einen markanten Stil, den die Leute unterscheiden können. Sie sagen dann, der Film sei "gilliamesk". Genau das willst du, wenn du einen Film mit ihm machts. Und genau das bietet der Film nun auch.

ON: Ihr beiden kennt euch schon länger. Wann hast du Terry zum ersten Mal getroffen?

Freunde seit 12 Jahren

Freunde seit 12 Jahren

CR: Ich traf ihn, als ich ihm das Script zu 12 Monkeys überreichte. Meine erste Frau hiess Dawn Steele. Sie war die Präsidentin von Colombia Pictures, als Baron Munchhausen herauskam. Das Verhältnis zwischen den beiden war ziemlich gestört. Trotzdem gab ich ihm das Script, und er fragte mich gleich, ob ich mit meiner Frau darüber geredet habe. Ich bejahte und sagte ihm auch, dass ich seine Filme gesehen habe. Seither sind wir gute Freunde. Ich würde sagen seit etwa zwölf Jahren.

ON: Warst du auch beim Film über Don Quixote involviert?

CR: Nur ganz zu Beginn, bevor die Franzosen Einfluss nahmen. Ich vergas wie die französische Produktionsfirma hiess, die das meiste finanziert hat. Wir konnten uns nicht einigen, wie viel der Film kosten sollte. Ich wusste, dass ich den Film nicht finanzieren konnte, mit dem Budget, das er wollte. Ich verliess das Projekt und widmete mich anderen Dingen. Schlussendlich hat er es dann trotzdem geschafft und zwar mit der Summe, die ich ihm auch hätte anbieten können. (Er lacht).

ON: Du hast unterschiedliche Filme produziert. Welche Art Filme produzierst du am liebsten und welches Geheimnis steckt hinter der Auswahl?

CR: Erstmal ist Atlas Teil einer grösseren Firma in der Unterhaltungsbranche. Die Filme, die Atlas Entertainment macht, sind Filme die mich bewegen. Ich mag es, ganz verschiedene Filme zu drehen als Produzent. Ich bin gerne in der Lage, Filme mit einem Appeal für die grosse Masse zu mache wie Batman begins oder Scooby Doo, die beides ganz unterschiedliche Filme sind. Ich mochte aber auch Filme wie Three Kings, 12 Monkeys oder City of Angels. Ich hoffe deshalb auch in Zukunft ganz unterschiedliche Filme, in ganz unterschiedlichen Genres mit unterschiedlichen Regisseuren zu machen. Das wichtigste ist aber, dass ich mich für das Thema des Films interessiere.

ON: Dieses Mal ging es um Märchen. Was sind deine Kindheitserinnerungen an Märchen.

CR: Ich habe einen osteuropäischen Hintergrund. Mein Vater war Tscheche und meine Mutter Ungarin. Als kleiner Junge lauschte ich den Märchen der Gebrüder Grimm und wusste damals schon, wer die waren. Leider denken in Amerika viele Leute, Walt Disney habe Dornröschen erfunden.

ON: Nicht nur dort...

CR: Denkst du?

ON: Sowas wurde auf den Postern nie erwähnt. Da stand immer nur Disney.

CR: Interessant, ja. Ich denke aber, dass speziell in Europa, die Grimms schon einen Begriff darstellen. Ich mag Märchen, weil sie so moralisch sind. Ich mache viele Filme im Bereich des Fantastischen. Mir gefällt dieses Genre und ich weiss, dass Terry auch eine Affinität dafür hat.

ON: War es aus deiner Sicht eine Chance, dass die Grimms in Amerika nicht so bekannt waren? In finanzieller Hinsicht?

Die Crew in Venedig

Die Crew in Venedig

CR: Ich dachte mir, dass wir in den USA besser abschneiden würden. Aber ich spürte auch immer, dass der Film international die besseren Chancen haben würde als in Amerika. Aus den soeben genannten Gründen. Ich war am Spass interessiert, die Gebrüder Grimm wieder zu entdecken. Dieses Märchen innerhalb der Märchen, oder die Fantasy in der Fantasy. Interessanterweise hat das Wort Märchen (Fairy Tale) in den USA eine ganz andere Konnotation als ausserhalb.

ON: Inwiefern?

CR: In den USA ist es ein altmodisches Wort. Man kann damit keine Filme verkaufen. Man nennt sie besser "übernatürlicher Thriller" oder "Fantasy". Lustig, nicht? Wir achteten deshalb darauf den Begriff im Marketing Material zu meiden.

ON: Welches ist dein Lieblingsmärchen?

CR: Im Moment Brothers Grimm (Er lacht.).

ON: Und welches aus deren Welt?

CR: Wow. Das ist schwierig. Müsste ich eines davon separat produzieren, würde ich wohl mehr als nur eines machen. Ich kann dir deshalb keine Antwort geben.

ON: Wie war der Dreh in Prag?

Filmstadt Prag

Filmstadt Prag

CR: Wie gesagt, ist ein Teil meiner Familie tschechisch, ich denke deshalb, dass Prag eine wunderschöne Stadt ist. Ich genoss die Zeit dort sehr. Als ich da war, wurden gerade viele Filme gedreht dort. Es gab deshalb einen Engpass an qualifizierten Leuten. Wir mussten Crewmitglieder aus ganz Europa holen. Das war ein Problem insofern, dass es uns schlussendlich mehr kostete, als wir gedacht haben. Einer der Gründe, da zu drehen, war ja auch der Wechselkurs. Die Leute dort sind aber sehr tüchtig und generös. Momentan denke ich gerade über einen weiteren Film nach und eins der Drehorte, die zur Debatte stehen, ist wieder Prag.

ON: Wieviel Zeit verbringst du normalerweise am Set?

The Dark Knight

The Dark Knight

CR: Es kommt drauf an. Ich produziere viele Filme und mein Job ist nicht immer derselbe. Es hängt auch davon ab, ob es andere Produzenten mit an Bord hat. Bei Batman begins zum Beispiel war ich etwa zu vierzig Prozent auf dem Set, auch weil der Film einen fantastischen Line Producer namens Larry Franco hatte. Auch Emma Thomas war eine Produzentin bei diesem Film. Beim Musical mit Outcast, das gerade beendet wurde, war ich etwas sechzig Prozent der Zeit am Set. Ich würde deshalb sagen, im Minimum dreissig Prozent, Maximum sechzig Prozent, denn meistens drehe ich zur Zeit mehr als einen Film aufs Mal.

ON: Stimmt es, dass es schwieriger wird, in Hollywood gute Drehbücher zu finden? Ist das mit ein Grund, dass die Filme weniger Publikum finden als auch schon?

CR: Ich weiss nicht, ob die Drehbücher schlechter sind. Es gibt mehrere Gründe für die Krise an den Kassen. Sicher hätten die Filme in diesem Jahr besser sein können, aber das Jahr ist ja noch nicht durch. Ich denke auch, dass das Fenster zwischen Kinorelease und Erscheinen der DVD kleiner geworden ist. Auch die Technologie hat sich so weit verbessert, dass man bei sich zu Hause fantastische Unterhaltung geboten bekommt. Man will vielleicht deshalb nicht mehr so schnell ins Kino gehen. Und natürlich die Piraterie. Ich denke auch, das ist ein grosses Problem. Einen Tag nach der Batman begins Premiere konnte ich mir die DVD in Los Angeles in akzeptabler Qualität kaufen.

ON: Wie ist sowas möglich?

CR: Ich denke, jemand klaut Kopien. Oder sie leihen sie sich von einem Kino für eine Nacht. So passiert das wohl.

ON: Was sollte man dagegen unternehmen? Kann man was dagegen unternehmen?

CR: Ich weiss es nicht. Was immer sie auch machen, sie sollten alles Mögliche dagegen unternehmen: Vom Erfinden von technologischen Hürden, bis zum harten bestrafen der Piraten, weil es sich wirklich um einen sehr traurigen Sachverhalt handelt.

ON: Siehst du überhaupt eine Chance?

Oh mein Gott! Piraten!

Oh mein Gott! Piraten!

CR: Wir müssen uns der Sache annehmen. Wenn nicht, geht das ganze Geschäft zu Grunde. Schau dir an, was mit der Musikindustrie passiert ist. Teile meiner Firma sind im Musik Business und wir waren 1998 schon involviert in den ersten legalen Downloads von MP3s. Wir baten die Chefs von Warner Brothers damals, sich darum zu kümmern. Sie taten aber nichts. Jede Plattenfirma ist in dieser Hinsicht schuldig, und sie mussten offensichtlich bös unten durch deswegen. Man muss dem Publikum erklären, dass es illegal ist. Man muss aufs heftigste durchgreifen bei den Piraten, die das im grossen Stil durchziehen. Und die Kosten sollten so gesenkt werden, dass es sich nicht mehr lohnt mit Illegalem herumzuhantieren. Apple hat das ja mit ITunes auch geschafft. Das sind mögliche Lösungen.

ON: Werden DVDs und Kinos zu einer Einheit zusammenschmelzen? Oder zumindest DVDs am gleichen Tag veröffentlicht, an dem die Filme ins Kino kommen?

CR: Ich weiss es nicht. Ich denke, ins Kino gehen ist immer noch ein einzigartiges Erlebnis, das immer gefragt sein wird. Es wird wohl mehr Direct-to-DVD Releases geben, auch mit Stars, die man gut kennt. Und vielleicht gibt es weniger Filme im Kino. Aber aussterben wird das Kino nicht. Ich wäre sehr überrascht, wenn Filme am selben Datum rauskommen wie die DVD. Ich denke nicht, dass das passiert. Vielleicht hast du Charly and the Chocolate Factory oder Batman begins in einem IMAX-Theatre gesehen. Sowas ist unglaublich. Wie gut ein Film auch ist, in einem IMAX ist er noch spektakulärer. Diese Sachen machen Filme zu etwas Einzigartigem.

ON: Du denkst also nicht, dass dem Wort Kino dasselbe Schicksal droht wie dem Wort "Fairy Tale"?

CR: Ich hoffe nicht. Ich hätte sonst keine Zukunft als Produzent

ON: Was ist dein Lieblingsfilm?

CR: Meine Güte, ich habe einen sehr breiten Geschmack und ich hoffe doch, das es kein Genre gibt, in dem ich nicht produzieren könnte. Es gibt Produzenten, deren Arbeit ich sehr schätze, von denen weiss ich genau, dass sie einen Film ganz anders machen würde als ich das täte, und umgekehrt.

ON: Wir wollen Namen hören!

CR: Jerry Bruckheimer, Brian Grazer, Lawrence Gordon sind alles fantastische Produzenten. Ich bin mir aber sicher, dass es noch mehr gibt, die ich jetzt einfach vergessen habe.

10.09.2005 / mazemaster, andri, rm