The Brothers Grimm (2005)
Die Gebrüder Grimm
Interview mit Monica Bellucci

Monica Bellucci
Monica Bellucci begann ihre Kariere als Mannequin, um sich das Jus-Studium an der Uni in Perugia zu finanzieren. Ersten internationalen Erfolg als Schauspielerin hatte sie mit einer Nebenrolle in Bram Stoker's Dracula aus dem Jahre 1992. Seither konnte sie sich in so diversen Filmen wie L'appartement und Matrix Reloaded etablieren. Bellucci ist mit dem französischen Schauspieler Vincent Cassel verheiratet. Sie haben eine Tochter namens Deva. Als OutNow.CH von ihr aufs Hotelzimmer eingeladen wurde, waren leider noch drei, vier andere interessierte Journalisten mit von der Partie, weshalb wir nur ein wenig plaudern konnten. Trotzdem hat uns Madame mit ihrem wunderbaren italienischen Akkzent und einem göttlichen Kleid sofort verzaubert.
OutNow.CH (ON): Terry Gilliam hat uns gerade gesagt, dass er dich engagiert hat, um die grausame Note eines Märchen in den Film zu bringen.
Monica Bellucci (MB): Nein. Einen speziellen Beweggrund für meine Figur hatte er nicht. Wir haben alles am Set bestimmt. Ich dachte, es sei besser, nicht einfach nur gemein zu sein. Das wäre zu flach heraus gekommen. Es musste deshalb intelligenter, süsser, spezieller sein. Ich entschied mich für die Rolle, weil es mit der jungen und der alten Königin ein Doppelrolle war. Ich musste beide spielen. Das Make-Up war mühsam. Es dauerte Stunden. Und die alte und die junge Stimme. Es wurde eine starke ikonische Figur. Deshalb sagte ich zu. Ich wollte natürlich auch mit Terry Gilliam zusammenarbeiten. Ich liebe sein Werk. Und ich liebe diesen Film. Er mischt Märchen und es ist eine Kombination aus Angst und Aussergewöhnlichem, dem Markenzeichen von Gilliam. Wie bei meinen Lieblingsfilmen Brazil oder Baron Münchhausen. Ich liebe die böse Königin, die sich selber unsterblich gemacht hat, aber unglücklicherweise vergas, auch für ewige Jugend und Schönheit zu sorgen. Das macht den Film für mich auch modern, weil es eine Metapher ist, die alle berührt, die sich nur als Bild im Spiegel sehen. Wenn dieses Abbild, der Mythos zerstört ist, wird auch die Person dahinter zerstört. In einer unterschiedlichen Art, sind wir alle Opfer der Eitelkeit.
ON: Wenn du wählen könntest, aus allen Märchenfiguren über die Zeiten, welche würdest Du am liebsten spielen?
MB: Ich weiss es nicht. Es gibt so viele. Schneewittchen, Dornröschen, Rotkäppchen. Ich bin mit den Grimm-Märchen aufgewachsen. Was ich an Gilliam ausserdem mochte: Obwohl der Film voller Effekte ist, gibt er den Darstellern viele Freiheiten zu spielen und sich darzustellen. Manchmal kommt es vor, dass bei bildstarken Filmen die Schauspieler erdrückt werden.
ON: Hast du während dem Dreh einmal magische Momente mit Terry erlebt?
MB: Immer. Nur schon als ich aufs Set kam und den Wald, den Turm und die Kostüme sah. Alles war schön und magisch. Prag ist die ideale Stadt für solche Filme, weil sie schön und mysteriös ist. Die perfekte Atmosphäre für diesen Film.
ON: War es schwer Terrys Vision zu verstehen?
MB: Nein, nein. Terry ist sehr intelligent und er will auch, dass du eigene Ideen einbringst. Ich akzeptierte die Rolle auch wenn sie nur 20 Minuten dauerte. Manchmal spiele ich grosse Rollen, manchmal kleine. Schauspielerei ist keine Frage von Minuten sondern der Rollen.
ON: Hast du dir auch Sorgen gemacht, mit ihm zu drehen? Du kanntest seinen Leumund und hast sicher auch die Lost in la mancha-Dokumentation gesehen.
MB: Terry Gilliam ist eher ein Problem für Produzenten, nicht für uns. Schauspieler lieben ihn. Er ist einer der wenigen Regisseure, welche die Arbeit von uns zu schätzen und lieben wissen. Und dann ist er natürlich auch visuell eine sehr intelligente und eklektische Person. Für die Produktion ist das nicht einfach zu handeln, weil er ein Freigeist ist, fast wie ein Kind. Es war mir eine Ehre mitzuwirken im Film. Ich bin mir sicher, er wird von Studenten an Filmschulen studiert werden, weil es ein so schöner und starker Film ist.
ON: Heath Ledger machte klar, dass er Terry unterstützte im Konflikt zwischen ihm und den Weinsteins. War das bei allen Schauspielern so?
MB: Wir alle unterstützen Terry. (Sie lacht.). Terry wird von allen geliebt.
ON: Hat dich der Konflikt auch berührt?
MB: Ich habe wenig davon gespürt. Alles was ich machen musste, war auf dem Set meine Performance zu geben. Ich hatte nur mit Terry zu tun. Ich fühlte keinen Druck. Ich wurde bei meiner Arbeit nicht gestört. Und solche Unstimmigkeiten gibt es sowieso die ganze Zeit. Die Probleme zwischen den künstlerischen und den Finanzsektionen sind immer dieselben bei den grossen und schwierigen Filmen.
ON: Welche deiner anderen Filme, denkst du, wird auch an Filmschulen behandelt werden?
MB: Malèna, Irréversible... sicher diese beiden.
ON: Hast du noch Kontakt zu Gaspar Noé seit Irréversible?
MB: Oh, Gaspar. Er macht so vieles. Kurzfilme und so weiter, aber er bereitet sich auf einen weiteren Spielfilm vor. Schon bald. Über sehr junge Leute.
ON: Wie oft hast du Irréversible schon gesehen? Kannst du dir den überhaupt anschauen?
MB: Der Film bedeutet mir fiel. Frankreich behandelt ihn als Kultfilm. Er ist seltsam und klein, aber auch speziell. Ich bin glücklich mitgemacht zu haben, weil er so anders ist im Vergleich zu dem, was ich sonst gemacht habe. Ich hab ihn zweimal gesehen, aber es ist schwer für mich, ihn zu schauen.
ON: Wie stehts mit The Passion of the Christ aus? Auch damit noch zufrieden?
MB: Weisst du, Ich bin nicht katholisch sondern agnostisch. Ich kann nicht über Sachen sprechen, die ich nicht begreife. Aus Mel Gibsons Perspektive ist es ein ehrlicher Film, und ich sagte schon immer, Jesu Leben war gewalttätig. Der Film kann nicht anders gemacht werden. Ich wollte Maria Magdalena spielen, weil es eine klassische Rolle ist.
ON: Die beiden Filme bilden eine seltsame Kombination. Das einzige was Irréversible und The Passion of the Christ gemeinsam haben ist...
MB: ...die Gewalt. Stimmt! Deshalb mag ich auch Märchen. Damit kann man die Realität erklären. Alles ist drin: Liebe Hass, Eifersucht. Das Leben ist schrecklich, wie wir alle wissen.
ON: Ein wichtiger Satz deiner Figur im Film ist "Die Realität ist schlimmer als die Fiktion." Stimmst du zu?
MB: Die Leute sagen oft, ein Film sei zu gewalttätig. Das passierte bei The Passion of the Christ oder Irréversible. Ich sage jedoch, die Filme lassen sich immer von der Realität inspirieren. Filme sind letztendlich besser als die Realität. Auch wenn sie gewalttätig sind, sind sie nie gewalttätiger als das Leben.
ON: Welche Rolle würdest du in Zukunft gerne spielen?
MB: Verschiedenes. Ich schätze mich glücklich, dass ich mit Italienern, Franzosen und Amerikanern drehen kann. Das bringt mich nicht nur als Schauspielerin weiter sondern auch als Person. Im Moment drehe ich in Italien mit Paolo Virzì N - Napoleon. Daniel Auteuil spielt Napoleon. Ich bin Emily. Dann spiele ich in Frankreich für Le Concile de Pierre basierend auf einem französischen Roman.
ON: Es muss grossartig sein, Goszinnys Kleopatra und die böse Königin der Gebrüder Grimm zu spielen.
MB: Manchmal spiele ich Ikonen wie Persephone in Matrix Revolutions, die Hexe in diesem Film oder Cleopatra. Manchmal spiele ich aber auch das Gegenteil. Ich bin glücklich darüber viele verschieden Dinge aufs Mal machen zu können. Ich weiss, dass ich viel zu lernen habe und jedes Mal wenn ich einen Film drehe, geben mir die talentierten Regisseure die Möglichkeit besser zu werden. Deshalb arbeite ich gerne mit Leute wie Spike Lee, Terry Gilliam und Mel Gibson.
ON: Die Wahl deiner Filme zeugt davon, dass du dich gerne für kreative Regisseure entscheidest, deren erstes Kriterium nicht die Einspielergebnisse sind. Andererseits bist du oft auch das wunderschöne Covergirl, was ein etwas seichterer Teil deiner Karriere bedeutet. Wie siehst du diese unterschiedlichen Ausrichtungen?
MB: Sowas kann ich nicht immer kontrollieren. Ich kann meine Rollenwahl beeinflussen. Bilder auf Magazintiteln, kann ich nicht wirklich beeinflussen. Manchmal weiss nicht einmal, dass ich auf den Cover bin.
ON: Zum Beispiel bei der Geschichte mit dem Fortpflanzungsgesetz...
MB: Genau. Das war eine grosse Diskussion, weil es ein neues Gesetz (hier in Italien) gegen die künstliche Befruchtung gab. Schrecklich vor allem für die Armen. Die Reichen gehen dann halt einfach nach Paris oder sonstwo hin in Europa oder gleich nach Amerika. Es ist ein dummes politisches Spiel mit den Frauen als Verliererinnen.
Die wollten einfach die Stimmen der Gläubigen. Ich versuchte, wie viele andere Frauen, etwas daran zu ändern, aber es klappte nicht. Schrecklich.
ON: Würdest du dich deshalb auch als politisches Sprachrohr bezeichnen?
MB: Ich bin keine Schauspieler-Aktivistin. Ich bin einfach eine Frau, die aufmuckte, wie viele andere auch.
ON: Gefällt es dir, in der ganzen Welt herumzureisen, wegen den verschiedensten Rollen?
MB: Nur so kann ich als italienische Schauspielerin existieren. Wir haben gute Regisseure und viel Talent in Italien. Das Problem sind aber finanzielle und politische Gründe. Es gibt einfach viel zu wenig Support. Ich komme sehr gerne zurück, um mal wieder etwas zu machen in der Heimat. Gleichzeitig muss ich aber in Frankreich und Amerika arbeiten.
ON: Dein Kind hast du immer dabei?
MB: Ja. Immer.
ON: Ist es schwer eine Balance zu finden zwischen Familie und Kind?
MB: Wir Schauspieler reisen dauernd. Wir haben uns an dieses Leben gewöhnt. Es ist eigentlich das einzige, was wir kennen. Und mein Kind ist immer mit mir. Ich realisiere, wie glücklich ich als Schauspielerin bin. In meinem Job, kann das Baby mitkommen. Wäre ich Anwältin oder Ärztin wäre dies unmöglich. Als ich Frankreich mit Bertrand Blier drehte, war mein Kind drei Monate alt. Es war mit auf dem Set. Ich stillte alle zwei Stunden. So gesehen, ist es ein grossartiger Job.
ON: Ein Schauspieler, den ich kenne, der mit 85 Jahren immer noch Filme dreht, sagte zu mir, dass ein Gesicht mit jeden Altersjahr interessanter wird. Würdest du dem zustimmen?
MB: Was soll ich sagen? Dank dem Gang der Zeit wird meine Arbeit immer besser. Aber alt werden, macht mich nicht glücklich. Älter werden, heisst auch bald zu sterben. (Sie lacht). Ich liebe das Leben. Ich möchte ewig leben - wie die Königin, die ich spiele. Aber das ist unmöglich. Ich habe keine magischen Dragées, muss also damit leben. Aber ich liebe, die Idee ein Kind zu bekommen, weil ein Baby hält dich auf dem Boden der Tatsachen. Du bist besser geerdet.
ON: Was ist deine Ansicht zu Ewiger Jugend und Schönheit?
MB: Das ist unmöglich zu erreichen! Ich muss aber sagen, dass ich froh bin, eine europäische Aktrice zu sein und keine aus Hollywood.
ON: Was gefällt dir am besten in Italien? Was gibt es sonst nirgends?
MB: Die Lebensqualität. Die Leute gehen Ende Juni in die Ferien und kommen im September wieder, zum Beispiel. Wenn ich mit Amerikanern rede, haben die eine Woche Ferien pro Jahr. Die konzentrieren sich nur auf Arbeit, Geld und die Karriere. Italiener leben von Tag zu Tag. Wir nennen es "il bel paese". Es ist wirklich ein schönes Land.









