55. Internationale Filmfestspiele Berlin 2005

Das Tagebuch

Fast Live vom dicken B. oben an der Spree: das Berlinale Tagebuch. Stimmung, Stimmen, Störendes rund um den Potsdamer Platz und wo sonst noch der Bär steppt in der deutschen Hauptstadt. Wenn möglich täglich upgedated. Mehrmals vorbeischauen lohnt sich! Feedback im Forum erwünscht!


Mittwoch, 9. Februar - Fotogen?

Der Tag vor dem Abflug nach Berlin. Es laufen so viele Filme an der Berlinale, wie soll man den Überblick finden? 343 um genau zu sein, aufgeteilt in neun Kategorien. Sich ein Programm zu basteln für jeden Tag ist auch schwierig, weil es wenig Infos zu den Filmen gibt. Die Titel helfen nicht viel weiter. Bei "Weisse Raben-Albtraum Tschetschenien" weiss man, was man hat. Ob wohl "Riyuu" etwas mit "Ringu" zu tun hat? Wir verstehen "Nok-Saek-eai-ja" nicht, andere haben dafür bei "Hoi Maya" Mühe. Das Berlinale-Pressebüro stellt Fotos zur Verfügung. Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte, sage ich mir und lasse mich von denen leiten. Lustigerweise werden die meisten Filme mit Porträits der verantwortlichen Regisseure vorgestellt. Vom Ferienschnappschuss bis zum Passfoto ist alles da. Nur wenig sind Profifotos. Was die Frage aufwirft: Sind Regisseure kamerascheu? Am Ende hab ich mir die Must-Sees immer noch nicht festgelegt. Ich werde mich treiben lassen. Trotzdem machen die einen Stills gluschtiger, andere weniger. Ich merke recht schnell anhand eines Fotos, ob mich der Film interessiert. Ist halt ein visuelles Medium. Und hat's ein bekanntes Gesicht drauf wird auch geguckt. Ich will euch ja nicht langweilen mit den Reviews.


Donnerstag, 10. Februar - The Badge

The Badge - Meinen Pressausweis. Endlich habe ich ihn! Rot ist er und das Foto von mir darauf ist...misslungen. Aber was mir mein SesamÖffneDich alles gratis ermöglicht ist toll: Mineralwasser vom Sponsoren in Sorten wie Kaktusfeige-Birne und Kirsche-Jasmin - Nature gibt es natürlich auch - Internet und Zugang zum Schreibzimmer für Journis etc. Der drahtlose Internetzugang könnte an komfortableren Orten eingerichtet sein, aber man will ja nicht kleinlich sein. Nur die Ausgebufftheit der alten Berlinale-Füchse muss man sich erarbeiten. Wie der Hase läuft, ist alles andere als klar. Nicht jede Filmvorstellung darf besucht werden. Da hilft das breiteste Grinsen auf dem Pressausweisfoto nichts. Pressevisionierungen starten morgens um 9:00 Uhr. Wer am Abend oder nachts Filme angucken will, kann das zwar auch gratis tun, muss aber am Presseschalter anstehen für die Billette. Die Schlange ist wenig kürzer als die vor den üblichen Vorverkaufsstellen. Es gibt Extrazettel, die die Pressevorstellungen ankünden. "Panorama"? Hab ich. "Perspektive Deutsches Kino"? Brauch ich nicht. Aber der für die Wettbewerbsfilme ist unauffindbar. Den gibt es auch nicht. Die stehen nur im "Berlinale Journal", das "im Moment nicht mehr greifbar ist". Es rächt sich, dass ich mir gestern nicht mehr Zeit genommen habe beim Studieren des Programms. Ich habe das Gefühl, ich verpasse was. Die ersten Filme laufen ohne mich. Bei der Pressekonferenz zu Man to Man bin ich dann wieder dabei. Kirstin Scott Thomas scheint sich zu langweilen. Wie ich später höre, hat der Eröffnungsfilm den Leuten auch nicht so gefallen. Später lese ich in der Zeitung, dass die Cinemaxmitarbeiter vielleicht streiken werden. Bormionale! Das kann ja heiter werden...


Freitag, 11. Februar - Das Vergnügen äh die Arbeit beginnt!

Der erste richtige Arbeitstag. Endlich kann man einen Film nach dem anderen gucken. Der erste, Thumsucker macht Spass. Asylum holt Dich dann gleich wieder runter. Ist ziemlich depressiv. Aber die Hauptdarstellerin Natasha Richardson ist wunderschön. Welche Freude ist es der Lady bei der Pressekonferenz zuzugucken. Sie flirtet mit dem Publikum, freut sich über jede noch so dumme Frage. Den Kopf leicht geneigt versprüht sie ihren Charme in der Männerrunde auf dem Podium. Es ist egal was sie sagt mit ihrer rauchigen Stimme, Hauptsache sie spricht. Wenn alle anderen gehen, bleibt sie für die Fotografen, erfüllt fast jeden Positionierungswunsch (Winke-winke) und ist sich auch für Autogramme nicht zu schade. Auch wenn die Fotos noch so alt sind, mit denen ihre männlichen Verehrer auftauchen. Zu denen zähl ich mich nun auch. Da kann mir Keanu Reeves gestohlen bleiben. Von dem wollen ein paar Berlinerinnen ein Kind und das schreien sie auch laut in die Nacht hinein. Ich verpass ihn an seiner Pressekonferenz, weil ich mir Thomas Vinterbergs Dear Wendy angucken muss. Schiesslich wäre es von Vorteil, den Film gesehen zu haben, bevor man sich mit ihm trifft zum Interview am nächsten Tag. Ansonsten bin ich immer noch planlos für die restlichen Tage. Doch der erste Tag ist erstmal geschafft. Ich auch!


Samstag, 12. Februar - Party on!

Man hört ja viel von den rauschenden Festen, die solche Filmfestivals sein sollen. Nur, wann soll man als seriöser Berichterstatter noch Party machen, wenn man sich sonst schon ärgert, dass man nicht alles sehen kann, was man will? Die Tage an der Berlinale sind lange. Schlaf ist wichtig. Doch heute wurde mir die erste Einladung zugesteckt. Die Dänen feiern - "mit Anitipasti, Drinks und Musik" steht auf dem schwarzen Flyer. Und schon bin ich im Dillemma. Da hab ich endlich meinen Plan für das gesamte Festival zusammen (Yes!!) schon macht mir die Aussicht auf einen Gratisschwips einen Strich durch die Rechnung. Polo Hofer in einem Schweizer Film wäre auf dem Programm gestanden. Der hatte aber gegen das ausladende Buffet in einer blondinenlastigen Umgebung wenig bis gar keine Chance als alternative Samstagabendunterhaltung. Die Häppchen waren exquisit. Der Sound des DJ-Pärchens(!) - er im Pinkpullunder, sie mit Achselhöhlenbeharung (!!) - richtig cool und die Frauen...ach könnte ich doch nur ein bisschen besser Dänisch.


Sonntag, 13. Februar - Am siebten Tage sollst Du ruhen.

Der Sonntag scheint der Festivalleitung nicht wirklich heilig zu sein. Mit ruhen ist sowieso nichts. Im Gegenteil: weil auch der normale Festivalbesucher in der Regel mehr Zeit hat am Sonntag als unter der Woche sind die Säle übervoll. Ich kam nicht überall rein, wo ich hinein wollte heute. (Dänisch hin oder her!) Die Filme, die ich heute Sonntag aber sah, waren ausgeprochen unchristlich. In Silentium aus Oesterreich ist das Holz, an dem Jesus hängt, nicht das einzig Morsche bei den Katholiken. Der Film ist Pflicht! Selten so gelacht. Die Gemüter Aller erregte aber Inside Deep Throat, der Film über den Film mit der Frau mit der *flüster* Klioris im Hals. Kaum eine Konversation, die ich den ganzen Nachmittag aufschnappte, ohne die Worte "Deep Throat". Schwedisch, Italienisch, Deutsch sowieso. Sogar Don Cheadle musste im Interview Auskunft geben, ob er den Pornoklassiker gesehen hat. Ob Linda Lovelace den Herrgott bei all diesem Schund auf Erden besänftigen konnte im Himmel oben?


Montag, 14. Februar - Die PR-Profis

Fast genau so wichtig wie die Operateure - 25 Leute arbeiten im Filmlager, um täglich bis zu 270 Festivalvorführungen an der Berlinale zu disponieren und zu beliefern - sind für die Filmjournalisten die PR-Büros. Die Menschen dort - meist weiblich und konsequent nachnamenlos - managen die zu interviewenden Stars und stellen sicher, dass in einem Schreiberlingschwatz nicht dieselben Nationalitäten zweimal vorhanden sind - Was auch nicht weiter schlimm wäre: Die von den PR-Ladies im Rotationsprinzip herumgescheuchten Berühmtheiten erzählen sowieso immer in etwa dasselbe. Public Relations macht man in temporär eingerichteten Büros auf wenig genutzten Hoteletagen. Zum Funktionieren braucht es Telefon, Laptop, Kabel, eine Adresskartei, Pressehefte und Broschuren zum Film und immer - wirklich immer - einen Tisch mit Bergen von Süssigkeiten, was auch die Hauptnahrung der PRler zu sein scheint. Die Reaktion auf Gäste ist unterschiedlich. Ist der Film Schrott wie z.B. der italienische Streifen Provincia meccanica nötigen sie dich fast - immer freundlich natürlich - für Interviews zu melden. Ist der Film spitze wie Yes von Sally Potter (Der perfekte Film zum Valentinstag!) sind die raren Nominationen für Interviews Glückssache. Und nur die Auserwählten bekommen ein Lächeln geschenkt.


Dienstag, 15. Februar - Die Bändelträger

An diesem Festival gehöre ich zu den Bändelträgern. Ich bin bei weitem nicht der einzige mit einem Badge. Nur schon von den roten Pessebadges muss es mehr als Tausend geben, denn das Kino im Berlinale Palast ist auch morgens um neun, wenn nur die Journaille reingelassen wird, mit seinen 1300 Plätzen immer sehr gut gefüllt. Trotzdem hat sich bei mir auch schon das "Ich habe Badge/Ihr seid unwichtig"-Lächeln breit gemacht, wenn ich vor dem Kinoeingang an der wartenden Schlange vorbei laufe. Wer noch etwas mehr dazugehören möchte, trägt neben dem weinroten Bändel, an dem der Badge hängt, auch noch die etwas hässlich geratene offizielle weinrote Berlinale-Tragetasche. Das Ding mit dem TV5-Logo sieht man in den Strassen Berlins öfters als die Fotos des immer halbnackt auftretenden Jury-Mitglieds Bai Ling in den Berliner Zeitungen. Die ganz coolen Bändelträger kommen sowieso ohne Bag aus. Auch vom Klatschheftli Bunte muss man nicht unter die Lupe genommen werden, wie das mit den Kritikern der überregionalen deutschen Zeitungen und Wochenmagazinen gemacht wurde. Es hat Kolleginnen von kleinen, aber feinen Websites, die wie OutNow.CH frisch von der Leber weg berichten. Wer anderes lesen will, als mein Geschreibsel, soll mal bei www.allesfilm.com aus Wien vorbeisurfen.


Mittwoch, 16. Februar - Die Dame mit der Krücke

Die kultigste unter den Bändelträgern, von denen ich euch gestern schon erzählt habe, ist die "Dame mit der Krücke". Die trägt die olle Berlinale-Tasche auch nicht, sondern schleift sie am Boden hinter sich her. An den Pressekonferenzen immer zu spät und immer in der ersten Reihe hat sie schon manchen Star zum Schmunzeln gebracht. Don Cheadle tanzte zu ihrem Handyklingelton und Heike Makatsch wunderte sich über das minutenlange Zurückspulen der Filmrolle der alten Dame in schwarzer Lederkluft. Die Frau heisst übrigens Erika Rabau und gehört schon fast zum Berlinale Inventar. Sogar die offizielle Website hat sie interviewt. Ihr verzeiht man vieles. Den bei den Songs im Film mitsummenden oder nach dem Film geschwollen von "Jokus" statt "Witz" labernden Kritikerkollegen hingegen weniger. Ich zumindest.


Donnerstag, 17. Februar - Rwanda

Eigentlich wollte ich heute über den roten Teppich schreiben. Wie die Fotografenmeute rumschreit, um einen Menschen, der ein bisschen bekannter ist als der Rest, dazu zu bringen in eine bestimmte Linse zu gucken und über das knipsende Volk vor der Toren, das oft erschreckend wenig Ahnung hat, wer sich gerade vor dem MMS-fähigen Handy befindet. Doch heute morgen lief ...Sometimes in April, der zweite Film zum Völkermord in Ruanda, der vor zehn Jahren fast einer Million Menschen das Leben gekostet hat. Bei diesem Thema wird oberflächlicher Trara, wie er um die Stars in Berlin gemacht wird, einfach zur Nebensache. Letzten Freitag schon lief Hotel Rwanda, der andere Film zum selben Thema. Natürlich ist es doof, die beiden Filme zu vergleichen. Die Hauptsache ist, dass viele Leute über den Genozid erfahren und sich schlau machen. Deshalb ist jedes Wort darüber kein verlorenes. Jeder Film, der sich des Themas annimmt, ein wichtiger. Trotzdem möchte ich Euch ...Sometimes in April näher ans Herz legen. Hotel Rwanda ist der Oscar-Nominierte mit dem viel gepriesenen Superstar Don Cheadle. ...Sometimes in April ist der kleinere Fernsehfilm ohne Starpower. Es waren deshalb nur halb so viele Leute an der Pressekonferenz zum Film, wie gestern als Cate Blanchett und Anjelica Houston von der "Leute Heute"-Redaktion und dem People-Magazin über ihre Tätowierungen ausgefragt wurden. Wer trotzdem da war, durfte Bekanntschaft machen mit dem Regisseur und Autor: Raoul Peck. Kein Star am Glitzerhimmel, aber ein Mann den man sich merken sollte. Hoffentlich findet sein vielschichtiges, kraftvolles Werk auch ohne Oscarnomination sein Publikum.


Freitag, 18. Februar - Promiprotzen

Natürlich treffe ich Promis quasi "on the job". Es geht ja wohl schlecht, dass ich für den Oscar Nominierte wie Don Cheadle interviewe, ohne dass ich ihnen gegenübersitze. Doch viel spannender sind die Zufallsbegegnungen mit illustren Mitmenschen, die man eigentlich nicht eingeplant hat. Natürlich gilt dabei alles in der Nähe des roten Teppichs nicht, das wäre zu einfach. Trotzdem ist die Dichte an mehr oder weniger bekannten Leute, in die man quasi reinläuft am Potsdamer Platz recht hoch. Das Update der letzten Tage sieht in etwa so aus.
Freitag: Mousse T. (I'm horny, horny, horny, horny!) sitzt im Restaurant des Hyatt Park beim Frühstück. Herbert Knaup (Agnes und seine Brüder) irrt verwirrt durch das Foyer des Hyatt Park. Der Variety-Kritiker Scott Foundas steht noch später in der Schlange vor Dear Wendy als ich es schon bin. Samstag: Robert Stadlober (Sommersturm) eilt die Treppen hoch im CinemaxX. Thomas Vinterberg (Festen) und Jamie Bell (Billy Elliot) sind auf derselben Party wie ich. Sonntag: Max Riemelt (Napola) und Johanna Bantzer (Strähl) schlichen nach der Gala für die European Shooting Stars aus dem Berlinale Palast. Unter der Woche war es dann wieder ein bisschen ruhiger. Bis ich dann noch das komplette Cast vom chinesischen Film Kong Que in der Lobby des Marriot erblickte. All die regulären Interviews mit Eva Mendez, Amber Valetta, Don Cheadle und vielen anderen Leuten aus dem Filmgeschäft mit denen OutNow.CH an der Berlinale gesprochen hat, folgen in Bälde. Das Zeugs muss erstmal abgetippt werden.


Samstag, 19. Februar - About Smith

Die Katze ist aus dem Sack. Die Gewinner sind bekannt. Und wie schon am Neuchatel International Fantastic Filmfestival (NIFFF) hat OutNow.CH den Gewinnerfilm verpasst. Trotzdem habe ich doch so einiges gesehen in den letzten Tagen und erstaunlich wenig in die Scheisse gelangt bei der Auswahl. Nur bei einem Film bin ein bisschen pissed, that I missed it. Für den neuen Heike Makatsch-Film Keine Lieder über Liebe gab's leider keine Tickets mehr. Was auch nicht weiter schlimm ist. Denn wäre ich in den Film gegangen, hätte ich die oberhammermässig lustige Pressekonferenz mit dem "Prinz von Bel-Air" und dem "King of Queens" verpasst. Will Smith und Kevin James haben dem Festival richtig gut getan. Und der Auftritt der beiden plus einer Menge Ladies, die sie abknutschen (Eva Mendez, Amber Valetta und ein unbekannte Journalistin aus dem Publikum, die den Tag an dem sie unter Will Smith lag, wohl nie mehr vergessen wird.) war lustiger als der Film - Hitch - für den die Truppe nach Berlin kam.

Was mich an dem Festival am meisten erstaunt hat, ist wie viele Menschen sich die Wettbewerbsfilme mit grössten Interesse und Genuss anschauen. Wohlgemerkt, das sind Filme aus Japan, Russland, Taiwan und Südafrika, die bei uns nur in Zürich in den kleineren Kinos laufen - wenn überhaupt. Hier in Berlin füllen die Streifen den Berlinale Palast - ein vierstöckiges Musicaltheater in real life - und laufen auf einer Leinwand in der Grösse der Eigernordwand. Ebenfalls erstaunlich, dass das Licht nie nie nie angeht, bevor nicht auch der letzte Credit erwähnt wurde. Fast so, als ob man den Fakt feiern möchte, dass auch der hinterletzte chinesische Lampendreher noch einen Job gefunden hat. Auch wird nichts gegessen in den Kinos. Klar, die Kritiker aus alle Herren Ländern tun das nicht. Aber auch in den Nebensektionen des Festivals, die in Kinokomplexen laufen, die während dem Rest des Jahres den Blockbustern huldigen, wird auch abends und nicht den Nachtvorstellungen nichts gemampft. Das ist cool. Wie auch die ganze Berlinale an und für sich. Ich bin hier nächstes Jahr, wenn immer irgendwie möglich, wieder dabei. Es freut mich, dass ihr alle bis hierhin mitgelesen habt. Ich werde mein bestes geben, all die fehlenden Reviews und Interviews in den nächsten Tagen online zu schalten. Schreibt was ins Forum, wenn euch was anpisst oder besonders gefreut hat. Ich freue mich über jedes Feedback und habe fertig.

19.02.2005 / rm