John Waters
"John Waters - Change of Life" im Fotomuseum Winterthur
Die mit Abstand meistbesuchten Bereiche dieser kleinen Internetseite, auf der Du gerade surfst, sind die mit den Filmbildern. Im Fachjargon Stills genannt, definieren diese oft die kollektive Erinnerung an einen Film. Nicht die Szene selber, sondern das Still dazu krallt sich in den Hirnen der Menschheit fest. Schliesslich sieht man das Bild meist vor dem Film, sei es in den Aushängen der Kinos, oder auf Websites wie OutNow.CH, wo jeweils der Teufel los ist, wenn es neues Bildmaterial zu kommenden Attraktionen zu erhaschen gibt. Was aber, wenn für den Lieblingsfilm keine Filmstills aufzutreiben sind? Genau dieses Problem hatte auch John Waters. Er kam auf die glorreiche Idee, Standbilder vom TV-Bildschirm abzufotografieren und legte somit den Grundstein für die Bilderkollektion, die jetzt im Fotomuseum in Winterthur zu sehen ist. In pink-violetten Ringelsocken führte der "Papst des Trash" am Sonntag dem 30. Mai 2004 höchstpersönlich durch die Ausstellung und gab witzige Einblicke in seine Beweggründe. Gut 70 Personen hingen an den Lippen mit dem weltbekannten Millimeter-Bärtchen.
Waters breite Bilderserien sind Seitenhiebe auf den Starkult, wenn er in Gegenüberstellungen die Ähnlichkeiten von Charles Manson mit Hollywoodstars wie Brad Pitt entlarvt oder sich der Schönheit von Grace Kellys Ellenbögen widmet. Oft ironisch betitelt, kann er mit seiner Methode Bilder machen, die kein Filmpublizist genehmigen würde oder eigene kleine Kurzfassungen von seinen Lieblingsfilmen mit nur den wichtigsten Szenen. Aber der Filmregisseur wäre nicht als "Pope of Trash" verschrien, wenn es nicht auch ein paar Geschmacklosigkeiten zu sehen gäbe. Das Bild "Toilet Test" dokumentiert Stars wie Edward Norton und John Travolta auf der Toilette. Ein Trend, dem sich nicht mal Nicole Kidman entziehen könne, wie Waters bemerkte. Pickel und Kotze im Film werden ebenso thematisiert wie "12 Assholes and a dirty Foot". Letzteres mit Vorhang, der das Bild schamhaft bedecken kann, wenn der Versicherungsvertreter oder die Schwiegereltern auf Besuch sind. Waters machte in Winterthur den Gästen die Tatsache bewusst, wie schwierig es ist, Standbilder von Arschlöchern zu machen, ohne dass eine Zunge, ein Penis oder dergleichen draufgerichtet sind. Noch schwieriger war das dreizehnte und letzte Foto des dreckigen Fusses zu schiessen. Solche sind sogar in Pornos verpönt. Gemäss Waters sind sie so erpicht auf saubere Füsse, dass auf den Pornosets extra Füsseputzer eingesetzt werden. Mit den Schattenseiten des Filmbusiness befasst sich auch das Werk "Flop". Ein kotzgrünes Kissen mit grossen braunen Buchstaben, das sich Filmproduzenten wohl trotz ihrer Trophäengeilheit nie in ihren Büros ausstellen werden.
Die meisten Bilder des Mannes aus Baltimore sind wohlbekannt und wurden schon in vielen Galerien in den Grosstädten dieser Welt gezeigt. In Buchform sind sie 1997 in "Director's Cut - Der letzte Schnitt" erschienen. In Winterthur hängen Bildern aus der Sammlung von Ben Stiller und Johnny Depp. Wirklich neu in der zuerst im New Museum of Contemporary New York gezeigten Ausstellung "Chance of Life" sind die Einblicke in Waters Privatleben, oder besser, das was er davon veröffentlicht haben möchte; Mittels einer riesigen Wand seiner TO-DO Zettelchen, die er akribisch jeden Tag füllt und nach getaner Arbeit beherzt durchstreicht oder eines Teiles seines Hauses, das von seinem Bühnenbildner nachgebaut wurde. Auch die drei No-Budget-Filme aus der Frühzeit seines Schaffens sind äusserst sehenswert, weil sie selten bis gar nie gezeigt werden. Hag in a Black Leather Jacket (1964), Roman Candles (1966) und Eat Your Make-up (1968) enthalten neben Szenen, in denen Mannequins sich zu Tode modeln müssen, auch Waters ersten Skandal: Die Nachstellung des Film zum Kennedy Attentat mit seiner damals 18-jährigen Muse Divine als Jacky Kennedy.
Wenn man den Film Pecker kennt, Waters "Film über die Kunstszene", wie er ihn liebevoll nennt, kann man die Ausstellung nicht ohne Ironie betrachten. Nimmt er mit seinen Bildern die Museumsbesucher nicht auch ein bisschen auf die Schnippe? Natürlich, denn John Waters ist ein zu exzellenter Showman, als dass er das nicht miteinberechnet hätte. Humor entwaffnet, war schon immer seine Devise. Den seinen konnte er oft beweisen, während seines Aufenthaltes in der Schweiz, der von seinem langjährigen Freund, This Brunner, dem Chef der Zürcher Arthouse Kinos, organisiert wurde. Die Ausstellung ist typisch Waters! Sie vereint seine Standardthemen wie Sex, Scheinheiligkeit, Glamour, Klasse, Familie, Politik, Berühmtheit, Religion, Medien und Faszination am Verbrechen. Wer sich für nur eines davon interessiert, sollte sich "Change of Live" anschauen gehen. Die umfassende Gesamtschau ist noch bis Ende August im Fotomuseum in Winterthur zu sehen.



