Innocence (2004)
Das Interview mit Lucille Hadzihalilovic (Regisseurin)

Lucille Hadzihalilovic
Lucille Hadzihalilovic ist die Lebensgefährtin von Gaspar Noé (Irreversible). Und weil es so doof ist, eine Frau auf ihren Lebensgefährten zu reduzieren, stellte OutNow.CH ihr nicht eine Frage zu ihm, sondern sprach mit der 1961 geborenen Französin über ihren ersten Spielfilm Innocence. Sie hat sich sechs Jahre Zeit genommen für den Film. Die Dauer verstrich, seit ihrem letzten Kurzfilm Good Boys use Condoms. Es war aber gut investierte Zeit. Der Film über ein mysteriöses Mädcheninternat gewann Preise an den Festivals von San Sebastian, Istanbul und Stockholm und sollte, wie sich einen Tag nach dem Interview, das OutNow.CH mit ihr in Neuchâtel führte, heraustellte, auch die Jurys des NIFFF 2005 vollends überzeugen.
OutNow.CH (ON): Wie bist du auf Frank Wedekind gekommen als Vorlage für das Drehbuch zu Innocence?
Lucille Hadzihalilovic (LH): Ich kannte ihn nur vom Namen her, hatte aber noch kein Stück von ihm gesehen. Eine Freundin hat mir die Novelle Mine-Haha empfohlen, und sie hat mich fasziniert. Ich habe deshalb nicht Wedekind gefunden, sondern er mich. Ihn nicht so gut zu kennen, war ein Vorteil. Ich konnte ihn so nicht überinterpretieren.
ON: Für den Film wurden im Vergleich zu Buch einige Änderungen vorgenommen. Erzähl uns ein bisschen welche und weshalb.
LH: Das Buch spielt am Ende des 19. Jahrhunderts. Ich wollte keinen Kostümfilm drehen. Ich verpflanzte die Handlung deshalb in einen zeitlosen Raum, der auch ein bisschen an die 60er Jahre erinnert, weil ich zu dieser Zeit ein Kind war. Im Buch gibt es nur ein Mädchen, das ins Internat eintritt, die Zeit dort verbringt und wieder herauskommt. Es war aber zu schwierig, drei Mädchen für dieselbe Rolle zu finden. Deshalb gibt es im Film eines, das ankommt, eines das sich mitten im Zirkel befindet und eines, das schon alles durchlebt hat. Wir wechseln so von einer zur anderen. Was ich ausserdem sehr seltsam fand war, dass niemand rebelliert im Buch. Alle Mädchen akzeptieren die Schule als solches. Heutzutage würde das nicht mehr gehen meiner Meinung nach. Ich habe deshalb zwei Mädchen erfunden: Alice, die am meisten leidet und flüchtet und die kleine Iris, die es versucht.
ON: Der Film ist eine sehr sinnliche Erfahrung. Hattest Du auch Maler als Inspiration für die Bilder im Film beigezogen?
LH: Eine generelle Referenz für den Film waren die symbolistischen Maler, besonders die belgischen. Aber auch Maler wie Magritte. Also keine bestimmten Künstler, aber alle etwa aus dieser Epoche.
ON: Kennst du die Werke von Caspar David Friedrich?
LH: Natürlich. Was mir an dieser Art von Malerei gefällt, ist die Beziehung zur Natur. Die Personen sind nur ein kleiner Teil davon.
ON: Innocence ist ein Film, der viele Fragen bewusst offen lässt. Ich möchte trotzdem auf einzelne Themen genauer eingehen. Was ist die Rolle vom Wasser im Film?
LH: Der Titel der Novelle ist ein indianisches Wort für "lachendes Wasser". Wasser als Leitmotiv war so fast schon offensichtlich. Ebenso schnell klar war mir, dass der Film in einem Brunnen enden sollte. Im Buch ist der auch schon da, aber ich habe ihn weiterentwickelt. Insbesonders wollte ich den Brunnen zum Ort der Begegnung zwischen den Mädchen und den Jungen machen. Was mir am Wasser gefällt ist, dass es viele Formen annehmen kann. Unter Wasser, die Seen, der Brunnen, das beschützende Wasser, aber auch das bedrohliche Wasser, in dem man ertrinken kann, oder das Gewitter. Im Film wollte ich diese Ambivalenz von Sicherheit und Unsicherheit darstellen. Das geht mit Wasser sehr gut.
ON: Was hat es mit dem Wald auf sich, oder dem Holz, aus dem ja auch der Sarg gebaut ist, aus dem Iris heraus steigt.
LH: Wasser ist Teil des Waldes. Der Wald ist die Natur. Im Film ist die Natur ambivalent. Einerseits beunruhigend, andererseits amüsieren sich die Mädchen dort auch. Er ist ein idyllisches Paradies. Am Abend ist der Wald aber anders. Die Lampen. Tiergeräusche. Das Wasser ist auch ein Teil davon. Für mich ist das nicht strikte getrennt. Wasser ist visuell einfacher zum filmen. Man macht leichter ein Motiv daraus. Der Sarg ist dann noch mal was anderes. Der steht für Rituale und eine gewisse Ordnung.
ON: Wie war es, mit so vielen Kindern zu arbeiten?
LH: Schwierig war es, als es 35 aufs Mal waren, was in etwa zehn Mal vorkam. Dann waren wir immer besonders vorbereitet. Mit den Sechsjährigen war das Problem eher, dass sie nach ca. zwei Stunden keine Lust mehr hatten. Die Darstellerin der Iris war sechseinhalb und sie musste vierzig Tage drehen, was enorm ist für ein Kind in ihrem Alter. Die Kleinen waren natürlicher, aber auch schwieriger zu handhaben. Oft konnten sie nicht zwischen Realität und Drehen unterscheiden. Die Grossen waren einfacher zu führen, aber auch selbstbewusster, rigider und auch ein bisschen gestresst. Im Bezug auf die Geschichte, war das aber gut, weil die Kinder durch die Schule eher etwas steifer wirken sollten. Das war nicht gewollt, aber es fiel mir auf während den Dreharbeiten und es war gut so für den Film.
ON: Gab es Vorwürfe wegen Pädophilie?
LH: Ich denke, heute gibt es im Vergleich zu vor zehn Jahren eine regelrechte Paranoia im Bezug darauf, wie man Kinder beobachtet. Es gab effektiv Reaktionen. Ja, die Kinder baden und sie tragen Jupes, aber ich sehe keine Pädophilie darin. Ich denke, die Leute, die das stört, sind eher Männer. Weil es im Film nur weibliche Figuren hat, ist es für eine Frau einfacher, sich damit zu identifizieren. Männer sind distanzierter und haben vielleicht einen anderen Blick auf die Mädchen.
ON: Die Reaktionen auf den Film waren in Frankreich sehr polarisiert.
LH: Das stimmt. Es ist kein klassischer Film. Es braucht, ich will nicht das Wort Effort benutzen, aber eine gewisse Lust, sich hineinzubegeben. Die Narration ist nicht zwingend. Es gibt keine Antworten. Der Zuschauer findet seinen eigenen Weg in den Film. Es gibt Leute, denen gefällt das nicht. Sie finden ihn lang und sphärisch. Andere bewundern ihn. Ich finde das normal. Sowas ist gut und interessant.
ON: Besten Dank für das Gespräch.



