Books of Shadows: Blair Witch 2 (2000)

Die Produktionsnotizen

Die Hexe von Blair hat mit ihrer ersten Manifestation auf Zelluloid im vergangenen Jahr den Verantwortlichen der grossen Hollywood-Studios einen panischen Schrecken eingejagt. Denn mit dem "Blair Witch Project" eroberte plötzlich ein Film die Charts, der jegliche Vorstellung, wie die ordentliche Reissbrettrezeptur eines Blockbuster auszusehen hat, ins Wanken brachte.

Für nur 30.000 Dollar entstanden, rangiert "Blair Witch Project" mit seinem weltweiten Einspiel von 230 Millionen Dollar unter den profitabelsten Filmen aller Zeiten.

Ein Film, der mit seinen limitierten Mitteln experimentierte und sie bewusst einsetzte, um den Eindruck von Authentizität zu erwecken. Mit seinen rohen, unruhigen Videobildern brachte er seinem Publikum die Einsamkeit, Ausweglosigkeit und das wachsende Grauen dreier Jugendlicher, die keinen Ausweg mehr aus einem finsteren Dickicht fanden, hautnah in den vermeintlich sicheren Kinosaal. Hänsel und Gretel für die Generation der ausgehenden 90er, die sich als längst nicht so abgehärtet erwies, wie sie selbst gerne vorgab...

Hatten andere moderne Klassiker des Horrorfilms, wie "Evil Dead" (1983), ihren Helden noch mit derben Dämonen die Einsamkeit einer abgelegen Hütte im Wald vermiest, hatte der erste "Friday the 13th" (1980) einen maskierten Verhaltensgestörten gebraucht, um den campierenden Teenagern die Abende am Lagerfeuer zu verderben, blieb in "Blair Witch Project" das Böse im Dunkel verborgen. Während in Filmen wie "Amityville Horror" (1979) zwar behauptet wurde, authentische übernatürliche Ereignisse zum Vorbild zu haben, gebärdete sich die Art ihrer Realisierung aber nur wie billiger Budenzauber.

In "Blair Witch Project" statt dessen mussten die Zuschauer den wachsenden Schrecken in den Gesichtern der Protagonisten in peinigenden Details beobachten. Es erwies sich als effektiver, die Vorstellung dem Publikum zu überlassen, die dunkle Macht zu erahnen, als jedes Monsterkostüm, das ein Maskenbilder sich hätte ausdenken können.

Ausserdem revolutionierte der Film die Bedeutung des Internets für die Filmindustrie: Die Webpage www.blairwitch.com verbreitete die Mythologie der Hexe, die in der Wildnis der Wälder rund um das Städtchen Burkittsville umgeht, lange bevor der Film in die Kinos kam. Sie regte Neugier und Phantasie des Publikums an, indem sie Beweise, Zeitungsnotizen, Bilder und Tagebuchauszüge ausstellte, die den Eindruck unterstützten, das Verschwinden der drei Filmstudenten sei tatsächlich nicht mit natürlichen Ursachen zu erklären.

Mit ihrem Film hatte die kleine Produktionsfirma Haxan Film die Grenzen zwischen Realität und Fiktion geschickt zu verschleiern verstanden. Viele, vom Okkulten faszinierte, Zuschauer glaubten an den Fluch der Hexe von Blair und begannen, nach Burkittsville zu pilgern. Die völlig unvorbereitete Stadt sah sich plötzlich mit ganzen Hundertschaften von Schaulustigen konfrontiert, die auf der Suche nach den verschollenen Filmstudenten in die Wälder zogen (und sich selbst verirrten) oder den Friedhof des Ortes zur Wallfahrtsstätte erklärten und versuchten, die Grabsteine als Erinnerung mitzunehmen.

Viele der unwillkommenen Eindringlinge waren überrascht, wie klein Burkittsville in Wirklichkeit war. Da es nur einige hundert Einwohner besass, argwöhnten sie, die unverhältnismässig vielen Grabsteine von Kindern seien nur als Touristenattraktion errichtet worden. Es war eine Unterstellung, die keiner der Einheimischen besonders lustig fand. Der Anrufbeantworter des Rathauses von Burkittsville versuchte, die Dinge richtig zu stellen: "Wenn Sie wegen "Blair Witch Project" anrufen - es ist eine erfundene Geschichte." Niemand mochte ihm glauben.

Als die Produktionsfirmen Artisan Entertainment und Haxan Film mit den Vorbereitungen zur Fortsetzung des "Blair Witch Project" begannen, wussten sie, dass sie für die weitere Erforschung der Legende nach Burkittsville zurückkehren mussten. Da die Neugier der Fans gewaltig war, entschieden die Produzenten, vier verschiedene Drehbuchversionen in Auftrag zu geben, um es so Spionen bis Drehbeginn unmöglich zu machen, den Plot herauszufinden. Jedem der Autoren war zur Inspiration ein altes Buch in die Hand gedrückt worden, das eine angeblich authentische Sammlung mittelalterliche Hexensprüche enthalten sollte. Sein ursprünglich lateinischer Titel sollte auf den neuen Film übertragen werden: "The Book of Shadows".

Doch als der erste Drehtag näher rückte, begann ein Autor nach dem anderen aus dem Projekt abzuspringen. Nur eine der vier Versionen wurde zur Verwunderung der Produzenten zu Ende geschrieben. Produzent Bill Carraro: "Wir waren selbst überrascht, als wir endlich die letzten Seiten bekamen. Der vorgelegte letzte Akt war in keiner unserer Besprechungen mit den Autoren in dieser Form geplant worden. Er wirkte zwar stimmig, er passte zur Mythologie, die wir aufgebaut hatten, aber wir hatten alle schon ein komischen Gefühl, als wir ihn lasen. Ich glaube, es war dann eine gemeinschaftliche Entscheidung aller Verantwortlichen, ihn zu drehen. Aber wir beschlossen, keinem der Schauspieler die Seiten zu zeigen, bis es Zeit war, mit ihnen vor die Kameras zu gehen. Wir wollten niemanden beunruhigen. Es ist schliesslich nur ein Film."

Da die beiden Regisseure des Originals, Eduardo Sanchez und Daniel Myrick Abstand zu der Hysterie, die sie ungewollt ins Leben gerufen hatten, suchten und für den neuen Film nur als Berater tätig werden wollten, begann die Suche nach einem neuen Regisseur.

Joe Berlinger gehörte zu den ersten Filmemachern, die man ansprach, da er sich in den 90er Jahren einen guten Ruf als Dokumentarist von Filmen erworben hatte, die sich mit den Abgründen der menschlicher Psyche beschäftigten. Seine preisgekrönten Dokumentationen "Brother's Keeper" und "Paradise Lost" über eine Serie bestialischer Kindermorde bewiesen, dass er die nötige Sensibilität für die Geschichte um die dämonische Hexe mit ihrem Hass auf Kinder einbringen würde.

Doch als Berlinger mit seinem Team vorab nach Burkittsville reiste, um sich mit dem Städtchen vertraut zu machen, die Einwohner zu informieren und Drehgenehmigungen einzuholen, schlug ihm blanker Hass entgegen. Nach den Auswirkungen des ersten Teils wollte niemand im Ort, dass Burkittsville ein zweites Mal ins Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden sollte. Auf einer eiligst einberufenen Bürgerversammlung versuchte Berlinger, alle Vorurteile zu entkräften. Doch erregte Anschuldigungen wie "wir wurden bereits vergewaltigt, jetzt wollt ihr uns auch noch zu Prostituierten machen" und weitere wütende Zwischenrufe liessen den Regisseur kaum zu Wort kommen. Unverrichteter Dinge verliessen er und seine Mitarbeiter die Versammlung.

Erst einige Wochen später gingen bei der Produktionsfirma Faxe des Bürgermeisters ein, der sich für die Eskalation der Veranstaltung entschuldigte. Mit mehreren Anrufen versuchte er den Mitgliedern des Produktionsbüros zu versichern, wie sehr sich die Stimmung in der Stadt wieder zum positiven verändert habe. Auch wenn er nicht erklären wollte, warum.

Schliesslich beschloss man, den bereits gehegten Plan, in ein anderes Dorf im Staate Maryland auszuweichen, wieder zu den Akten zu legen und um der Authentizität willen in Burkittsville und den echten Black Hills zu drehen. Selbst, wenn doch noch kleinere Probleme auftauchen sollten.

Auf die jungen Darsteller, die Berlinger nach zweimonatiger Suche besetzte, wirkte es ein wenig seltsam, als sie das erste Mal das Drehbuch in die Hand bekamen. Der Text war in scheinbar makabrer Absicht in roter Farbe gedruckt, was, wie sie später erfuhren, nur verbotenes Fotokopieren verhindern sollte. Befremdlicher war, dass die Rollen in dieser Fassung die realen Namen der Schauspieler erhalten hatten. Der Zuschauer sollte, wie bereits beim ersten Film, den Eindruck haben, nicht Schauspielern, sondern wirklichen Menschen zu begegnen. "Normalerweise versuchst du ja, in die Rolle zu schlüpfen, die man dir anbietet. In diesem Falle schien es, als ob sich die Rolle deine Person mit Haut, Haaren und Seele zu eigen machen will. Das war eigenartig, vor allem, als ich allmählich begriff, worauf die Story hinauslaufen sollte", meint Jeff Donovan. Aber für ihn stellte "Blair Witch 2", ebenso wie für die anderen vier Hauptdarsteller, eine zu grosse Herausforderung dar, um sich durch Bedenken die grosse Chance selbst zu verbauen.

Die Dreharbeiten begannen nach Plan, doch schon bald wurde das Team durch den geheimnisvollen Unfall eines Beleuchters beunruhigt. Dabei war ihm nicht einmal etwas am Set passiert: In einem Schockzustand war er aus seinem Hotelzimmer ins Krankenhaus gebracht worden, wo er in einem tiefen Koma verblieb. Die Ärzte konnten keine Ursache für seine Krankheit feststellen. Obwohl kein Zusammenhang zu den Dreharbeiten hergestellt werden konnte, kannte doch jeder im Team die Gerüchte von Filmsets, denen ein Fluch anzuhängen schien. Am bekanntesten war die lange Kette von Unglücksfällen, die von der "Poltergeist"-Filmserie ausging. Verschiedene Mitarbeiter waren kurz nach ihrer Beteiligung an diesen Produktionen gestorben. Unter ihnen die minderjährige Hauptdarstellerin Heather O'Rourke, die in jedem der drei Filme zum Opfer dämonischer Geister wurde. Auch vom Set des "Exorzisten" wurden seinerzeit merkwürdige Vorkommnisse berichtet. Auch hatte jedes der Teammitglieder den ersten "Blair Witch"-Film gesehen.

Die gleiche Form der Massen-Psychose, die ein Jahr zuvor das Publikum des "Blair Witch Projects" hatte glauben lassen, die Ereignisse des Filmes seien real, schien sich nun unter den Mitarbeitern von "Blair Witch 2" auszubreiten.

In diesen ausbrechenden Aberglauben schien es nur zu gut hineinzupassen, dass auf einigen Bildern des belichteten Filmmaterials, die aus dem Kopierwerk zurückkamen, Schatten oder leichter Nebel zu sehen war. In Mustervorführungen tauchte die Behauptung auf, in diesen Bildern seien Gesichter zu erkennen, oder kleine Hände. So abstrakt die Bilder in Wirklichkeit waren - eine Kontrolle der Kameraausrüstung ergab keinen Aufschluss darüber, wie sie entstehen konnten. Kamerafrau Nancy Schreiber nahm ausserdem ihre Kameracrew in Schutz. Sie hatte bereits bei einigen Produktionen mit dem gleichen Team gedreht und vertraute deren Professionalität. Für sie stand es ausser Frage, dass sich jemand einen Scherz auf Kosten der Produktion erlaubte: "Solche Probleme können am Filmmaterial oder Labor liegen. Wir mussten zwei oder drei Szenen neu drehen, nichts gravierendes. Der Regen hier war ein grösseres Problem." Einige Bilder, die die vermeintlichen Geistererscheinungen zeigen, wird vermutlich ein "Making Of" der Produktion enthalten.

Aber auch die Tonabteilung erlebte ähnliche Probleme wie die Kameracrew. Ein seltsames Störgeräusch verdarb einige der DAT-Bänder, obwohl es bei der Aufnahme nicht zu hören war. Bei dem Versuch, es aus den Aufnahmen herauszufiltern, stellte der Tonmann fest, dass dieses Geräusch dem Stöhnen eines Mannes ähnelte.

Zum Ärger der Produzenten begann einer der Fahrer jedem, der es hören wollte oder nicht, zu erklären, er stamme von den Ureinwohnern dieser Gegend ab, einem Indianerstamm namens Nanticoke. Sein Volk habe von einer dunklen Macht in den Wäldern gewusst, die hier lange schon gelebt hatte, bevor die Engländer das Land kolonisierten.

Der Name dieses bösen Geistes sei Hecaitomix. Dem Fahrer wurde gekündigt, nachdem er dabei erwischt wurde, eine Reihe von Steinen in okkultem Kreis rund um eines der Fahrzeuge zu legen. Trotzdem war der Rest der Crew nicht davon abzubringen, die Hellseherin Sophia Luma zu engagieren, um den Vorfällen auf den Grund zu gehen.

Sophia hörte sich die Bänder des Tonmannes an und behauptete, auf ihnen die Stimme eines Mannes zu vernehmen, der um Hilfe rufe. Bei Ansicht der fehlbelichteten Filmbilder begann sie zu weinen, wollte aber niemandem den Grund ihrer Trauer verraten. "Gleich als diese Frau am Set erschien, ging mir ein Schauer durch den ganzen Körper", erklärt Bill Carraro. Trotzdem waren alle froh, dass die Hellseherin erklärte, der Fluch habe sich durch seine Inkarnation auf dem Filmmaterial selbst gebannt.

Mit Sophias Erscheinen endete die Kette der seltsamen Vorkommnisse. Die Dreharbeiten konnten ohne weitere Besonderheiten beendet werden. Zum Glück war es gelungen, die Schauspieler von den Vorgängen um sie herum abzuschotten. "Ich habe von irgendwelchen seltsamen Sachen nichts bemerkt", meint Jeff Donovan knapp. "Wir hatten eine gute Zeit, so gut wie es eben geht, wenn man bestimmte Sachen spielen muss..."

Auch der Beleuchter erwachte nur wenige Tage später aus seinem Koma, ohne Erinnerung daran, wie sein Zustand ausgelöst wurde.

Bill Carraro nach dem letzten Drehtag: "Nächstes Mal bauen wir diese verdammte Stadt und den ganzen verdammten Wald lieber gleich im Studio auf". Er grinst dabei. Vielleicht, weil er weiss, dass für den nächsten Film der Schöpfer des ersten "Blair Witch Project" zurückkehren werden und sich dann selbst wieder mit dem Fluch herumschlagen müssen, den sie ins Leben gerufen haben.

20.11.2000 / Frenetic